Das Schicksal der Soldaten der 6. Armee nach der Kapitulation

Das Schicksal der Soldaten der 6. Armee nach der Kapitulation

Die eisigen Winde über der Wolga hatten sich gelegt, doch der Tod war noch lange nicht vorüber. Als Generalfeldmarschall Friedrich Paulus am 31. Januar 1943 im Südkessel von Stalingrad kapitulierte und zwei Tage später auch der Nordkessel unter General Karl Strecker die Waffen niederlegte, begann für die Überlebenden ein neues Kapitel des Grauens: die Gefangenschaft. Von den rund 91.000 Soldaten, die nach dem Ende der Kämpfe in sowjetische Hände fielen, sollten nur etwa 6.000 ihre Heimat wiedersehen. Diese Zahl, eine Überlebensrate von weniger als sieben Prozent, verdeutlicht das unfassbare Ausmaß der Katastrophe, die sich in den folgenden Monaten und Jahren in den sowjetischen Lagern abspielen sollte.

Der Zustand der deutschen Soldaten bei der Kapitulation war bereits verheerend. Monatelang hatten sie im Kessel ausgeharrt bei Temperaturen von minus 30 Grad Celsius und darunter. Die Versorgung war vollständig zusammengebrochen, die tägliche Brotration auf 200 Gramm gesunken. Dazu gab es nur wässrige Suppen aus Schnee und etwas Fett. Viele Männer litten an Erfrierungen, Verwundungen und schweren Krankheiten. Das von Läusen übertragene Fleckfieber grassierte bereits vor der Kapitulation in den deutschen Stellungen und sollte später in den Lagern zum größten Killer werden. Körperlich waren die Soldaten am Ende ihrer Kräfte, manche wogen nur noch 40 Kilogramm.

Die Rote Armee war auf die Masse der Gefangenen nicht vorbereitet. Die sowjetische Führung hatte die Stärke der eingeschlossenen deutschen Verbände auf etwa 90.000 Mann geschätzt. Die tatsächliche Zahl war mehr als doppelt so hoch. Es fehlte an allem, an Unterkünften, an Nahrung, an medizinischer Versorgung. Die sowjetischen Truppen selbst kämpften mit Versorgungsengpässen in diesem harten Winter. Die deutsche Luftwaffe hatte systematisch die Bahnhöfe im sowjetischen Hinterland zerstört, was den Transport von Hilfsgütern erheblich erschwerte. Nach der Gefangennahme begannen die Todesmärsche.

Die erschöpften Soldaten mussten bis zu 100 Kilometer durch die verschneite Steppe marschieren, ohne ausreichende Verpflegung und ohne Unterkunft für die Nacht. Jede Stunde mussten drei Kilometer zurückgelegt werden. Die Gefangenen selbst nannten diese Märsche den Todesweg. Wer nicht mehr laufen konnte, wer zusammenbrach, wurde erschossen oder blieb einfach im Schnee liegen. Überlebende berichteten später, wie links und rechts des Weges die Leichen ihrer Kameraden lagen. Von manchen Gruppen, die den Marsch antraten, erreichte nur ein Bruchteil das Ziel.

Das größte Sammellager südlich von Stalingrad war Beketowka. Schätzungsweise 60.000 bis 70.000 Gefangene erreichten diesen Lagerkomplex. Die Zustände dort waren katastrophal. Die Männer wurden in halbverfallene Erdbunker und provisorische Unterstände gepfercht. Dreißig Mann schliefen auf nackten Fußböden, manche mit erfrorenen Füßen. Es gab kaum zu essen, manchmal nur einen Esslöffel schwarzes Mehl am Tag. Wasser mussten die Gefangenen aus Schnee und Eis lutschen. Tausende warteten tagelang im Freien auf die versprochenen Brotrationen, die dann nur für einen Bruchteil reichten.

In Beketowka wüteten Typhus, Ruhr, Skorbut, Tuberkulose und vor allem das Fleckfieber. Die medizinische Versorgung war praktisch nicht vorhanden. Von den 60.000 deutschen Gefangenen allein in diesem Lager starben 28.000 in den ersten Wochen. Historiker schätzen, dass in den ersten vier Monaten nach der Kapitulation mehr als 60.000 der Stalingrad-Gefangenen in den verschiedenen Lagern rund um die Stadt starben. Die katastrophalen hygienischen Zustände, die bereits während der Belagerung im Kessel geherrscht hatten, setzten sich in den Lagern fort.

Ein Überlebender schilderte später die Transporte in die tieferen Regionen der Sowjetunion. In überfüllten Güterwaggons wurden die Männer wochenlang durch das Land transportiert. Als sich nach Tagen in Usbekistan die Türen seines Waggons öffneten, waren von ursprünglich 100 Mann nur noch sechs am Leben. 94 waren während der Fahrt gestorben. In manchen Waggons hatte keiner überlebt. Die Lager erstreckten sich über das gesamte sowjetische Hinterland von Sibirien im Norden bis zu den Wüsten Zentralasiens im Süden. Gemeinsam hatten sie die unmenschlichen Bedingungen und die Abgeschiedenheit von der Außenwelt.

Die sowjetische Führung nutzte die Gefangenschaft auch für ihre politischen Ziele. Im Juli 1943 wurde in Krasnogorsk bei Moskau das Nationalkomitee Freies Deutschland gegründet. Diese Organisation vereinte kommunistische Emigranten und deutsche Kriegsgefangene, die bereit waren, gegen das nationalsozialistische Regime zu arbeiten. Präsident wurde der Schriftsteller Erich Weinert. Deutsche Kommunisten wie Wilhelm Pieck und Walter Ulbricht wurden in die Gefangenenlager entsandt, um für diese Volksfront gegen Hitler zu werben. Zwei Monate später entstand der Bund deutscher Offiziere unter General der Artillerie Walter von Seydlitz-Kurzbach, der später mit dem Nationalkomitee verschmolz.

Die sowjetische Propaganda versuchte Wehrmachtsangehörige zum Überlaufen zu bewegen. Mit Flugblättern und Lautsprecherdurchsagen an der Front rief das Nationalkomitee die deutschen Soldaten zur Aufgabe des Kampfes auf. Die Zeitung Freies Deutschland und ein gleichnamiger Radiosender verbreiteten die Botschaften. Prominentes Mitglied wurde schließlich Generalfeldmarschall Paulus selbst. Im August 1944 erklärte der ehemalige Oberbefehlshaber der Sechsten Armee seinen Bruch mit Hitler und trat dem Nationalkomitee bei. Für das NS-Regime waren diese Männer Verräter. Die historische Bewertung ihrer Handlungen blieb bis heute umstritten.

Die Gefangenen, die die ersten Monate überlebten, wurden zur Zwangsarbeit eingesetzt. Sie arbeiteten in Bergwerken, Steinbrüchen, in der Holzfällung an sibirischen Flüssen, beim Wiederaufbau der zerstörten sowjetischen Städte und Infrastruktur. Die Arbeit war hart, die Verpflegung blieb mangelhaft. Die Arbeitstage dauerten oft zehn bis zwölf Stunden. Manche Gefangene berichteten später, dass sich ihre Lage ab dem Jahr 1950 allmählich verbesserte, als die Paketaktionen aus Deutschland begannen. Die Familien in der Heimat schickten Lebensmittel und Kleidung. Diese Pakete bedeuteten für viele den Unterschied zwischen Leben und Tod.

Für die Generäle und höheren Offiziere gab es besondere Lager. Das Generalslager Woikowo in der Oblast Iwanowo, etwa 300 Kilometer nordöstlich von Moskau, beherbergte rund 400 deutsche, japanische, ungarische, italienische und rumänische Generäle. Die Bedingungen dort waren deutlich besser als in den Mannschaftslagern. Die Gefangenen erhielten ausreichende Verpflegung mit 3.500 Kalorien täglich, konnten Bücher aus der Leninbibliothek in Moskau ausleihen und ihre Zeit mit Gartenarbeit, Musik oder dem Erlernen der russischen Sprache verbringen. Paulus selbst blieb bis 1953 in sowjetischer Gefangenschaft. Anschließend lebte er in Dresden, wo er militärhistorische Studien betrieb. Er starb 1957.

Die einfachen Soldaten hatten ein anderes Schicksal. Viele von ihnen verbrachten Jahre in den Lagern. Die Arbeit zerrte an ihren Kräften. Krankheiten forderten weitere Opfer. Die psychische Belastung war enorm. Die Männer wussten oft nicht, ob ihre Familien in der Heimat noch lebten, ob ihre Städte noch standen, ob Deutschland überhaupt noch existierte. Ab dem Jahr 1945 durften die Gefangenen Postkarten in die Heimat schicken, monatlich eine Karte. Für viele Familien war es das erste Lebenszeichen seit Jahren. Manche erfuhren erst so, dass ihre Angehörigen die Schlacht überlebt hatten.

Die Moskauer Außenministerkonferenz im April 1947 beschloss die Entlassung aller deutschen Kriegsgefangenen bis Ende 1948. Die westlichen Alliierten hielten sich weitgehend an diese Vereinbarung. Die Sowjetunion entließ den Großteil der Gefangenen bis Ende 1949. Dann jedoch versiegte der Heimkehrerstrom. Zehntausende blieben weiterhin in den Lagern, viele von sowjetischen Militärgerichten als Kriegsverbrecher zu langjährigen Haftstrafen von bis zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Im September 1955 reiste Bundeskanzler Konrad Adenauer nach Moskau.

Die sowjetische Führung wünschte die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit der Bundesrepublik. Adenauer seinerseits war vor allem an der Freilassung der letzten deutschen Kriegsgefangenen interessiert, deren Schicksal die deutsche Öffentlichkeit zutiefst bewegte. Die Verhandlungen waren schwierig und standen mehrmals vor dem Abbruch. Die Erinnerungen an den Krieg und seine Verbrechen waren noch allzu lebendig. Erst am vierten Tag gelang beim Festbankett im Kreml der Durchbruch. Ministerpräsident Bulganin und Parteichef Chruschtschow gaben das mündliche Ehrenwort, dass alle Kriegsgefangenen und Zivilinternierten freigelassen würden.

Am 7. Oktober 1955 traf im Grenzdurchgangslager Friedland bei Göttingen der erste Zug mit Heimkehrern ein. 600 Männer. Auf dem Bahnsteig spielten sich erschütternde Szenen des Wiedersehens ab. Frauen, die seit mehr als zehn Jahren auf ihre Männer gewartet hatten. Kinder, die ihre Väter nie gesehen hatten. Bis Anfang 1956 kehrten insgesamt 9.626 Kriegsgefangene und mehr als 20.000 Zivilinternierte aus sowjetischer Gefangenschaft nach Hause zurück. Sie wurden als die Heimkehr der Zehntausend bekannt. Die Rückkehrer waren ausgemergelte Gestalten, traumatisiert von Jahren der Entbehrung.

Noch Jahrzehnte später schreckten viele nachts schreiend aus dem Schlaf hoch, riefen russische Worte, durchlebten im Traum die Schrecken der Gefangenschaft erneut. Für die Familien der Nichtheimkehrer brachte diese Heimkehr eine traurige Gewissheit. Die Hoffnung, dass die Vermissten noch in irgendeinem Lager lebten, war endgültig erloschen. Von den Soldaten der Sechsten Armee, die bei Stalingrad in Gefangenschaft geraten waren, kehrten nur etwa 6.000 zurück. Die anderen hatten in den Lagern, auf den Todesmärschen, in den Güterwaggons ihr Leben gelassen.

Bei den meisten der nicht heimgekehrten blieb das genaue Schicksal ungeklärt. Wann genau sie starben, wo sie begraben wurden, ob sie in einem Lager oder auf einem Todesmarsch ihr Ende fanden, diese Fragen bleiben für die Angehörigen oft unbeantwortet. Noch heute werden bei Bauarbeiten in der Region um Wolgograd Überreste gefallener Soldaten gefunden. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge bemüht sich um ihre Identifizierung und würdige Bestattung. Erkennungsmarken, persönliche Gegenstände, manchmal DNA-Analysen, helfen dabei, den Familien nach acht Jahrzehnten Gewissheit über den Verbleib ihrer Angehörigen zu geben.

Jeder identifizierte Soldat schließt ein Kapitel der Ungewissheit, das Familien über Generationen begleitet hat. Die Soldaten, die Stalingrad und die Gefangenschaft überlebten, trugen die Erinnerungen ihr Leben lang mit sich. In der DDR war das Thema der sowjetischen Kriegsgefangenschaft tabuisiert. Das sozialistische Bruderland durfte nicht kritisiert werden. Wer offen über die Gräuel in den Lagern sprach, riskierte Schwierigkeiten mit den Behörden. Erst nach dem Fall der Mauer konnten die Überlebenden frei über ihre Erlebnisse berichten. Manche schlossen sich in Veteranenverbänden zusammen, um ihre Erinnerungen zu bewahren und weiterzugeben.

Der deutsche Soldatenfriedhof Rossoschka bei Wolgograd erinnert heute an die Gefallenen. Dort sind die Namen von über 60.000 deutschen Soldaten verzeichnet, die bei Stalingrad fielen oder in der Gefangenschaft starben. Für die meisten gibt es kein individuelles Grab. Ihre Überreste liegen irgendwo in der Steppe verstreut, in Massengräbern verscharrt, deren genaue Lage oft nicht mehr bekannt ist. Nur ihre Namen auf den Gedenksteinen bezeugen noch, dass sie gelebt haben. Auf dem Mamajew-Hügel in Wolgograd steht die gewaltige Statue Mutter Heimat ruft, ein Monument des sowjetischen Sieges. Unweit davon liegt der deutsche Friedhof, Erinnerung an ein Schlachtfeld, das Millionen von Opfern forderte.

Generalfeldmarschall Paulus hatte seinen Offizieren den Suizid ausdrücklich verboten. Sie sollten das Schicksal ihrer Soldaten teilen und mit ihnen in die Gefangenschaft gehen. Diese Entscheidung rettete manchen das Leben. Für andere bedeutete sie nur einen verlängerten Weg in den Tod. Die Gefangenschaft wurde für die Soldaten der Sechsten Armee zur Fortsetzung der Hölle von Stalingrad mit anderen Mitteln. Hunger, Kälte, Krankheit und Erschöpfung rafften Zehntausende dahin. Die Überlebenden trugen physische und psychische Narben, die nie ganz verheilten.

Von den nahezu 300.000 Soldaten, die im November 1942 eingeschlossen wurden, überlebte nur ein Bruchteil. Etwa 41.000 Verwundete wurden ausgeflogen. Über 100.000 starben im Kessel. 91.000 gingen in Gefangenschaft, 6.000 kehrten heim. Die anderen ruhen in russischer Erde. Das Schicksal der Soldaten der Sechsten Armee steht beispielhaft für das Schicksal von Millionen Kriegsgefangenen auf beiden Seiten. Der Zweite Weltkrieg kannte keine Gnade für die Besiegten. Die deutschen Lager für sowjetische Kriegsgefangene waren Orte des systematischen Massensterbens gewesen.

Von den etwa 4,5 Millionen sowjetischen Soldaten, die in deutsche Gefangenschaft geraten waren, starben mehr als drei Millionen an Hunger, Kälte, Krankheiten und Misshandlung. Diese Erfahrung prägte den sowjetischen Umgang mit den deutschen Gefangenen, auch wenn die sowjetische Führung nie eine vergleichbare Vernichtungspolitik verfolgte. Für die Überlebenden der Stalingrad-Gefangenschaft endete der Krieg erst mit ihrer Heimkehr. Manche kamen schon in den späten 1940er Jahren zurück. Andere mussten bis 1955 oder gar 1956 warten. Über ein Jahrzehnt hatten sie in den Lagern verbracht.

Sie kehrten in ein verändertes Land zurück. Deutschland war geteilt, die Städte wieder aufgebaut, das Wirtschaftswunder in vollem Gange. Die Heimkehrer erkannten ihre Heimat kaum wieder und die Heimat erkannte sie kaum wieder. Die Eingliederung der Spätheimkehrer in die Gesellschaft war schwierig. Viele hatten ihren Beruf verlernt, ihre Gesundheit war ruiniert, ihre Familien hatten sich verändert oder existierten nicht mehr. Manche Frauen hatten nach Jahren des Wartens einen anderen Mann geheiratet, in der Überzeugung, Witwe zu sein. Die Kinder waren ohne Vater aufgewachsen.

Die psychischen Traumata wurden lange nicht als solche erkannt und behandelt. Man erwartete von den Männern, dass sie funktionieren, arbeiten, sich einfügen. Über ihre Erfahrungen zu sprechen war nicht einfach. Viele lernten zu schweigen. Die wenigen Überlebenden, die heute noch leben, sind hochbetagt. Sie waren bei der Kapitulation junge Männer von 20 oder 25 Jahren. Ihre Berichte sind Zeugnisse einer Zeit, die in die Geschichte eingegangen ist, als eines der dunkelsten Kapitel des Zweiten Weltkriegs.

Der Kessel von Stalingrad und die anschließende Gefangenschaft stehen für das Scheitern eines Angriffskrieges, für die Hybris einer Führung, die Hunderttausende Soldaten sinnlos opferte und für das unbeschreibliche Leid, das Menschen einander zufügen können. Die Geschichte der Soldaten der Sechsten Armee nach der Kapitulation ist eine Geschichte des Leidens und des Sterbens. Aber sie ist auch eine Geschichte des Überlebens, des Durchhaltens, der Hoffnung, die manche Männer durch Jahre der Gefangenschaft trug. Es ist eine Geschichte, die nicht vergessen werden sollte, nicht als Heldenverklärung, wie es die nationalsozialistische Propaganda versuchte, sondern als Mahnung an die Folgen von Krieg und Gewalt. Das Schicksal der Soldaten der Sechsten Armee nach der Kapitulation mahnt uns, welchen Preis der Krieg von denen fordert, die ihn führen müssen.