Die Normandie im Sommer 1944, zwei Monate nach der alliierten Landung am 6. Juni, steht die Wehrmacht vor dem Abgrund, und was als geordneter Rückzug hätte erfolgen können, wird durch Hitlers Starrsinn zur größten Katastrophe der deutschen Streitkräfte im Westen, der Kessel von Falaise wird zum Massengrab einer ganzen Armee.
Nach dem erfolgreichen D-Day hatten sich die alliierten Streitkräfte über Wochen in zähen Kämpfen festgebissen, die Briten und Kanadier brauchten fast zwei Monate, um Caen zu erobern, während die Amerikaner erst Ende Juli mit der Operation Cobra durch die deutschen Linien bei Saint-Lô stießen.
General Pattons dritte amerikanische Armee durchbrach bei Avranches die deutsche Verteidigungsfront und stieß rasch ins Landesinnere vor, innerhalb weniger Tage rollten amerikanische Panzerverbände durch die Bretagne und schwenkten dann nach Osten in Richtung Le Mans.
Die deutsche Siebte Armee und Teile der fünften Panzerarmee standen plötzlich vor einer existentiellen Bedrohung, die Lage erforderte einen sofortigen Rückzug hinter die Seine, doch General Feldmarschall Günther von Kluge, der Oberbefehlshaber West, erkannte die Gefahr und bat Hitler mehrfach um die Erlaubnis, seine Truppen geordnet zurückzuziehen.
Der Diktator im fernen Ostpreußen lehnte jeden Rückzug kategorisch ab und befahl stattdessen das Undenkbare, einen Gegenangriff, Hitler ordnete einen massiven Panzerangriff gegen die amerikanischen Stellungen bei Mortain an, die Operation trug den Decknamen Lüttich, benannt nach der belgischen Stadt, die deutsche Truppen genau 30 Jahre zuvor im Ersten Weltkrieg erstürmt hatten.
Der Plan war kühn bis zur Verrücktheit, vier Panzerdivisionen sollten nach Westen durchstoßen, die Küste bei Avranches erreichen und so Pattons Nachschublinien durchtrennen, von Kluge hielt den Befehl für wahnsinnig, er wusste, dass seine erschöpften Truppen nach zwei Monaten schwerer Kämpfe kaum noch kampffähig waren.
Die alliierte Luftüberlegenheit machte jede Bewegung am Tag zum Selbstmord, trotzdem musste er gehorchen, in der Nacht zum 7. August griffen die deutschen Panzer an, die zweite Panzerdivision durchbrach zunächst die amerikanischen Linien und stieß 15 Kilometer vor, doch der Erfolg währte nur Stunden.
Die Briten hatten den deutschen Funkverkehr entschlüsselt, die Amerikaner wussten vom Angriff, bevor er begann, bei Tagesanbruch griffen alliierte Jagdbomber die deutschen Kolonnen an, Typhoons und Thunderbolts verwandelten die Straßen in brennende Höllenschluchten, Panzer explodierten, Munitionslager flogen in die Luft, Soldaten starben zu Hunderten.
Innerhalb weniger Stunden war der Angriff gescheitert, die Deutschen verloren bei Mortain über 120 Panzer und Sturmgeschütze, mehr als zwei Drittel ihrer eingesetzten Fahrzeuge, doch Hitler befahl, den Angriff fortzusetzen, selbst als seine Generäle ihn anflehten, das Unternehmen abzubrechen, bestand er auf Weiterkämpfen.
Diese Sturheit sollte zehntausenden deutschen Soldaten das Leben kosten, während die deutschen Panzer bei Mortain verbluteten, stießen die Alliierten von allen Seiten vor, die Amerikaner schwenkten von Le Mans nach Norden und erreichten Argentan, die Kanadier und Briten drückten von Caen aus nach Süden gegen Falaise.
Eine gigantische Zange begann sich um zwei deutsche Armeen zu schließen, General Montgomery befahl seinen Truppen, bei Falaise und Chambois zusammenzutreffen und den Ring zu schließen, 28 Infanteriedivisionen und 11 Panzerdivisionen der Wehrmacht drohten eingekesselt zu werden, ein Gebiet von 50 Kilometer Länge und 20 Kilometer Breite wurde zur Todesfalle.
Von Kluge erkannte die Katastrophe und befahl den Rückzug durch die noch offene Lücke im Osten, das zweite SS-Panzerkorps sollte den Fluchtweg so lange wie möglich offen halten, doch der Befehl kam fast zu spät, die Lücke zwischen den amerikanischen und kanadischen Truppen schrumpfte täglich.

Die zwölfte SS-Panzerdivision Hitlerjugend, bestehend aus fanatischen Teenagern, lieferte sich erbitterte Kämpfe gegen die kanadische vierte Panzerdivision, diese jungen Soldaten, die meisten erst siebzehn oder achtzehn Jahre alt, kämpften mit einer Verzweiflung, die selbst erfahrene Veteranen erschreckte, in vier Wochen hatte die Division bereits 60 Prozent ihrer Männer verloren.
Nun sollten die Überlebenden den Kessel offen halten, der Mont Ormel, ein 262 Meter hoher Hügel östlich von Falaise, wurde zum Schlüssel der Schlacht, wer diesen Hügel hielt, kontrollierte das umliegende Gelände und damit den Fluchtweg der eingekesselten deutschen Truppen.
Die polnische erste Panzerdivision unter General Stanisław Maczek eroberte den Hügel und grub sich ein, Feldmarschall Walter Model, der gerade von Kluge als Oberbefehlshaber West abgelöst hatte, erkannte die strategische Bedeutung sofort und befahl zwei SS-Panzerdivisionen, die polnischen Stellungen zu stürmen.
Am Morgen des 20. August griffen Einheiten der zweiten SS-Panzerdivision Das Reich und der neunten SS-Panzerdivision Hohenstaufen den Hügel von Osten an, gleichzeitig attackierten Fallschirmjäger und Reste der Leibstandarte SS Adolf Hitler aus dem Kessel heraus, die Polen verteidigten ihre Stellungen mit beispielloser Entschlossenheit.
Die Kämpfe um Hügel 262 gehörten zu den blutigsten des gesamten Westfeldzuges, die deutschen Angreifer erlitten furchtbare Verluste unter dem polnischen Artilleriefeuer, doch sie erkämpften einen schmalen Korridor, durch den tausende deutsche Soldaten in der folgenden Nacht entkommen konnten.
Die polnische Division verlor in diesen Kämpfen 325 Tote, über 1000 Verwundete und 114 Vermisste, das waren fast 20 Prozent ihrer verbliebenen Kampfstärke, doch sie hielten den Hügel und schlossen damit den Kessel endgültig, am 21. August war der Kessel von Falaise vollständig geschlossen.
Etwa 55.000 deutsche Soldaten befanden sich in einem Gebiet von nur 10 mal 12 Kilometern eingepfergt, die alliierte Artillerie begann ein pausenloses Bombardement, Jagdbomber griffen jede Bewegung an, die Straßen verwandelten sich in Leichenfelder, die Szenen im Kessel überstiegen jede Vorstellung.
Tote Pferde und zerfetzte Fahrzeuge blockierten die Wege, Verwundete lagen ohne Versorgung in Straßengräben, der Gestank von Tod und Verwesung erfüllte die Augusthitze, Soldaten liefen orientierungslos umher, getrennt von ihren Einheiten, ohne Führung und ohne Hoffnung.
General Eisenhower besuchte das Schlachtfeld kurz nach den Kämpfen und schrieb später, dass man kaum hundert Meter gehen konnte, ohne auf Leichen zu stoßen, an manchen Stellen lagen die Toten so dicht, dass man über sie hinwegsteigen musste, die Zerstörung übertraf alles, was er je gesehen hatte.
Die Überlebenden versuchten verzweifelt, den Ring zu durchbrechen, kleine Gruppen schlichen nachts durch die alliierten Linien, manche schafften es, viele nicht, die kanadischen und polnischen Truppen nahmen Gefangene in Scharen, deutsche Offiziere, die noch vor Wochen von Sieg und Endsieg gesprochen hatten, ergaben sich erschöpft und demoralisiert.

Die Zahlen der Katastrophe sind erschütternd, rund 10.000 deutsche Soldaten fielen den Luft- und Artillerieangriffen zum Opfer, 45.000 bis 50.000 gerieten in Kriegsgefangenschaft, nur 20.000 bis 30.000 gelang die Flucht nach Osten, doch diese Männer hatten nahezu ihre gesamte Ausrüstung verloren.
Die Materialverluste waren verheerend, über 400 Panzer und Sturmgeschütze blieben im Kessel zurück, 7000 Fahrzeuge wurden zerstört oder erbeutet, fast tausend Geschütze fielen in alliierte Hände, die Überlebenden erreichten die deutsche Grenze mit nur noch 25 Panzern und 50 Selbstfahrlafetten.
Die stolzen Panzerdivisionen, die einst Europa erobert hatten, existierten praktisch nicht mehr, insgesamt verlor die Wehrmacht in der Normandie zwischen dem 6. Juni und Ende August über 240.000 Tote und Verwundete sowie 250.000 Gefangene, an Gerät gingen 1500 Panzer, 3500 Geschütze und 20.000 Fahrzeuge verloren.
Diese Verluste konnte Deutschland nicht mehr ersetzen, das Schicksal der deutschen Kommandeure spiegelt das Ausmaß der Katastrophe wider, Generalfeldmarschall von Kluge wurde am 17. August seines Kommandos enthoben, Hitler verdächtigte ihn der Beteiligung am Attentatsversuch vom 20. Juli und geheimer Verhandlungen mit den Alliierten.
Auf der Rückfahrt nach Deutschland nahm sich von Kluge das Leben, mit einer Giftkapsel beendete er sein Leben zwischen Verdun und Metz, er hinterließ einen Brief, in dem er Hitler zur Beendigung des Krieges aufrief, der Feldmarschall wusste, dass sein Schauprozess und die Hinrichtung auf ihn warteten.
Sein Nachfolger Walter Model versuchte zu retten, was noch zu retten war, er überzeugte Hitler, den Ausbruch der eingekesselten Truppen zu genehmigen, etwas, das von Kluge nicht gelungen war, Model besaß noch Hitlers Vertrauen, doch auch er konnte die Katastrophe nur abmildern, nicht verhindern.
Paul Hausser, der Kommandeur der siebten Armee, wurde bei den Kämpfen im Kessel verwundet, seine Armee existierte nach Falaise nur noch auf dem Papier, die Divisionen waren zu Kampfgruppen geschrumpft, die Regimenter zu Kompanien, die Kompanien zu Häuflein erschöpfter Überlebender.
Der Kessel von Falaise beendete die deutsche Herrschaft über Frankreich, vier Tage nach der Schließung des Kessels erreichten die Alliierten Paris, General von Choltitz, der Stadtkommandant, kapitulierte und ignorierte Hitlers Befehl, die Stadt zu zerstören, am 25. August wehte die Trikolore wieder über dem Eiffelturm.
Die Wehrmacht konnte sich von den bei Falaise erlittenen Verlusten nicht mehr erholen, die Panzerdivisionen, einst der Stolz der deutschen Kriegsmaschine, erreichten die Reichsgrenze als Schatten ihrer Selbst, ohne Panzer, ohne schwere Waffen, ohne Fahrzeuge schleppten sich die Überlebenden nach Osten.
Einige Historiker bezeichnen den Kessel von Falaise als das deutsche Dünkirchen, nur mit umgekehrten Vorzeichen, während die Briten 1940 ihre Armee retten konnten, verloren die Deutschen 1944 die ihre, was bei Dünkirchen als Wunder galt, wurde bei Falaise zur Katastrophe.

Die Alliierten befreiten noch vor Jahresende ganz Frankreich mit Ausnahme einiger Atlantikhäfen, die von deutschen Garnisonen teils bis Kriegsende gehalten wurden, der Weg ins Reich lag offen, doch der Krieg sollte noch acht Monate dauern und Millionen weitere Opfer fordern.
Warum endete die Schlacht so katastrophal für die Wehrmacht, die Antwort liegt in der Führungsstruktur des Dritten Reiches, Hitler befehligte seine Armeen aus dem fernen Führerhauptquartier, ohne die Realität an der Front zu kennen oder kennen zu wollen, seine Generäle an der Front sahen die Katastrophe kommen.
Von Kluge, Hausser, Eberbach, sie alle wussten, dass nur ein sofortiger Rückzug die Armee retten konnte, doch Hitler verbot jeden Rückzug, seine Haltebefehle, die an der Ostfront manchmal erfolgreich gewesen waren, erwiesen sich in der Normandie als tödlich, die alliierte Luftüberlegenheit machte jede Bewegung am Tag unmöglich.
Deutsche Kolonnen wurden aus der Luft zerfetzt, bevor sie ihre Ziele erreichten, Nachschub kam nicht durch, Verwundete konnten nicht evakuiert werden, die Wehrmacht kämpfte unter Bedingungen, die sie nie zuvor erlebt hatte, auch die Alliierten machten Fehler.
General Bradley hielt Pattons Truppen bei Argentan an, aus Furcht vor Kollisionen mit den von Norden vorstoßenden Kanadiern, dadurch blieb der Kessel tagelang offen, zehntausende Deutsche entkamen durch diese Lücke, der Historiker Anthony Beevor macht dafür besonders Montgomery verantwortlich.
Doch diese alliierten Fehler ändern nichts am Gesamtergebnis, die Wehrmacht verlor bei Falaise eine ganze Heeresgruppe, die deutschen Streitkräfte im Westen existierten danach nur noch als Fragment, der Krieg im Westen war entschieden, auch wenn Hitler dies nicht wahrhaben wollte.
Der Kessel von Falaise steht heute als Mahnmal für die Sinnlosigkeit des Durchhaltens um jeden Preis, zehntausende Soldaten starben, weil ein Diktator den Kontakt zur Realität verloren hatte, ihre Körper verwessten in der Augusthitze der Normandie, während Hitler in seinem Hauptquartier neue Offensiven plante.
Die Überlebenden trugen die Erinnerung an dieses Inferno bis an ihr Lebensende mit sich, Veteranen berichteten von Bildern, die sie nie vergessen konnten, brennende Kameraden in explodierten Panzern, Pferdekadaver, die die Straßen blockierten, der süßliche Geruch des Todes, der über allem lag.
Für die Alliierten war Falaise der Durchbruch, der den Weg nach Deutschland öffnete, für die Wehrmacht war es das Ende aller Illusionen, nach Falaise konnte niemand mehr an einen deutschen Sieg im Westen glauben, außer vielleicht Hitler selbst.
Der Kessel von Falaise bleibt eine der größten Kesselschlachten der Militärgeschichte, er demonstriert, wie verheerende Führungsfehler selbst eine disziplinierte und erfahrene Armee vernichten können, er zeigt, was geschieht, wenn ideologischer Wahn über militärische Vernunft siegt.
Die Normandie hat ihre Wunden längst verheilt, die Felder sind wieder grün, die Dörfer wieder aufgebaut, doch wer heute über den Mont Ormel geht und ins Tal hinabblickt, kann sich die Hölle vorstellen, die hier einst tobte, ein Memorial erinnert an die polnischen Soldaten, die hier kämpften und starben, es erinnert auch an die Sinnlosigkeit des Krieges selbst.


