Die Luft über Dresden war kalt und klar in jener Februarnacht des Jahres 1945, als die ersten Motorengeräusche die Stille zerrissen, ein tiefes, gleichmäßiges Brummen, das aus dem Nichts zu kommen schien und doch alles ankündigte, was folgen sollte. Was dann geschah, war nicht einfach ein Bombenangriff, es war die systematische Vernichtung einer Stadt, ein Feuersturm, der die historische Altstadt in Schutt und Asche legte und Zehntausende das Leben kostete. Inmitten dieses Infernos stand ein 18-jähriger Junge, der in dieser Nacht aufhörte, jung zu sein, und dessen Erinnerungen bis heute nachhallen wie ein Echo aus der Hölle.
„Ich war 18 Jahre alt, als Dresden brannte“, beginnt der Zeitzeuge seine erschütternde Schilderung, die nun als Video vorliegt und die Welt an das Grauen erinnert, das sich vor fast acht Jahrzehnten ereignete. „Das ist wichtig. Nicht, weil 18 Jahre ein besonderes Alter wären, sondern weil ich in dieser Nacht aufgehört habe, 18 zu sein.“ Seine Worte sind ein Fenster in eine Vergangenheit, die nie vergehen wird, ein Zeugnis der Zerstörung, die eine ganze Generation prägte. Der Junge aus der Neustadt, der einst Fußball spielte und seiner Mutter half, wurde in jener Nacht zu einem anderen Menschen, innerlich leer wie die ausgebrannten Fassaden der Stadt, die noch wochenlang standen, obwohl in ihrem Inneren nichts mehr war.
Der 13. Februar 1945 begann für ihn wie jeder andere Tag im Krieg. Als Hilfsfeuerwehrmann war er im Depot in der Nähe der Wettstraße stationiert, zusammen mit seinem Kameraden Heinz und vier anderen Jugendlichen zwischen 16 und 20 Jahren. Sie waren keine ausgebildeten Feuerwehrmänner, sondern Schüler in zu großen Uniformen, die gelernt hatten, Schläuche zu bedienen und Brandbomben mit Sandschaufeln abzudecken. Die echten Männer waren längst an der Front oder tot. Was übrig blieb, waren sie, die Jungen, die den Schutz einer Stadt übernehmen sollten, die bis dahin als sicher galt.
Dresden, die Stadt der Kunst und Kultur, galt damals noch als sicher, eine bittere Wahrheit, die die Menschen glaubten. Flüchtlinge aus dem Osten strömten in die Stadt, Hunderttausende auf Bahnhöfen und in Turnhallen, alle in dem Glauben, dass Dresden verschont bleiben würde. Man sagte, die Stadt habe keinen militärischen Wert, obwohl sie der wichtigste Eisenbahnknotenpunkt des östlichen Reiches war und Rüstungsbetriebe in den Vororten produzierten. „Aber man hört, was man hören will“, sagt der Zeitzeuge heute, und in diesen Worten liegt die ganze Tragik einer Bevölkerung, die sich in Sicherheit wiegte, während die Bomber bereits auf dem Weg waren.
Gegen 22 Uhr wurde es ruhiger auf den Straßen. Der Junge stand kurz vor der Depotür und schaute nach draußen. Schwaches Mondlicht, keine Wolken, ein klarer Februarhimmel. „Das hätte mich warnen sollen. Klare Nächte sind gute Bombernächte. Das wusste ich. Ich bin trotzdem wieder reingegangen.“ Dann heulten die Sirenen auf, anders als alle Alarme zuvor. Tiefer, länger, dringlicher, ein Ton, der sich in die Ohren bohrte und nicht wieder herausging. Sie griffen nach ihren Helmen, und ihr Vorgesetzter, Brandmeister Kessler, ein älterer Mann mit steifem linken Arm, brüllte Anweisungen, die in der Lautstärke der Sirenen versanken.
Draußen war die Stadt in Bewegung, nicht in Panik, aber in dieser spezifischen angespannten Bewegung, die man erkennt, wenn Menschen wissen, dass es ernst wird, es aber noch nicht eingestehen wollen. Lichter erloschen, Türen schlossen sich, Zivilisten liefen in Richtung der Luftschutzkeller. Eine Frau mit einem Koffer, der schon bereitstehen musste für genau diesen Moment, Männer, die rauchten und nach oben schauten. Der Junge schaute ebenfalls nach oben, aber da war noch nichts. Brandmeister Kessler stellte sie auf ihre Positionen, und dann standen sie da, Heinz und er, und schauten in den Himmel.
Sie hörten sie, bevor sie sie sahen. Ein Ton, tief und gleichmäßig, ein Brummen, das aus einer Richtung kam und dann aus allen Richtungen zu kommen schien. Hunderte von Motoren, mehr als hunderte, ein Geräusch, wie er es nicht kannte, obwohl er gedacht hatte, alles zu kennen, was der Krieg an Lärm produzieren kann. Es war das Geräusch von mehr als 200 Lancaster Bombern der Royal Air Force, die über Sachsen flogen. In diesem Moment wusste er, dass Dresden nicht sicher war. Dann sahen sie die Zielmarkierungen, rote und grünliche Leuchtkörper, die langsam vom Himmel fielen und die Dächer und das Pflaster in ihrem Schein erleuchteten.
Der erste Treffer kam, als er noch auf der Straße war, ein dumpfer, schwerer Einschlag, der den Boden kurz zittern ließ. Und dann noch einer, und dann noch einer, und dann hörten sie nicht mehr auf. Die Bomben fielen in einem kontinuierlichen Hämmern, einem Schlagen, als würde jemand mit einem riesigen Werkzeug gegen die Erde arbeiten, ohne Pause, ohne Rhythmus. Die Druckwellen der Sprengbomben trafen ihn in den Rücken, er stolperte, fiel auf die Knie auf dem Pflaster und rannte weiter, in Richtung des nächsten Luftschutzkellers. Der Keller war bereits voll, Menschen auf den Bänken, auf dem Boden, gegen die feuchten Betonwände gedrückt, der Geruch von Angstschweiß und kaltem Stein.
Heinz kam zwei Minuten nach ihm, blass, und stellte sich neben ihn, und sie standen da und hörten zu, wie Dresden über ihnen zerstört wurde. Die Sprengbomben machten ein tiefes, wuchtiges Geräusch, die Stabbrandbomben ein härteres metallisches Aufschlagen, dann ein Zischen und Knistern, wenn das Magnesiummaterial sich entzündete. Die Druckwellen rüttelten an den Wänden, feiner Kalkstaub rieselte von der Decke auf die Gesichter der Menschen. Die Glühbirne erlosch, totale Dunkelheit für zwei oder drei Sekunden, dann flammte sie wieder auf, schwächer als vorher. Er zählte die Einschläge nicht, es hatte keinen Sinn. Was er tat, war atmen, flach und bewusst, weil ihm jemand einmal gesagt hatte, dass man bei starkem Druck flach atmen soll.
Die erste Angriffswelle dauerte ungefähr 15 Minuten. Dann war Stille, nicht vollständige Stille, aber die Bomben fielen nicht mehr. Als sie aus dem Keller kamen, war Dresden eine andere Stadt. Die Luft war heiß, obwohl es Februar war, und sie roch nach Rauch und nach verbranntem, nach allem, was in einer Stadt brennen kann. Er sah Feuer in drei Richtungen, in Richtung der Altstadt ein großes gleichmäßiges Glühen, in Richtung des Hauptbahnhofs Qualm und orangefarbene Flammen. Brandmeister Kessler tauchte aus dem Nichts auf, Ruß im Gesicht, und befahl ihnen, die Schläuche zu holen und die Brände zu begrenzen.
Sie schleppten die Schläuche über Trümmer und Glasscherben, die auf dem Pflaster lagen wie ein zersplitterter Spiegel. Alle Fensterscheiben waren durch die Druckwellen aus den Rahmen gerissen worden. Sie legten den Schlauch aus und schlossen ihn an einen Hydranten an, Wasser kam, was gut war, denn in anderen Teilen der Stadt waren die Wasserleitungen schon ausgefallen. Er hielt den Schlauch, das Wasser schoss heraus mit einem Druck, den er kaum halten konnte, und sie richteten den Strahl auf die Fassade eines brennenden Hauses. Das Wasser dämpfte die Flammen ab, löschte sie nicht, mehr war nicht möglich.

Dann, kurz nach ein Uhr, kamen die Sirenen wieder. Brandmeister Kessler hörte sie zuerst, und dann hörte er es ebenfalls, den Fliegeralarm, wieder dieselbe lange hohe Sirene. Sie ließen die Schläuche fallen und rannten, über Trümmer und Scherben und durch Rauch, der die Straße füllte, auf den nächsten Luftschutzkeller zu, der aber verschlossen war, und sie rannten weiter zur nächsten Straße und fanden dort einen Eingang. Die zweite Welle begann kurz nach 1:23 Uhr und sie war schlimmer. Die erste Welle hatte mehr als 200 Lancaster Bomber umfasst, die zweite Welle mehr als 500.
Der Feuersturm begann, während sie noch im Keller waren. Zuerst merkte man es an der Luft, ein Saugen, als würde etwas draußen die Luft an sich ziehen. Dieser Sog kommt vom Feuersturm, wenn genug Fläche gleichzeitig brennt, erzeugt das Feuer seinen eigenen Wind. Die Temperatur stieg, langsam zuerst, dann wärmer. Und dann ein Einschlag, der näher war als alle anderen vorher, ein körperlicher Stoß, der ihn gegen die gegenüberliegende Wand drückte. Ein Teil der Kellerdecke hatte nachgegeben, und durch den Riss fiel Schutt herein. Irgendwo in dieser Ecke war jemand, dem ein Trümmerstück auf den Arm gefallen war, denn er hörte jemanden schmerzhaft aufschreien.
Er saß auf dem Boden und wartete. Das Warten war das Schlimmste, nicht die Einschläge selbst, sondern das Wissen, dass der Nächste kommen würde, ohne zu wissen wann. Dass jeder Einschlag der Letzte sein konnte, weil er nah genug sein konnte, um den Keller zu zerquetschen wie eine leere Konservendose. Irgendwann hörten die Bomben auf. Die Stille war fast unerträglich nach dem Lärm. Sie öffneten die Kellertür nach mehr als zwei Stunden. Der Himmel war rot, nicht als Übertreibung, sondern weil das Feuer so groß und so heiß war, dass es die Wolken von unten erleuchtete.
Die Straße vor dem Keller war nicht mehr dieselbe. Gebäude, die er gekannt hatte, standen noch als Fassaden, hinter denen es lichterloh brannte. Andere waren vollständig eingestürzt und lagen als Trümmerberge auf dem Pflaster. Der Feuersturm brannte vor allem in der Altstadt, aber man spürte seinen Atem auch hier, einen Kilometer entfernt. Die Luft war nicht mehr atembar, sie war heiß und voller Rauchpartikel. Er suchte Brandmeister Kessler und fand ihn schließlich zwei Straßen weiter, sitzend auf einem Trümmerhaufen, den Helm in der Hand, das Gesicht vollständig Ruß geschwärzt.
Den Rest dieser Nacht und den folgenden Tag verbrachte er damit, zu graben und zu tragen und zu löschen, so gut es ging. Die Einzelheiten dieser Stunden verschwimmen zu einem einzigen langen Bild aus Trümmern und Rauch und Erschöpfung. Sie schufen Zugang zu einem verschütteten Luftschutzkeller in der Nähe der Pragerstraße und holten Menschen heraus, die dort seit der ersten Welle eingeschlossen gewesen waren. In diesem Morgengrauen sah er Dinge, die er sein ganzes Leben nicht vergessen hat, Dinge, die ihm das angetan haben, was der Krieg mit jedem macht, der zu lange in ihn hineinschaut.
Seine Mutter fand er am Nachmittag des 14. Februar. Sie war unverletzt, ihre Wohnung in der Königsbrückerstraße stand noch, beschädigt, aber nicht zerstört. Sie hatte die Nacht im Luftschutzkeller des Hauses verbracht. Als er sie sah, sagte er nichts, und sie sagte nichts, und sie standen nur in dem Treppenhaus, das nach Rauch roch. Und das war alles. Er war danach noch mehr als zwei Monate Feuerwehrhilfe, registriert in einem Krieg, der sich seinem Ende näherte. Der Krieg endete im Mai 1945 mit der totalen Niederlage Deutschlands, und Dresden lag in Trümmern.
Heute, als alter Mann, sagt er, was er damals nicht hätte sagen können. Die Bomben, die in jener Nacht auf Dresden fielen, haben die Stadt zerstört, tausende Menschen getötet, etwas aus der Welt genommen, das nicht wiederhergestellt werden konnte. Aber diese Katastrophe hatte eine Ursache, und diese Ursache sitzt nicht in den Bomberpiloten der Royal Air Force. Diese Ursache sitzt darin, dass Deutschland im September 1939 einen Krieg begonnen hat, der nicht notwendig war, von einem Regime, das auf Lüge und Gewalt gebaut war. Ein Regime, dem sie gefolgt sind, sein Vater, seine Lehrer, das ganze Land.
Er war 18 Jahre alt und dachte, er sei ein unschuldiges Opfer, und in gewissem Sinne war er das. Aber er war auch Teil eines Volkes, das sechs Jahre lang einem Mann zugehört hatte, der erklärt hatte, was er vorhatte, und der dann getan hatte, was er angekündigt hatte. Und das Land hatte mitgemacht und hatte weggeschaut und hatte sich gesagt, der Krieg werde schon gewonnen werden. Dann hatte er ihn nicht gewonnen, und dann standen sie in den Trümmern und fragten, wie das geschehen konnte. Er fragt sich das nicht mehr. Es konnte geschehen, weil sie es geschehen ließen.
„Ich höre manchmal noch heute die Sirenen. Nicht wirklich, im Schlaf manchmal, in jenen Momenten kurz vor dem Einschlafen, wenn der Geist loslässt. Das Brummen der Motoren, das rote Glühen am Himmel, der Kalkstaub auf dem Betonboden des Kellers. Diese Bilder gehen nicht weg. Ich habe aufgehört, sie wegschicken zu wollen. Sie gehören zu mir. Sie sind das, was von jener Nacht geblieben ist, in der ich aufgehört habe, 18 zu sein. Passt auf. Passt sehr gut auf.“


