Die sechste Armee der deutschen Wehrmacht, einst als eine der schlagkräftigsten Verbände des Zweiten Weltkriegs gefeiert, fand ihr Ende in den Trümmern von Stalingrad, einer Stadt, die zum Symbol des Untergangs einer ganzen Armee wurde. Ihr Weg führte von triumphalen Siegen durch Frankreich und die Sowjetunion bis in die eisigen Ruinen an der Wolga, wo sie nach monatelangen Kämpfen kapitulierte. Die Geschichte dieses Verbandes ist eine Chronik von Hybris, strategischem Versagen und menschlichem Leid, die bis heute als Mahnung vor den Schrecken des Krieges gilt.
Die sechste Armee wurde im Herbst 1939 aus dem Gruppenkommando 2 in Kassel aufgestellt und verfügte von Beginn an über erfahrene Offiziere und gut ausgebildete Soldaten. Im Westfeldzug des Jahres 1940 bewährte sich der Verband erstmals im großen Stil, durchbrach die belgischen Verteidigungslinien, überquerte die Maas und trieb die alliierten Streitkräfte vor sich her. Unter dem Kommando von Generaloberst Walter von Reichenau entwickelte sich die Armee zu einem Instrument des Bewegungskrieges, dessen Soldaten schnell lernten, vorzustoßen, Kesselschlachten zu führen und feindliche Einheiten einzuschließen. Diese Erfahrungen sollten sich im Osten als zweischneidig erweisen, denn die Taktik des schnellen Vorstoßes stieß dort an ihre Grenzen.
Mit dem Beginn des Unternehmens Barbarossa im Juni 1941 marschierte die sechste Armee als Teil der Heeresgruppe Süd in die Sowjetunion ein und erzielte spektakuläre Erfolge. Bei Uman und Kiew wurden hunderttausende sowjetische Soldaten eingekesselt und gefangen genommen, und die Armee schien unaufhaltsam. Doch bereits im ersten Kriegswinter zeigten sich die Grenzen der deutschen Strategie, denn die Sowjetunion war nicht in wenigen Monaten zu besiegen. Die Rote Armee erholte sich von ihren Niederlagen und begann Widerstand zu leisten, während die sechste Armee lernen musste, unter härtesten Bedingungen zu kämpfen.
Nach dem Scheitern des Angriffs auf Moskau im Winter 1941 verlagerte die deutsche Führung den Schwerpunkt nach Süden, und die Ölfelder des Kaukasus wurden zum neuen strategischen Ziel erklärt. Ohne Treibstoff, so die Überlegung, konnte die Wehrmacht keinen langen Krieg führen. Im Sommer 1942 begann die deutsche Sommeroffensive unter dem Decknamen Fall Blau, und die sechste Armee, nun unter dem Kommando von Generaloberst Friedrich Paulus, sollte die Flanke dieser Operation sichern, indem sie die Stadt Stalingrad am westlichen Ufer der Wolga einnahm.
Friedrich Paulus war ein fähiger Stabsoffizier, der maßgeblich an der Planung des Westfeldzuges und des Unternehmens Barbarossa beteiligt gewesen war, und er galt als methodisch, gewissenhaft und loyal gegenüber der Führung. Kritiker warfen ihm jedoch mangelnde Erfahrung in der Truppenführung und eine zu große Abhängigkeit von Befehlen vor, Eigenschaften, die sich in der Krise als verhängnisvoll erweisen sollten. Der Vormarsch der sechsten Armee verlief zunächst planmäßig, die sowjetischen Verbände wichen zurück, die deutsche Luftwaffe beherrschte den Himmel, und die Panzer rollten durch die weite Steppe.
Ende August erreichten die ersten deutschen Einheiten den Stadtrand von Stalingrad, einer Stadt, die sich über 50 Kilometer entlang des westlichen Wolgaufers erstreckte und ein bedeutendes Industriezentrum mit Panzer- und Geschützfabriken war. Der Name der Stadt, der den Namen des sowjetischen Führers trug, verlieh der Schlacht eine symbolische Dimension, die über ihre militärische Bedeutung hinausging. Was als schneller Handstreich geplant war, verwandelte sich in einen monatelangen Häuserkampf von beispielloser Brutalität, der die Soldaten beider Seiten in die Hölle führte.
Die sowjetische Führung unter General Wassili Tschuikow entwickelte eine Verteidigungstaktik, die den deutschen Vorteil in schweren Waffen und Luftunterstützung neutralisierte, und die deutsche Luftwaffe hatte die Stadt bereits im August mit verheerenden Bombenangriffen in Schutt und Asche gelegt. Paradoxerweise erschwerten die Trümmer den deutschen Vormarsch erheblich, denn Panzer konnten in den zerstörten Straßen nicht manövrieren, während die Ruinen den Verteidigern ideale Deckung boten. Die Sowjets kämpften aus nächster Nähe, hielten jeden Keller, jede Fabrikhalle, jeden Trümmerhaufen, und die deutschen Soldaten nannten diese Taktik den Rattenkrieg.
Jeder Straßenzug musste Haus für Haus erobert werden, und die Verluste auf beiden Seiten waren entsetzlich, wobei Kompanien, die am Morgen in den Kampf zogen, am Abend oft nicht mehr existierten. Die Kämpfe um das Getreidesilo, den Hauptbahnhof und die Fabriken Roter Oktober, Barrikadi und Traktorenwerk wurden zu Symbolen dieses Ringens, und Einheiten wurden in wenigen Tagen aufgerieben. Verstärkungen schmolzen dahin, bevor sie die Front erreichten, und die sechste Armee verblutete im Stadtkampf, während General Tschuikow sein Hauptquartier direkt an die Wolga verlegte, nur wenige hundert Meter von der deutschen Frontlinie entfernt.

Er wollte seinen Männern zeigen, dass er ihr Schicksal teilte, und seine Soldaten kämpften mit einer Verbissenheit, die die deutschen Truppen erschütterte. Die Scharfschützen beider Seiten lieferten sich tödliche Duelle zwischen den Ruinen, und der sowjetische Scharfschütze Wassili Saizew erlangte legendären Ruf, während die psychologische Wirkung dieser lautlosen Killer enorm war. Kein Soldat konnte sich sicher fühlen, nicht einmal hinter der eigenen Linie, und Paulus drängte auf die vollständige Einnahme der Stadt, während die Führung in Berlin den Sieg forderte.
Niemand wollte eingestehen, dass die Operation gescheitert war, und so kämpften die deutschen Truppen weiter, obwohl die taktische Lage immer ungünstiger wurde. Die Flanken der sechsten Armee wurden von verbündeten rumänischen, ungarischen und italienischen Verbänden gehalten, die schlechter ausgerüstet, weniger motiviert und nicht für einen Winterkrieg in Russland vorbereitet waren. Die sowjetische Aufklärung erkannte diese Schwachstellen und begann, einen Gegenschlag vorzubereiten, der am 19. November 1942 mit der Operation Uranus begann.
Über eine Million Soldaten, mehr als 1000 Panzer und 3000 Geschütze standen bereit, und der Angriff traf die rumänischen Verbände nördlich und südlich von Stalingrad mit vernichtender Wucht. Die sowjetische Planung war meisterhaft, und Generäle wie Schukow und Wassilewski hatten den Angriff monatelang vorbereitet, indem sie ihre Kräfte an den schwächsten Stellen der deutschen Front konzentrierten. Die Rumänen verfügten weder über ausreichende Panzerabwehrwaffen noch über Reserven, und ihre Linien brachen zusammen, während sowjetische Panzerverbände tief in das deutsche Hinterland vorstießen.
Die sechste Armee war plötzlich von zwei Seiten bedroht, und Paulus erkannte die Gefahr, doch er erhielt den Befehl, seine Stellungen zu halten. Vier Tage nach Beginn der Offensive schloss sich der Ring bei Kalatsch, westlich von Stalingrad, wo die sowjetischen Zangen aufeinander trafen. Rund 250.000 deutsche und verbündete Soldaten saßen in einem Kessel fest, der nur etwa 50 Kilometer im Durchmesser maß, und die eingeschlossenen Truppen umfassten neben der sechsten Armee auch Teile der vierten Panzerarmee sowie Flak-, Pionier- und Nachschubeinheiten.
Es war die größte Einschließung deutscher Truppen im gesamten Krieg, und die ersten Tage im Kessel waren von Chaos und Verwirrung geprägt, als Nachschubdepots in sowjetische Hände fielen. Tausende von Fahrzeugen standen ohne Treibstoff bewegungslos in der Steppe, die Kommandostrukturen gerieten durcheinander, und Gerüchte und Panik breiteten sich aus. In den ersten Tagen nach der Einschließung wäre ein Ausbruch noch möglich gewesen, und mehrere Generäle drängten Paulus, sofort nach Westen durchzubrechen, doch Paulus wartete auf Befehle.
Die Entscheidung fiel in Berlin, wo Adolf Hitler befahl, Stalingrad zu halten, und die sechste Armee sollte eine Festung bilden und auf Entsatz warten. Reichsmarschall Hermann Göring versprach, die eingeschlossenen Truppen aus der Luft zu versorgen, doch es war ein verhängnisvolles Versprechen, denn die Luftwaffe hatte weder genügend Transportflugzeuge noch die Kapazität, die benötigten Versorgungsgüter zu liefern. Die sechste Armee brauchte mindestens 500 Tonnen Nachschub täglich, doch im Durchschnitt erreichten nur etwa 100 Tonnen den Kessel, und die Soldaten begannen zu hungern.

Jeder Flug war ein Himmelfahrtskommando, denn sowjetische Jäger und Flakstellungen schossen Dutzende von Transportmaschinen ab, und die Piloten der Junkers Ju 52 und Heinkel He 111 flogen bei eisigen Temperaturen und schlechter Sicht. Viele Maschinen stürzten ab, ohne je den Kessel erreicht zu haben, und die Verluste der Luftwaffe wurden irreparabel. Der Winter brach herein mit Temperaturen von minus 30 Grad und darunter, und die deutschen Soldaten hatten keine angemessene Winterausrüstung, sodass Erfrierungen zur Massenerscheinung wurden.
Die Pferde starben, und mit ihnen versagte der Transport, während Verwundete nicht mehr evakuiert werden konnten. Im Dezember startete die Heeresgruppe Don unter Generalfeldmarschall Erich von Manstein eine Entsatzoperation, das Unternehmen Wintergewitter, das einen Korridor zur sechsten Armee schlagen und sie befreien sollte. Manstein war einer der fähigsten deutschen Befehlshaber, doch selbst er konnte die Lage nicht mehr wenden, denn die verfügbaren Kräfte waren zu schwach für die gestellte Aufgabe.
Die Panzerverbände unter General Hermann Hoth kämpften sich bis auf 50 Kilometer an den Kessel heran, doch die sowjetischen Kräfte waren zu stark, und die deutschen Reserven zu schwach. Manstein forderte Paulus auf, gleichzeitig aus dem Kessel auszubrechen, doch Hitler verbot jede Aufgabe von Terrain, und Paulus weigerte sich, ohne ausdrücklichen Befehl zu handeln. Er argumentierte, dass seinen Truppen der Treibstoff für einen Ausbruch fehle, und ob dies stimmte oder ob Paulus den Konflikt mit Hitler scheute, bleibt umstritten.
Die sechste Armee blieb in ihrer Position, und die Entsatztruppen mussten sich zurückziehen, als sowjetische Offensiven im Norden die gesamte Südfront bedrohten. Die letzte Chance war vertan, und in den folgenden Wochen schrumpfte der Kessel immer weiter zusammen, während die sowjetischen Truppen einen Flugplatz nach dem anderen eroberten. Die Versorgung wurde unmöglich, und die deutschen Soldaten aßen ihre Pferde, dann ihre Hunde, dann nichts mehr, während die tägliche Brotration auf 50 Gramm pro Mann sank.
Gefrorenes Pferdefleisch wurde zur Delikatesse, und manche Soldaten gruben im Schnee nach Körnern, die aus zerstörten Lagern stammten, während der Hunger zu Handlungen trieb, die sie unter normalen Umständen nie begangen hätten. Die Kampfkraft der Einheiten sank rapide, Verwundete erfroren in den provisorischen Lazaretten, und Kranke starben an Typhus, Ruhr und Erschöpfung. Die Offiziere verloren die Kontrolle über ihre Männer, und Desertion und Selbstverstümmelung nahmen zu, während die Feldpost Briefe aus der Heimat brachte, die von einer anderen Welt erzählten.
Viele Soldaten schrieben Abschiedsbriefe an ihre Familien, denn sie wussten, dass sie nicht überleben würden, und die letzten Postsäcke verließen den Kessel Mitte Januar, danach herrschte Stille. Trotzdem kämpfte die sechste Armee weiter, und die verbliebenen Soldaten verteidigten jeden Keller, jeden Bunker, jede Ruine, nicht mehr aus Überzeugung oder Gehorsam, sondern aus einem dumpfen Überlebenswillen und der Angst vor sowjetischer Gefangenschaft. Ende Januar 1943 spalteten sowjetische Angriffe den Kessel in zwei Teile, und die organisierte Verteidigung brach zusammen, während einzelne Gruppen sich noch in den Trümmern hielten.

Das Ende war unausweichlich, und am 10. Januar 1943 begann die sowjetische Schlussoffensive unter dem Decknamen Operation Ring, der die ausgehungerten und erschöpften deutschen Verbände nicht mehr standhalten konnten. Die Frontlinien brachen zusammen, und am 30. Januar beförderte Hitler Paulus zum Generalfeldmarschall, eine unmissverständliche Aufforderung zum Selbstmord, denn noch nie hatte sich ein deutscher Feldmarschall lebend ergeben. Paulus verstand die Botschaft, doch er wählte das Leben, und am folgenden Tag kapitulierte der Südkessel unter seinem Kommando, während zwei Tage später auch die letzten Verteidiger im Nordkessel aufgaben.
Die Schlacht um Stalingrad war beendet, und von den rund 250.000 eingeschlossenen Soldaten waren etwa 100.000 gefallen oder an Krankheiten und Erschöpfung gestorben. Rund 91.000 gingen in Gefangenschaft, doch nur etwa 6000 von ihnen sollten jemals in ihre Heimat zurückkehren, denn die Gefangenen wurden auf langen Märschen in Lager getrieben. Viele brachen unterwegs zusammen und starben am Straßenrand, während in den Lagern Hunger, Kälte und Krankheiten herrschten, und Typhus und Ruhr rafften tausende dahin.
Die sowjetischen Behörden waren nicht auf eine solche Masse von Gefangenen vorbereitet, doch auch der Hass auf die deutschen Eindringlinge spielte eine Rolle bei der hohen Sterblichkeit. Die Vernichtung der sechsten Armee war mehr als eine militärische Niederlage, sie markierte den Wendepunkt des Krieges im Osten, und die Initiative ging endgültig auf die Sowjetunion über. Das Reich konnte sich von diesem Verlust nie erholen, denn neben den Soldaten verlor die Wehrmacht in Stalingrad unersetzliches Material, tausende von Geschützen, Panzern und Fahrzeugen.
Die deutsche Rüstungsindustrie konnte diese Verluste nicht ausgleichen, und von nun an kämpfte die Wehrmacht mit schrumpfenden Ressourcen gegen einen immer stärker werdenden Gegner. Die psychologischen Auswirkungen waren gewaltig, denn die deutsche Bevölkerung erfuhr erstmals die volle Wahrheit über eine militärische Katastrophe, und die Propaganda konnte Stalingrad nicht beschönigen. Das Vertrauen in die Führung begann zu bröckeln, während für die sowjetische Seite Stalingrad zum Symbol des Widerstands und des Sieges wurde, und die Stadt, die bis auf die Grundmauern zerstört worden war, wurde zum heiligen Ort der nationalen Erinnerung.
Ihr Opfer legitimierte den weiteren Kampf bis zur bedingungslosen Kapitulation des Gegners, und die Geschichte der sechsten Armee ist eine Mahnung vor den Gefahren militärischer Hybris, politischer Verblendung und menschlicher Grausamkeit. Hunderttausende Soldaten beider Seiten starben in den Ruinen einer Stadt, deren strategischer Wert niemals die aufgewandten Opfer rechtfertigte, und die sowjetischen Verluste in der Schlacht überstiegen die deutschen bei weitem. Schätzungen gehen von über einer Million toter, verwundeter und vermisster Rotarmisten aus, und auch die Zivilbevölkerung der Stadt litt furchtbar, denn zehntausende Einwohner kamen durch Bomben, Artillerie und Hunger ums Leben.
Friedrich Paulus überlebte die Gefangenschaft und schloss sich später dem Nationalkomitee Freies Deutschland an, sagte gegen seine ehemaligen Kameraden bei den Nürnberger Prozessen aus und lebte bis zu seinem Tod im Jahr 1957 in der DDR. Sein Name bleibt untrennbar mit der Katastrophe verbunden, und die sechste Armee wurde nach Stalingrad neu aufgestellt und kämpfte bis Kriegsende weiter, doch der Geist der alten Truppe war gebrochen. Die Elite der Wehrmacht war an der Wolga gestorben, und Stalingrad steht bis heute als Warnung vor den Schrecken des Krieges, während die Trümmer längst beseitigt wurden und die Stadt heute einen anderen Namen trägt, doch die Erinnerung bleibt lebendig. In den Gräbern an der Wolga ruhen die Überreste jener, die einst als Sieger kamen und als Besiegte endeten, und ihr Schicksal mahnt die Nachwelt, die Lehren der Geschichte nicht zu vergessen.


