Kampf bis zum Zusammenbruch: Die Geschichte der 6. Infanterie-Division

Kampf bis zum Zusammenbruch: Die Geschichte der 6. Infanterie-Division

Die sechste Infanteriedivision der deutschen Wehrmacht, einst stolzer Verband aus Westfalen und dem Rheinland, wurde im Laufe des Ostfeldzuges mehrfach vernichtet und wieder aufgestellt, bis sie im Mai 1945 in den Trümmern Schlesiens unterging. Ihre Geschichte ist ein erschütterndes Zeugnis der menschlichen Tragödie, die der Zweite Weltkrieg entfesselte.

Die Anfänge dieser Division reichen in die Zeit der Reichswehrerweiterung zurück. Im Oktober 1934 wurde in Bielefeld im Wehrkreis 6 der Divisionsstab unter der Tarnbezeichnung Infanterieführer 6 aufgestellt. Diese Verschleierung war notwendig, da Deutschland zu diesem Zeitpunkt noch an die militärischen Beschränkungen des Versailler Vertrages gebunden war.

Ein Jahr später, im Oktober 1935, erfolgte die offizielle Umbenennung zur sechsten Infanteriedivision. Die Stammregimenter der Division wurden aus dem Infanterieregiment 16 der sechsten Division der Reichswehr gebildet. Drei Infanterieregimenter bildeten das Rückgrat des Verbandes: das Infanterieregiment 18 aus Bielefeld, das Infanterieregiment 37 aus Osnabrück und das Infanterieregiment 58 aus Herford.

Hinzu kamen das Artillerieregiment 6 sowie die üblichen Divisionseinheiten für Aufklärung, Pioniere, Nachrichten und Versorgung. Die Division rekrutierte sich vorwiegend aus Westfalen und dem Rheinland. Diese rheinisch-westfälische Prägung sollte dem Verband während des gesamten Krieges erhalten bleiben und ihm eine besondere Identität verleihen.

Die Männer dieser Division stammten aus dem Industriegebiet und den ländlichen Regionen Nordwestdeutschlands, aus Städten wie Paderborn, Osnabrück und Bielefeld. Im August 1939 wurde die Division im Rahmen der ersten Aufstellungswelle mobil gemacht. Während des Polenfeldzuges blieb sie jedoch im Westen und sicherte den Abschnitt beiderseits des Bliestales an der Westgrenze.

Die Division wurde dann als Reserve in das rückwärtige Operationsgebiet zwischen Nahe und Mosel im Hunsrück verlegt. Der Westfeldzug brachte der Division erste Kampferfahrungen. Im Mai 1940 marschierte sie im Verband des 13. Armeekorps durch Luxemburg und Belgien in Richtung Frankreich.

Bei der Durchbruchsschlacht an der Somme zeichnete sich die Division besonders aus. Ein bemerkenswertes Ereignis ereignete sich am Seine-Ufer. Die berittene Aufklärungsabteilung unter Oberleutnant Georg von Böseager überwand bei Mousseau den Fluss schwimmend, da sämtliche Brücken gesprengt waren. Dies war der erste Truppenteil der Wehrmacht, der die Seine überquerte.

Die Division verfolgte den weichenden Gegner über die Eure und erreichte nach weiteren Vormarschkämpfen bei Marchangvil und Laland schließlich die Loire bei Ingrandes und Monant. Nach Beendigung des Westfeldzuges sicherte die Division die Demarkationslinie bei Potier. Im Herbst bereitete sie sich auf das Unternehmen Seelöwe vor, die geplante Landung in England, die jedoch nie durchgeführt wurde.

Im April 1941 verlegte die Division nach Ostpreußen. Dort bereitete sie sich auf das Unternehmen Barbarossa vor, den deutschen Angriff auf die Sowjetunion. Am 22. Juni 1941 überschritt die Division im Rahmen des sechsten Armeekorps östlich von Goldap die sowjetische Grenze und durchbrach die Grenzbefestigungen.

Der Vormarsch führte die Division zunächst zur Memel, die sie bei Brienei überquerte. Von dort rückte sie bis zur Düna bei Polotsk vor und durchbrach dort die sogenannte Stalinlinie, ein befestigtes Verteidigungssystem, das die Sowjets zum Schutz ihrer westlichen Gebiete errichtet hatten. Nach Kämpfen an der Miesa nahm die Division an den Schlachten bei Wjasma und an der Osotnia teil.

Sie eroberte Südchefka und verfolgte die zurückweichenden sowjetischen Truppen über Rshew, Subzov und Pogoreloue nach Stariza. Von dort stieß die Division über die Wolga in den Raum Glebovo und weiter nach Thema bei Erem Kino vor. Der Winter 1941 auf 1943 brachte die große sowjetische Gegenoffensive vor Moskau.

Die Division musste einen fast 30 Kilometer breiten Frontabschnitt halten. Unter schweren Verlusten wurde sie auf die Königsbergstellung zurückgedrängt. Der Traum vom schnellen Sieg war zerplatzt, und die Division sah sich nun einem zermürbenden Stellungskrieg gegenüber. Die Kämpfe um Rshew gehören zu den blutigsten Auseinandersetzungen des gesamten Zweiten Weltkrieges.

Dieser Frontabschnitt, von deutschen Soldaten als Eckpfeiler der Ostfront bezeichnet, wurde zum Schauplatz einer Serie von Materialschlachten und Stellungskämpfen, die sich über 15 Monate hinzogen. Im Sommer 1942 erreichten die Kämpfe um Rshew einen neuen Höhepunkt. Die Rote Armee setzte massive Kräfte ein, um den deutschen Frontvorsprung zu zerschlagen.

Die sechste Infanteriedivision wurde zur Bahnstation Südchefka befohlen und erhielt den Auftrag, einen kritischen Frontabschnitt zu halten. Der Nordbereich von Rshew wurde zum Verteidigungsabschnitt der Division. Die Infanterieregimenter 18 und 58 hielten Stellungen bei Polon und auf der Höhe 200. Die sowjetischen Angriffe entwickelten eine beispiellose Härte.

Tief gestaffelte Infanterie- und Panzerangriffe trafen auf die deutschen Verteidiger. Die Kämpfe um die Höhe 200 und Polon wurden zu einem Brennpunkt der Schlacht. Sowjetische Divisionen verloren bei ihren Angriffen tausende Mann. Die Schützen wurden in Frontalangriffen gegen gut ausgebaute deutsche Stellungen geworfen, ungeachtet aller Hindernisse wie Stacheldraht und Minensperren.

Die Verluste der Roten Armee waren schrecklich, doch auch die deutsche Division zahlte einen hohen Preis. Die Verteidigung des Polon Blocks kostete die sechste Infanteriedivision etwa 1000 Gefallene. Weitere 2000 bis 3000 Soldaten wurden verwundet. Die sowjetischen Verluste lagen um ein Vielfaches höher.

Nach den Kämpfen im August 1942 musste sich die Division auf die Neukohlbergstellung zurückziehen. In den langen Wochen des Kampfes starben in den Regimentern Veteranen, die den polnischen und französischen Feldzug sowie die Offensive von 1941 überlebt hatten. Der Fleischwolf von Rshew, wie die Kämpfe später genannt wurden, verschlang die erfahrensten Soldaten.

Im März 1943 erfolgte das Unternehmen Büffelbewegung, die geplante Räumung des Frontvorsprungs bei Rshew. Dabei gelang es zwölf deutschen Divisionen, der drohenden Einschließung zu entgehen. Die Division beteiligte sich an dieser erfolgreichen Absetzbewegung, die trotz sowjetischer Behauptungen weitgehend planmäßig verlief.

Es folgten Stellungskämpfe am Wobjets und Partisanenbekämpfungsunternehmen nordwestlich von Briansk. Die Bandenunternehmen Büffel und Freischütz sollten die rückwärtigen Verbindungen der Wehrmacht gegen Partisanenangriffe sichern. Dann kamen Abwehrkämpfe im Raum Dorogobusch und Gefechte im Raum Podolyan und bei Kutirki.

Im Juli 1943 nahm die Division am Unternehmen Zitadelle teil, der großen deutschen Offensive bei Kursk. Diese letzte große deutsche Angriffsoperation im Osten scheiterte jedoch am erbitterten sowjetischen Widerstand und der Übermacht der Roten Armee. Es folgten Rückzugskämpfe auf die Hagenstellung.

Die Division kämpfte bei Sevsk an der Desna, am Sosch, im Raum Gomel und am Den Jeppe. Der Rückzug war von ständigen Abwehrkämpfen begleitet. Bei Sherbnja und Nikrassov fanden weitere schwere Gefechte statt. Die einst so stolze Division wurde in diesen Kämpfen immer weiter aufgerieben.

Das Jahr 1944 begann mit Abwehrkämpfen am Dener und bei Schlubin. Die Lage der deutschen Truppen an der Ostfront verschlechterte sich zusehends. Die sowjetische Übermacht wuchs von Monat zu Monat, während die deutschen Reserven erschöpft waren. Im Juni 1944 begann die sowjetische Großoffensive Operation Bagration.

Diese Operation, benannt nach dem russischen General der napoleonischen Kriege, sollte zur größten militärischen Niederlage der deutschen Geschichte werden. Die Heeresgruppe Mitte, zu der die sechste Infanteriedivision gehörte, stand vor der Vernichtung. Die Offensive begann am 22. Juni, genau drei Jahre nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion.

Massive Artillerieschläge und Luftangriffe zerschmetterten die deutschen Verteidigungslinien. Die sowjetische Übermacht erreichte an manchen Stellen ein Verhältnis von zehn zu eins. Bei Bobruisk wurde die neunte deutsche Armee eingekesselt und vernichtet. 70.000 deutsche Soldaten fielen oder gerieten in Gefangenschaft.

Die sechste Infanteriedivision wurde in diesen Kessel hineingezogen und erlitt furchtbare Verluste. Die Reste des Verbandes kämpften verzweifelt um ihr Überleben. Am 28. Juni wurde die neunte Armee offiziell für vernichtet erklärt. Die sechste Infanteriedivision wurde bei Bobruisk eingekesselt und aufgerieben.

Am 18. Juli 1944 wurde die Division offiziell aufgelöst. Von den stolzen Regimentern aus Westfalen war kaum mehr als ein Schatten übrig. Doch die Geschichte der Division war noch nicht zu Ende. Am 25. Juli 1944 wurde aus den Überlebenden und Ersatzkräften eine neue sechste Grenadierdivision aufgestellt.

Die Umbenennung spiegelte die allgemeine Neuorganisation der deutschen Infanterie wider. Im Oktober 1944 erfolgte eine weitere Umbenennung zur sechsten Volksgrenadierdivision. Diese Bezeichnung war Teil einer Propagandamaßnahme, die den Durchhaltewillen stärken sollte. Die Division wurde an der Ostfront eingesetzt und versuchte, die vorrückenden sowjetischen Armeen aufzuhalten.

Im Januar 1945 brach die sowjetische Weichsel-Oder-Offensive los. Diese gewaltige Operation auf einer über 1200 Kilometer breiten Front sollte die letzten deutschen Verteidigungslinien im Osten zerschlagen. Die sechste Volksgrenadierdivision wurde am Warker Brückenkopf an der Weichsel eingesetzt und erneut fast völlig zerschlagen.

Die Reste der Division ohne schwere Waffen schlugen sich kämpfend bis in den Raum Lauban in Schlesien durch. Die Stadt Lauban lag an der letzten Eisenbahnverbindung zwischen Berlin, Görlitz und Oberschlesien. Ihre Verteidigung hatte strategische Bedeutung. Unter dem Kommando von Generalmajor Otto Hermann Brücker verteidigten die Reste der Division zusammen mit Volkssturm und Teilen der Panzerbrigade 103 die Stadt gegen die vorrückende Rote Armee.

Die Lage schien aussichtslos, doch dann geschah das Unerwartete. Anfang März 1945 organisierte Generalfeldmarschall Ferdinand Schörner einen Gegenangriff. Das 57. und das 39. Panzerkorps wurden unter dem Kommando von General Walter Nehring zusammengefasst. Ein Zangenangriff sollte die sowjetischen Kräfte bei Lauban einschließen.

Am 1. März begann der deutsche Gegenangriff. Die 17. Panzerdivision und die Führergrenadierdivision griffen im Norden an, während die achte Panzerdivision von Süden vorstieß. Die dritte sowjetische Gardepanzerarmee wurde zunächst überrascht. Am 3. März hatten deutsche Truppen die sowjetischen Einheiten bei Lauban eingekesselt.

Die Reste der sechsten Volksgrenadierdivision, die so lange ausgeharrt hatten, erlebten die Befreiung ihrer Stellungen. Es war einer der letzten deutschen Erfolge an der Ostfront. Am 10. März 1945 wurde aus den Resten der sechsten Volksgrenadierdivision, der 291. Infanteriedivision und der Schattendivision Dresden eine neue sechste Infanteriedivision aufgestellt.

Das neuierte Grenadierregiment 18 wurde der Division zugeführt, ebenso Reste anderer zerschlagener Einheiten. Die Division bezog Stellungen am Ostufer des Queis von den Höhen südlich Löwenberg bis nach Sächsisch Haugsdorf. Im April übernahm sie zusätzlich den Frontabschnitt bis zur Neiße bei Penzig. Diese Linie hielt vom 6. März bis zum 8. Mai 1945.

In den letzten Kriegswochen nahm ein Teil der Division an der Schlacht um Bautzen teil. Dort kam es zwischen dem 21. und 30. April zu einem der letzten größeren deutschen Abwehrerfolge. Das erste Bataillon des Grenadierregiments 58 wurde in diese Kämpfe geworfen und kehrte anschließend zur Division zurück.

Mit der bedingungslosen Kapitulation am 8. Mai 1945 endete auch die Geschichte der sechsten Infanteriedivision. Die Überlebenden gerieten in sowjetische oder amerikanische Kriegsgefangenschaft. Viele von ihnen sollten ihre Heimat in Westfalen erst nach Jahren wiedersehen. Die Geschichte der sechsten Infanteriedivision ist eine Geschichte des Durchhaltens unter immer schwierigeren Bedingungen.

Von den ersten Kämpfen in Frankreich über die endlosen Schlachten bei Rshew bis zur Vernichtung bei Bobruisk und dem letzten Aufbäumen bei Lauban durchlitt die Division alle Phasen des Ostfeldzuges. Die Männer aus Paderborn, Osnabrück und Bielefeld, die im Sommer 1941 voller Zuversicht nach Osten marschierten, ahnten nicht, welches Schicksal sie erwartete.

Viele von ihnen fanden ihre letzte Ruhestätte in den Weiten Russlands, in den Sümpfen um Rshew, in den Kesseln von Bobruisk oder in den Ruinen Schlesiens. Die Division wurde im Laufe des Krieges mehrfach vernichtet und wieder aufgestellt. Sie wechselte ihre Bezeichnung von Infanterie zu Grenadier und schließlich zu Volksgrenadierdivision.

Doch der Kern der rheinisch-westfälischen Prägung blieb erhalten, auch wenn die ursprünglichen Soldaten längst gefallen oder verwundet waren. Der Kommandeur des Infanterieregiments 18, Karl Becker, der als Stadtkommandant von Rshew gedient hatte, wurde nach dem Krieg in sowjetischer Kriegsgefangenschaft wegen seines Verhaltens zu 25 Jahren Haft verurteilt. Die Schatten des Krieges reichten weit über das Jahr 1945 hinaus.

Die sechste Infanteriedivision steht beispielhaft für das Schicksal der deutschen Infanterie im Zweiten Weltkrieg. Sie erlebte die Triumphe der frühen Feldzüge und den langen, blutigen Rückzug aus der Sowjetunion. Ihre Geschichte mahnt an die Opfer eines Krieges, der Millionen von Menschenleben kostete und dessen Folgen Europa für Jahrzehnte prägten.

Die Veteranen der Division, sofern sie den Krieg und die Gefangenschaft überlebten, kehrten in ein zerstörtes Deutschland zurück. Sie trugen die Erinnerungen an Rshew und Bobruisk, an gefallene Kameraden und verlorene Jahre mit sich. Die Geschichte der sechsten Infanteriedivision wurde zu einem Kapitel jener großen Tragödie, die der Zweite Weltkrieg für alle beteiligten Völker darstellte.