Kapitel 18 | Der Weg nach Osten – Das Tagebuch des Martin Adler | Hörbuch

Kapitel 18 | Der Weg nach Osten - Das Tagebuch des Martin Adler | Hörbuch

Der lange Rückzug nach Westen hat begonnen. Es ist kein panisches Fliehen mehr wie einst vor Moskau, sondern ein langsames, zähes, blutiges Zurückweichen, ein Kämpfen um jeden Kilometer, den wir doch preisgeben müssen. Wir bluten für ein Land, das wir nicht halten können, und das ist die bitterste Art zu kämpfen, die ich kenne.

Die stählernen Ungeheuer, die T34-Panzer, sind zu meinem ständigen Begleiter geworden. Sie rollen über das Schlachtfeld, niedrig und schräg gebaut, mit abgeschrägten Panzerplatten, an denen unsere Geschosse oft abprallen. Sie sind schnell und wendig, kommen über jedes Gelände, über Schnee und Schlamm und Gräben. Wenn sie in Massen angreifen, ist es, als bräche eine stählerne Flut über uns herein, eine Naturgewalt, gegen die kein Kraut gewachsen scheint.

Ich erinnere mich an die erste Begegnung mit diesen Panzern schon im ersten Jahr vor Moskau. Das Grauen, das mich damals ergriffen hatte, war tief und lähmend. Doch in den späteren Jahren, als der Feind über immer mehr dieser Panzer verfügte und sie in immer größeren Massen einsetzte, wurde diese Furcht zu einem ständigen Begleiter, einer dumpfen, würgenden Angst, die mir den Atem nahm.

Ein Angriff dieser Panzer ist ein furchtbares Erlebnis. Der Infanterist kauert in seinem flachen Graben und sieht die stählernen Kolosse auf sich zurollen, die Ketten malend, die Kanonen feuernd. Er weiß, dass er gegen sie kaum etwas vermag. Der T34 hat etwas Unheimliches, beinahe Lebendiges an sich, anders als die plumpen, hohen Panzer, die ich zuerst gekannt hatte.

Wir hatten Mittel gegen die Panzer, gewiss. Wir hatten die Panzerabwehrkanonen, die Pak. Und wir hatten später bessere Waffen, die Panzerfaust, die auch der einzelne Mann gegen einen Panzer einsetzen konnte. Doch diese Mittel verlangten Mut, äußersten Mut. Um einen Panzer mit der Panzerfaust zu bekämpfen, musste man ihn nahe herankommen lassen, musste warten, bis er fast über einem war, und dann im letzten Augenblick abschießen.

Das verlangte Nerven, die kaum ein Mensch hatte, denn die Versuchung, vorher zu fliehen, war übermächtig. Und wer floh, den überrollte der Panzer oder mähte ihn nieder. Ich lernte in jenen Jahren die Furcht vor den Panzern kennen in all ihren Formen. Und ich lernte auch, sie zu überwinden, soweit man eine solche Furcht überwinden kann, denn man musste sie überwinden, um zu überleben.

Feldwebel Weiß lehrte uns, wie man den Panzern begegnete. Er lehrte uns, dass die Panzer allein, ohne begleitende Infanterie, dem entschlossenen Infanteristen weniger gefährlich waren, als man glaubte. Denn der Panzer ist blind, er sieht wenig durch seine schmalen Sehschlitze. Wer sich ruhig verhielt, wer ihn vorüberließ und ihn dann von hinten oder von der Seite angriff, wo seine Panzerung schwächer war, der hatte eine Chance.

Doch das Schlimmste war, wenn die Panzer mit Infanterie zusammen angriffen. Dann konnte man sich nicht ruhig verhalten, dann musste man kämpfen gegen die Infanterie und gegen die Panzer zugleich. Und das war die Hölle. Ich erlebte solche kombinierten Angriffe mehr als einmal, und jedes Mal war es ein Ringen am Rande der Verzweiflung, ein Kampf, in dem alles auf des Messers Schneide stand.

Ich sah viele Kameraden unter den Ketten der Panzer sterben oder von ihrem Feuer zerrissen werden. Die Furcht vor diesen stählernen Ungeheuern grub sich so tief in mich ein, dass sie mich noch lange nach dem Krieg verfolgte, in meinen Träumen, in denen die malenden Ketten auf mich zurollten und ich nicht fliehen konnte, festgewurzelt im Boden, dem Untergang geweiht.

Es kam an einem trüben Frühlingstag jenes Jahres zu einem der furchtbarsten Panzerangriffe, die ich erlebte. Ich will davon erzählen, denn er steht mir noch heute vor Augen in all seiner Schrecklichkeit. Und er war es, in dem sich für mich die ganze Hilflosigkeit des Infanteristen vor den stählernen Ungeheuern offenbarte.

Wir lagen in unseren Stellungen, hastig ausgehoben in einem flachen, offenen Gelände, das kaum Deckung bot. Der Feind griff an, und es war ein Angriff von einer Wucht, einer Massierung, wie wir sie selten erlebt hatten. Er warf Panzer gegen uns, Dutzende von Panzern, eine ganze Brigade vielleicht, und sie kamen über das offene Feld auf uns zu in breiter Front, eine stählerne Walze.

Hinter ihnen und zwischen ihnen die Infanterie in dichten Massen. Ich lag in meinem Graben und sah diese Flut auf mich zukommen, und eine Furcht ergriff mich, eine Furcht, die jenseits aller bisherigen Furcht lag. Eine lähmende, würgende Furcht, die mir den Atem nahm und das Blut in den Adern gerinnen ließ.

Unsere Panzerabwehr eröffnete das Feuer. Die Pak hämmerte, und einige der feindlichen Panzer wurden getroffen, blieben brennend liegen. Schwarzer Rauch stieg auf, doch die anderen rollten weiter, unaufhaltsam. Sie überrollten unsere vorderste Linie, brachen durch, und nun waren die Panzer mitten unter uns in unseren Stellungen. Es entstand ein Chaos, ein Inferno, in dem jeder um sein nacktes Leben kämpfte.

Ich erinnere mich an einzelne Bilder aus jenem Chaos, an Bilder, die sich mir eingebrannt haben mit der grellen Schärfe des äußersten Schreckens. An einen Panzer, der über einen Graben rollte, in dem Männer kauerten, und der sich dort drehte, hin und her, um die Männer unter sich zu zermalmen. Ein furchtbares, teuflisches Werk.

Ich hörte die Schreie, die unter dem malenden Stahl erstickten, und ich konnte nichts tun, gar nichts. Ich presste mich in meinen eigenen Graben und betete, dass das Ungeheuer nicht zu mir käme. Ich erinnere mich an Erich Vogt, der mit seinem Maschinengewehr die begleitende Infanterie niederhielt, der feuerte, bis der Lauf glühte, der die feindlichen Schützen am Boden hielt, sodass sie die Panzer nicht decken konnten.

Ich erinnere mich, wie ein Mann unseres Zuges, ein stiller Bursche, dessen Namen ich vergessen habe, mit einer Panzerfaust aus seinem Graben sprang und auf einen Panzer zustürmte, der sich uns näherte. Wie er im letzten Augenblick abschoss und den Panzer traf und ihn in Brand setzte. Und wie er im selben Augenblick von dem Feuer eines anderen Panzers zerrissen wurde, sodass sein Opfer und sein Erfolg in einem Atemzug zusammenfielen.

Wie wir jenen Angriff überstanden, vermag ich kaum zu sagen. Es war ein Wirrwarr aus Feuer und Stahl und Tod, in dem alle Ordnung sich auflöste, in dem jeder allein kämpfte gegen die Übermacht. Und doch hielten wir, irgendwie hielten wir. Unsere Panzerabwehr und der verzweifelte Mut der Männer, die mit Panzerfäusten gegen die stählernen Ungeheuer anstürmten, brachten den Angriff schließlich zum Stehen.

Die überlebenden Panzer zogen sich zurück, ließen ihre brennenden Kameraden auf dem Feld zurück, und die feindliche Infanterie wich mit ihnen. Als die Schlacht verebbte, lag unser Abschnitt übersät mit Toten und mit den brennenden Wracks der Panzer. Der Rauch hing schwer über dem Feld, und der Gestank von verbranntem Öl und verbranntem Fleisch erfüllte die Luft.

Ich erhob mich aus meinem Graben, zitternd, kaum fähig zu glauben, dass ich noch lebte. Ich sah mich um nach den Kameraden, suchte die vertrauten Gesichter. Ich fand Otto lebend, Gott sei Dank, und Weiß und Lindner, der schon bei den Verwundeten kniete. Doch viele andere fehlten. Viele waren geblieben in jenem Inferno, zermalmt unter den Ketten, zerrissen vom Feuer.

Der Sieg, wenn man es einen Sieg nennen konnte, war teuer bezahlt mit dem Blut so vieler. Ich stand auf dem Feld der Schlacht zwischen den Toten und den brennenden Panzern, und ich fühlte keine Freude über das Überleben, sondern nur eine tiefe, dumpfe Erschöpfung und einen Abscheu vor dem Krieg, der solches Grauen gebar.

Nach jenem Panzerangriff und nach unzähligen ähnlichen Gefechten begann, was Feldwebel Weiß nach Stalingrad vorausgesagt hatte: der lange Rückzug, jener zähe, blutige, scheinbar endlose Weg zurück nach Westen, der nun unser Schicksal werden sollte für die kommenden Jahre. Es war ein Rückzug ganz anderer Art als jener panische, chaotische Rückzug vor Moskau im ersten Winter.

Dieser Rückzug war langsamer, methodischer, ein schrittweises Zurückweichen unter ständigem feindlichem Druck. Ein Verteidigen und Aufgeben einer Stellung nach der anderen, ein Kämpfen um jeden Kilometer, der doch am Ende preisgegeben werden musste. Diese Art des Rückzugs, dieses langsame, stetige Zurückweichen, hatte eine eigene zermürbende Qual.

Man kämpfte und blutete für ein Land, das man doch nicht halten konnte. Man wusste, dass aller Kampf, alles Sterben vergeblich war, dass man am Ende doch weichen musste, immer weiter nach Westen. Wir wichen zurück durch ein Land, das wir im Vormarsch durchzogen hatten, durch dieselben Landschaften, dieselben Dörfer.

Es war ein bitteres Gefühl, dieselben Orte nun in umgekehrter Richtung zu durchziehen, fliehend, geschlagen, wo wir einst siegreich vorgerückt waren. Ich erinnerte mich an die Hoffnungen, mit denen wir einst vorgestoßen waren, und verglich sie mit der Trostlosigkeit unseres jetzigen Weichens. Der Vergleich war bitter.

Der Rückzug wurde begleitet von einer Taktik, die mir die Seele beschwerte und die ich nur mit Widerwillen mitvollzog: der Taktik der verbrannten Erde. Es war Befehl, dem nachrückenden Feind nichts zu hinterlassen, was ihm hätte nützen können. So zerstörten wir auf unserem Rückzug, was wir nicht mitnehmen konnten, brannten die Dörfer nieder, vernichteten die Vorräte, sprengten die Brücken und die Bahnen.

Ich, der ich an die Bäuerin dachte und ihre Kinder, an die alte Frau am Ofen, an all die unschuldigen Menschen dieses Landes, litt unter dieser Zerstörung, die wir über sie brachten. Wir nahmen ihnen, was ihnen zum Überleben blieb, trieben sie in Hunger und Elend. Ich sah die Gesichter der Bauern, wenn wir ihre Häuser anzündeten, ihre Vorräte vernichteten, sah die stumme Verzweiflung, den Hass.

Ich schämte mich. Ich begriff, dass wir auf unserem Rückzug ein noch größeres Unrecht über dieses Land brachten als auf unserem Vormarsch. Wir verwandelten es in eine Wüste, und dieser Frevel gehörte zu der langen Liste der Frevel, die wir auf uns geladen hatten und die ich nicht mehr verantworten konnte vor meinem Gewissen.

In jenem langen Rückzug lernte ich eine neue Stufe der Verzweiflung kennen. Eine Verzweiflung, die nicht mehr aufloderte, sondern die zu einem dauernden Zustand geworden war, einer dumpfen, grauen Hoffnungslosigkeit, in der wir dahinlebten, kämpfend, sterbend, weichend, ohne ein Ziel als das nackte Überleben, ohne eine Hoffnung als die, vielleicht doch das Ende zu erreichen.

Ich begriff, dass dieser Krieg, der einmal mit so viel Lärm und Glanz und Hoffnung begonnen hatte, nun in einem langen, elenden Dahinsterben endete, einem Verbluten der Truppe auf dem endlosen Weg zurück. Und doch, das war das Sonderbare, das Erstaunliche, gaben wir nicht auf, kämpften wir weiter, hielten wir zusammen.

Ich fragte mich oft, woher wir die Kraft nahmen, weiterzumachen, da doch alle Hoffnung dahin war. Ich fand die Antwort schließlich in dem, was uns blieb: in der Kameradschaft, in der Bindung zueinander, in dem Wunsch, die wenigen, die uns geblieben waren, nicht im Stich zu lassen. Und in jenem nackten, tierischen Überlebenswillen, der dem Menschen eingepflanzt ist und der ihn weiterkämpfen lässt, auch dann noch, wenn aller Sinn, alle Hoffnung verloren ist.

So wichen wir zurück, Schritt um Schritt, kämpfend, blutend, sterbend nach Westen, der Heimat entgegen und doch zugleich dem Untergang. Ich wusste nicht, was am Ende dieses Weges auf uns wartete, und ich wagte kaum daran zu denken. In jener Zeit des langen Rückzugs, da das Sterben zum Alltag geworden war und die Hoffnung erloschen, wurde das bloße Überleben zur einzigen Aufgabe, zur einzigen Kunst, die noch zählte.

Ich, der nun schon zwei Jahre und mehr im Krieg stand, war zu einem alten, erfahrenen Soldaten geworden, zu einem von jenen wenigen, die so lange überlebt hatten, dass sie die Kniffe und Listen des Überlebens beherrschten wie ein Handwerk. Ich gestehe, dass ich diese Kunst des Überlebens mittlerweile mit einer kalten, fast instinkthaften Sicherheit ausübte.

Mein Körper und mein Geist hatten sich angepasst an die ständige Gefahr. Ich nahm Dinge wahr und tat sie, ohne nachzudenken, die mir das Leben retteten. Ich hatte gelernt, das Pfeifen der Granaten zu deuten, die Geräusche des Krieges zu lesen wie ein Buch. Ich hatte ein Gespür entwickelt für die Gefahr, eine Art sechsten Sinn, der mich warnte, ehe der Verstand begriff, und der mich oft im rechten Augenblick in Deckung warf.

Ich hatte gelernt, mit der Furcht zu leben, sie zu beherrschen, statt mich von ihr beherrschen zu lassen. All die Künste, die ich einst den jungen Rekruten zu lehren versucht hatte, ich beherrschte sie nun selbst zur Vollendung, und sie hielten mich am Leben, wo so viele andere starben. Doch diese Kunst des Überlebens hatte ihren Preis, und der Preis war hoch.

Um zu überleben in jenem unaufhörlichen Sterben, musste man sich abhärten, musste man eine Schale um sein Herz legen, einen Panzer, der die Gefühle abhielt. Wer im Krieg jeden Toten betrauert hätte, jeden gefallenen Kameraden, jedes Grauen, das er sah, der wäre zerbrochen. So lernten wir nicht mehr zu fühlen oder doch das Fühlen zu unterdrücken, lernten über die Toten hinwegzusehen, weiterzugehen, weiterzumachen, als wäre nichts geschehen.

Diese Abstumpfung, diese Verhärtung war notwendig zum Überleben und doch zugleich eine furchtbare Verstümmelung der Seele, ein Verlust an Menschlichkeit. Ich spürte mit Schrecken, wie auch ich abstumpfte, wie auch in mir die Schale wuchs, wie ich Dinge mit Gleichgültigkeit hinnahm, die mich früher erschüttert hätten. Ich fürchtete mich vor dieser Verhärtung, fürchtete, dass ich am Ende, wenn ich überlebte, kein Mensch mehr sein würde, sondern nur noch ein abgestumpftes, gefühlloses Wesen, geformt vom Krieg zu seinem Ebenbild.

Doch gegen diese Verhärtung kämpfte ich an, soweit ich konnte. Ich erinnerte mich an die Worte Lindners, dass wir die Menschlichkeit bewahren müssten in der Unmenschlichkeit. Ich klammerte mich an die wenigen Dinge, die mich noch fühlen ließen: an die Liebe zu Otto, an die Erinnerung an die Toten, an Karl und Fritz, deren Andenken ich in mir wachhielt.

An Karls Gedichtband, den ich noch immer bei mir trug, und in dem ich zuweilen las. Die Briefe von zu Hause, an die Mutter mit ihrem Kind im Lazarett. An all die kleinen Funken der Menschlichkeit, die ich erlebt hatte. Ich nährte diese Funken, hütete sie wie ein kostbares Feuer, damit sie nicht erlöschten in der Kälte des Krieges.

Ich begriff, dass dies mein eigentlicher Kampf war, nicht der Kampf gegen den äußeren Feind, sondern der Kampf um meine eigene Seele. Der Kampf, ein Mensch zu bleiben in einer Welt, die alles tat, um mich zu einem Tier oder einer Maschine zu machen. Und dieser innere Kampf war der Schwerste, den ich zu führen hatte. Ob ich ihn gewann, das vermag ich bis heute nicht mit Sicherheit zu sagen.

Doch ich gab ihn nicht auf. Und vielleicht ist das schon ein Sieg, dass ich ihn nicht aufgab, dass ich weiterkämpfte um meine Menschlichkeit, auch als alles um mich her verloren schien. Mai 1943. Der lange Rückzug hat begonnen. Weiß hat es vorausgesagt nach Stalingrad, und nun ist es da. Kein wilder, panischer Rückzug wie damals vor Moskau, sondern ein langsames, zähes Zurückweichen, ein Kämpfen um jeden Kilometer, den wir doch preisgeben müssen.

Wir bluten für ein Land, das wir nicht halten können. Das ist die bitterste Art zu kämpfen. Und wir hinterlassen verbrannte Erde. Es ist Befehl. Wir brennen die Dörfer nieder, vernichten die Vorräte. Ich denke an die Bäuerin, an die alte Frau am Ofen, an all die unschuldigen Menschen. Wir nehmen ihnen das Letzte. Ich schäme mich. Wir bringen auf dem Rückzug noch größeres Unrecht über dieses Land als auf dem Vormarsch.

Ich bin ein alter Soldat geworden, zwei Jahre und mehr. Ich beherrsche die Kunst des Überlebens wie ein Handwerk. Ich höre die Granaten. Ich spüre die Gefahr, ehe der Verstand sie begreift. Das hält mich am Leben, wo andere sterben. Aber es hat einen Preis. Ich stumpfe ab. Ich lege eine Schale um mein Herz, sonst zerbreche ich. Ich nehme Dinge hin, die mich früher erschüttert hätten.

Ich habe Angst vor dieser Verhärtung, Angst, am Ende kein Mensch mehr zu sein. Aber ich kämpfe dagegen. Ich halte mich an Otto, an die Erinnerung an Karl und Fritz, an Karls Gedichtband, an die Briefe von zu Hause. Das ist mein eigentlicher Kampf, ein Mensch zu bleiben in der Unmenschlichkeit. Es ist der schwerste Kampf. Ob ich ihn gewinne, weiß ich nicht, aber ich gebe ihn nicht auf. Vielleicht ist das schon genug.