Die Luft über Charkow ist im Februar 1943 nicht mehr atembar, sie ist ein Gemisch aus gefrorenem Pulverdampf, verbranntem Öl und dem metallischen Geruch von Blut, der sich in den Schnee gefressen hat wie eine Säure. Was die Männer der deutschen Wehrmacht in diesen Wochen erleben, ist kein Krieg mehr im Sinne einer strategischen Operation, es ist ein Überleben in einer Landschaft, die jede menschliche Ordnung verloren hat. Der Graben, den sie besetzen, ist kein militärisches Bauwerk, er ist ein Riss in der gefrorenen Erde, aufgerissen von Artillerietreffern der vergangenen Wochen, gestopft mit dem Schnee der letzten Nacht und dem gefrorenen Lehm, der sich zwischen den Lagen der Zeltplane und dem Hosenzeug festgesetzt hat wie Mörtel zwischen Mauerwerk. Die Finger der Soldaten sind seit Stunden nicht mehr ihre eigenen, sie spüren sie nur noch als dumpfe Verdickungen an den Händen, als hätte man Holzklötze an die Knöchel geschnallt. Wenn sie das Verschlussstück des Karabiners 98 zurückziehen, erkennen sie den Widerstand nicht an einer Empfindung in der Fingerkuppe, sondern an dem metallischen Quietschen, das durch den Handschuh hindurchdringt und irgendwo tief im Unterarm registriert wird. Die Temperatur liegt bei minus 20, vielleicht minus 25 Grad Celsius, das Thermometer, das der Gruppenführer noch in der ersten Februarwoche an einem Pfosten außerhalb der Unterstandsluke befestigt hatte, ist längst zu einem Glasfaden eingefroren, der keinen Ausschlag mehr zeigt. Es ist irrelevant, was relevant ist, liegt 130 Meter östlich von ihnen und macht Geräusche, Motorengeräusche, die aus der Tiefe der Steppe heraufrollen wie das Grollen eines herannahenden Gewitters. Dort ist die Spitze der Kolonne, dort ist, was nach Charkow will, und was nach Charkow will, ist die Rote Armee in ihrer ganzen, ungeheuren Wucht.
Mitte Februar 1943 ist die Gesamtlage an der Ostfront so, dass man sie einem nüchternen Menschen nur in Portionen erklären kann, weil jede vollständige Erklärung sofort in die Region des Unglaublichen abdriftet. Die Heeresgruppe Don, die im November 1942 neu aufgestellt worden war und nun seit dem 13. Februar 1943 unter dem Namen Heeresgruppe Süd firmiert, hält eine Front, die keine Front mehr ist, sondern ein Flickwerk aus Aufnahmestellungen, Kampfgruppen und Lücken, die man mit dem Begriff Frontlinie kaum noch ehrlich bezeichnen kann. Im Norden, wo die zweite Armee noch steht, klafft eine Bresche von über 120 Kilometern zwischen der Südwestfront der Roten Armee und den zerfransten Resten der deutschen Verbände an der mittleren Donezlinie. Woronesch ist in sowjetischer Hand, die Verbände des Obergruppenführers Hauser, das zweite SS-Panzerkorps mit seinen drei Divisionen Leibstandarte SS Adolf Hitler, Das Reich und Totenkopf, stehen in und um Charkow in einer Position, die man operativ nur als Sack bezeichnen kann, der sich von drei Seiten zuzieht. Die Stadt ist seit zwei Wochen Gegenstand von Befehlen, Gegenbefehlen und Fernschreiben, die einander widersprechen wie Zeugen eines Unfalls, die alle eine andere Straße sahen. Halten, evakuieren, halten bis zum letzten, ausbrechen, die Stadt ist nicht haltbar, die Stadt muss gehalten werden, ein Kreislauf der Widersprüche, der die Männer an der Front in eine lähmende Unsicherheit stürzt.
Ich bin kein General, sagt der Schütze in einem Grabenstück östlich der Charkower Vororte, und was ich höre, sind Motoren. Der erste Befehl kommt um 4:30 Uhr, Stellungswechsel, Rückzug auf die Zwischenlinie am Lopanabschnitt. Der Zugführer, Oberleutnant Brand, erklärt es nicht, er gibt den Befehl, und die Männer packen das Notwendige. Das Notwendige ist Munition, Waffe, der Mantel am Leib, die Handgranaten in der Trägertasche, alles andere, der Brotbeutel mit dem letzten dreiviertel Fadenbrot, die Zeitungen aus dem Dezember, die Fotografie, die jemand an einen Balken gelehnt hatte, bleibt zurück. Das Balkenholz ist das Dach einer Unterstandskonstruktion, die ein Pionier aus dem Ort vor ihnen errichtet hat und die sie seit 23 Tagen bewohnen. Sie ist gut, sie ist warm geworden durch ihre Körper und durch einen Blechofen, den sie selbst gebastelt haben, sie zu verlassen ist die erste operative Handlung dieses Februartages, und sie vollzieht sich ohne Worte, die über das militärisch Notwendige hinausgehen. Neun Mann bewegen sich im Gänsemarsch nach Nordwesten durch den Vorortgarten einer Fabriksiedlung, deren Schornsteine abgebrochen sind wie Zähne. Der Schnee liegt 30 Zentimeter hoch, und darunter ist Eis, und unter dem Eis ist nichts als mehr Erde, die seit Wochen nicht mehr weich war.
Die erste Feuerpause nutzt der Schütze, um das Verschlussstück zu überprüfen. Es ist nicht gerissen, aber die Fettschicht, mit der er es vor drei Tagen eingeölt hatte, ist konsistent geworden. Bei diesen Temperaturen verdickt jedes Gewehrfett zur Konsistenz von Kaltalk, und wer nicht täglich kontrolliert, stellt im entscheidenden Moment fest, dass sein Verschluss sich wie ein eingegossener Bolzen verhält. Er kratzt das Fett mit dem Fingernagel heraus, soweit das mit Handschuhen geht, und reibt die kritischen Flächen mit dem trockenen Teil des Hosensaums nach. Kein Öl, Trockenlauf ist besser als Fettblockade, das ist keine Vorschrift, das ist Erfahrung aus zwei Wintern an dieser Front. Und die Vorschrift interessiert ihn im gegenwärtigen Moment weniger als die Frage, ob das Verschlussstück im nächsten Feuerkampf nach hinten und nach vorne geht, wenn er es braucht. Brunner, der neben ihm geht und die leichte Maschinengewehr-Lafette trägt, das Maschinengewehr 42, dem man die Kälte auch ansieht wie einem alten Mann den Winter, hat dasselbe Problem. Das Maschinengewehr 42 ist für Temperaturen bis minus 20 Grad konstruiert, aber die Handhabung eines 14 Kilogramm schweren Systems im Laufschritt durch Schneefeld und Trümmer ist auch bei normalen Temperaturen kein Vergnügen. Bei minus 20 Grad braucht das Rückstoßsystem des Verschlusses mindestens 50 Schuss, um betriebswarm zu werden, die ersten 50 Schuss sind kritisch. Das weiß Brunner, ich weiß es, unser Zugführer weiß es.
Der Rückzug aus den Vororten Charkows ist kein Versagen, sagt der Schütze, ich sage es als technisches Faktum. Die Entscheidung, die Stadt nicht als Festung zu halten, sondern operativ aufzugeben, um eine Einschließung zu verhindern, ist eine der wenigen logisch kohärenten Entscheidungen, die in diesen Wochen auf der Ebene des Generalkorps getroffen wurden. Die Sowjets operieren mit der Südwestfront unter Generaloberst Watutin und der Woronescher Front unter General Golikow, ihre kombinierte Stoßkraft übersteigt bei weitem das, was die deutschen Verbände in der Stadt halten könnten. Die erste Gardearmee drückt von Norden, die dritte Panzerarmee von Rybalko stößt von Nordosten, das sechste Armeekorps ist bereits in der Flanke bedrängt. Obergruppenführer Hauser hat am 15. Februar gegen den ausdrücklichen Befehl Hitlers den Räumungsbefehl gegeben. Ich weiß das nicht aus einem Fernschreiben, sagt der Schütze, ich weiß es, weil unser Zugführer es weiß, weil es durch den Kompaniefunk kam, und weil die Bewegung, die ich gerade ausführe, dieser Rückzug durch die Vorortgärten, durch den Schneematsch vorbei an zurückgelassenen Fahrzeugen, deren Kühlwasser erstarrt und deren Motoren nicht mehr anspringen, die körperliche Entsprechung dieser Entscheidung ist. Jemand hat auf der richtigen Ebene die richtige Entscheidung getroffen, dieser jemand ist nicht ich, ich bin das Instrument der Ausführung.
Der Lopan ist zugefroren, der Fluss, ein Nebenarm des Donez, liegt unter 30 Zentimetern Schnee und darunter unter einem Eispanzer, den man auf 40 bis 50 Zentimeter schätzt. Pioniere haben die Tragfähigkeit geprüft, die Männer gehen darüber in Einzelabstand, fünf Meter zwischen Mann und Mann, wie es die Vorschrift verlangt, wenn man Eis kreuzt. Das Kratzen der Sohlen auf dem Untergrund ist das einzige Geräusch, das hier zugelassen sein sollte, aber von Osten kommt das Rollen, das Rollen von Artillerie. Weit, noch weit, aber mit dem charakteristischen Nachhall des eingefrorenen Terrains, das Schall anders überträgt als sommerliche Erde, flacher, breiter wie ein Schlag auf eine gespannte Trommel. Drüben, jenseits des Flusses, ist eine halbfertige Zwischenstellung, Schützengräben, die bis zur Froststarre gezogen und dann eingefroren sind, bevor sie fertig waren, Anlagen, die wie Wunden in der Erde aussehen, die man nicht verbunden hat. Die Männer beziehen diese Stellung, sie haben keine Wahl in der Wahl des Grabens, sie haben nur die Wahl der Deckung innerhalb dessen, was ihnen die Pioniere hinterlassen haben. Vier Stunden nach dem Stellungswechsel kommt die erste sowjetische Aufklärungsgruppe, Schamützel, zehn bis 15 Mann, Maschinenpistolen und ein leichtes Maschinengewehr, die die nördliche Flanke ihrer Position abtasten. Brunners Maschinengewehr 42, inzwischen warm genug nach dem Einschuss, gibt zwei Gaben ab, zusammen rund 40 Schuss, und die Aufklärungsgruppe verschwindet in die Deckung. Kein Feuerkampf, ein Abtasten beiderseits, ich habe nicht geschossen, sagt der Schütze, mein Ziel war nicht sicher genug.

Die Sichtweite bei Winterlicht und Schneegestöber liegt bei 100 bis 150 Metern, und alles, was er erkennt, sind Umrisse, die sich bewegen und dann nicht mehr bewegen. Er schießt nicht auf Umrisse, die er nicht sicher als feindlich identifiziert, das ist nicht Zögerlichkeit, das ist Munitionsdisziplin. Die Gruppe hat 340 Schuss für den Karabiner, vier Maschinengewehrgurte zu 50 Schuss, dazu sechs Stielhandgranaten und eine Eierhandgranate, das ist ihre Feuerkraft für die nächsten Stunden, und sie ist endlich, und jeder Schuss, der nicht sitzt, ist ein Schuss, der ihnen fehlt. Die Nacht vom 14. auf den 15. Februar ist die kälteste Nacht, an die sich der Schütze aus dieser Zeit erinnert. Das Thermometer, das ein Unteroffizier der Nachbarkompanie noch mitführt, zeigt minus 28 Grad. Sie wechseln die Wache in 30-minütigen Abständen, weil mehr nicht zu leisten ist. 30 Minuten stehen, 30 Minuten in den Unterstand kriechen, der hier nur eine mit Zeltbahnen abgehängte Senke in der Erde ist, und die Hände an den Körper des Nebenmannes pressen und warten, dass die Finger wieder Empfindung annehmen. Unterkühlungssymptome sind an der Tagesordnung, Lööner, ein Gefreiter aus dem dritten Trupp, der einen Teil seiner rechten Zehe schon seit drei Wochen nicht mehr spürt und dessen Fuß beim letzten Verbandswechsel violett war wie eine reife Pflaume, geht jetzt mit einem Gang, der ihn ein Jahr älter macht als seine 27 Jahre. Niemand nennt das Erfrierung laut, es ist eine Erfrierung, der Truppenarzt hat die Wundklassifikation ersten Grades dokumentiert, hat Wollzeug verordnet, das nicht da ist, und Entlastung angeordnet, die operativ nicht möglich ist. Lööner steht Wache, Lööner trägt sein Gewehr, Lööner macht, was gemacht werden muss.
Der 16. Februar bringt den Befehl zum weiteren Rückzug. Die nördliche Flanke der Stadt ist nicht mehr zu halten, die Leibstandarte zieht sich auf den Bogoduchower Korridor zurück, und die Infanterie, die den Flankendeckungsauftrag hat, folgt dieser Bewegung so weit, dass sie nicht abgehängt wird. Das ist das Grundprinzip des geordneten Rückzugs, die kämpfende Truppe muss ihren Anschluss an die Nachbarlinie halten, muss Feuerkontakt zum Feind behalten, ohne sich einkesseln zu lassen, und muss gleichzeitig ein Tempo halten, das physiologisch möglich ist. Das Tempo ist nicht physiologisch möglich, es ist das Tempo, das die Lage erzwingt. Die Männer gehen 15 Kilometer in der Nacht, 23 Stunden Fußmarsch mit kurzem Halt, und der kurze Halt ist 30 Minuten, in denen man nicht schläft, sondern nur wartet, dass die Glieder aufhören zu zittern. Die Straße, auf der sie marschieren, ist keine Straße mehr, sie ist eine Spur in der winterlichen Steppe, flankiert von umgekippten Fahrzeugen und hin und wieder von etwas, das man im Vorbeigehen als einen Menschen erkennt und das man im Vorbeilaufen nicht mehr als einen Menschen erkennen will. Der Feind ist nicht überall, aber der Feind ist an genug Stellen, dass die Frage nach dem genauen Ort, an dem er gerade ist, die wichtigste Frage der nächsten vier Stunden ist. Aufklärung ist auf dieser Ebene das Gefühl in den Ohren und der Geruch in der Luft, verbranntes Treibstofföl riecht anders als verbranntes Holz, ein T-34 klingt anders als ein Kettenkrad. Die Ohren lernen das, weil sie müssen.
Das Kettenkrad, das Halbkettenfahrzeug kleiner Bauart, das für leichten Geländetransport und Schleppaufgaben eingesetzt wird, ist in diesen Tagen das wichtigste Fahrzeug für die Versorgungslinie. Die schweren Lastkraftwagen kommen nicht mehr durch, die Straßen, soweit sie bestehen, sind gefroren und damit im Grundsatz passierbar, aber die Radfahrzeuge brechen durch an Stellen, die man nicht vorhergesagt hat, und dann stehen sie quer und sperren den Weg für alles, was dahinter kommt. Das Kettenkrad kommt durch, es ist klein, es hat ein Gewicht von rund 1200 Kilogramm, seine Gleisketten finden Halt auf der gefrorenen Oberfläche, und es transportiert bei Bedarf zwei Mann und 100 Kilogramm Material. Es ist das Rückgrat des vorderen Nachschubs in diesen Wochen, und jeder Kettenkradfahrer, der durch die Hauptversorgungslinie seine Runden zieht, ist eine Person, auf deren Überleben die Handlungsfähigkeit der vorderen Linie direkt beruht. Der Schütze hat einen von ihnen, einen Gefreiten namens Pocorni, einmal am Steuer sitzen sehen, mit einem Tuch um das Gesicht, das bis auf einen Schlitz für die Augen geschlossen war, und er fuhr mit der Konzentration eines Chirurgen und ohne ein einziges Wort. Wenn Pocorni eingetroffen ist, gab es Brot und Munition, wenn Pocorni nicht eintraf, gab es nichts. An drei von sieben Nächten traf Pocorni nicht ein.
Am 17. und 18. Februar verlagert sich das Schwergewicht des sowjetischen Drucks nach Süden. Die Gruppe Popow der Südwestfront versucht über die Achse Charkow-Krasnograd die rückwärtigen deutschen Verbindungen zu schneiden. Das ist die Tiefenwirkung dieser Offensive, die weit über die Stadt selbst hinausgeht. Wenn es den sowjetischen Verbänden gelingt, die Straßen und Schienenwege im Rücken der Heeresgruppe Don zu unterbrechen, sind die deutschen Kräfte nicht nur taktisch bedrängt, sondern operativ abgeschnürt. Das ist der Plan, sagt der Schütze, wir sehen die Spitze dieses Plans nicht, wir sehen seine Auswirkungen in Form von Marschbefehlen, von Kompanien, die aus dem Verband herausgebrochen werden und in neuen Sektoren erscheinen, von Fernsprüchen, die in unserer Unterstandsluke ankommen und den Zugführer schweigen lassen. Der Zugführer schweigt anders als sonst, er schaut auf die Karte, er faltet sie, er gibt Befehl, das ist sein Beruf. Ende Februar beginnt die Rasputiza. Das ist kein meteorologisches Ereignis, es ist ein Urteil. Das Wort kommt aus dem Russischen und bedeutet, wenn man es übersetzt, die Zeit der Schlammlosigkeit des Weges oder sinngemäß die Zeit, in der die Straßen verschwinden. Die Schneeschmelze beginnt nicht gleichmäßig, sie beginnt an Tiefpunkten, an Stellen, die tagsüber einen Moment Sonne sehen, an den Kanten von Gruben und Trichtern, wo das Wasser sich sammelt und die Frostschicht aufweicht. Dann wandert das Schmelzwasser in die Erde, und die Erde, die noch nicht vollständig aufgetaut ist, nimmt es nicht auf, und es verbleibt zwischen der Ober- und der Mittelschicht des Bodens als eine semiflüssige Masse, die die gleiche braune Farbe hat wie Schokolade und die Konsistenz von gekochtem Leim. Das nennt man Rasputiza, und diese Masse macht jeden Weg unbegehbar, nicht im übertragenen Sinne, buchstäblich.

Ein Lastkraftwagen Opel Blitz, beladen mit 3000 Kilogramm, versinkt bis zur Achse, ein Pferdewagen versinkt tiefer, der Schütze selbst versinkt auf dem Weg zu einem Stellungswechsel bis zum Knie, und der Stiefel kommt herauf, aber der Fuß kommt einen Moment später herauf, und der Moment dazwischen ist eine Erfahrung von mechanischer Hilflosigkeit, die er nicht vergisst. Der Schlamm macht keinen Unterschied zwischen Freund und Feind, er lähmt beide. Für die sowjetischen Verbände, die ihre Offensive mit dem Schwung der vorangegangenen Wochen fortsetzen wollen, bedeutet die Rasputiza eine logistische Katastrophe. Die Panzer der dritten Panzerarmee, die mit hohem Tempo nach Westen und Südwesten vorgestoßen sind, haben ihre Nachschublinien überdehnt. Das ist ein klassisches Problem des schnellen Angriffs, je tiefer der Angreifer eindringt, desto länger wird seine Versorgungslinie, desto größer der Schwund durch Reibung, desto dünner die Verbände an der Spitze. Bei normalen Bodenverhältnissen lässt sich das kompensieren, bei Rasputiza nicht. Die Treibstoffkolonnen kommen nicht durch, die Munitionstransporter kommen nicht durch, die Panzer an der Spitze stehen. Das ist die operative Wende, die die Männer von unten herauf nicht sehen, aber fühlen. Der Druck lässt nach, nicht vollständig, nicht gleichmäßig, aber stellenweise, an Punkten, wo gestern noch Panzermotoren liefen, ist heute Stille. Diese Stille bedeutet nichts Gutes für den Feind, sie bedeutet, dass er gestreckt ist wie ein Gummiband.
Der Mann, der das Gummiband in der Hand hält, ist Erich von Manstein, Generalfeldmarschall, Befehlshaber der Heeresgruppe Süd, bis zum 13. Februar noch Heeresgruppe Don. Der Schütze hat ihn nie gesehen, wird ihn nie sehen, aber seine operativen Entscheidungen formieren sich als Bewegungen seines Körpers durch diese Landschaft. Die Idee des Gegenschlages, die Manstein in diesen Tagen entwickelt und Schritt für Schritt durch das Fernschreibsystem der Heeresgruppe drückt, ist im Kern das Folgende: Die überlaufenden sowjetischen Spitzen sollen nicht frontal gestoppt, sondern seitlich gefasst werden. Die deutschen Panzerverbände, die vierte Panzerarmee im Süden, das zweite SS-Panzerkorps im Zentrum, sollen die Flanken der vorgeschobenen sowjetischen Kräfte abreißen und in einen Vernichtungsring einschließen, bevor die Rasputiza vollständig zuschlägt und auch die deutschen Gegenangriffskräfte festfrisst. Es ist ein enges Zeitfenster, es ist das Zeitfenster, das zwischen dem Aufweichen des Bodens und dem totalen Stillstand liegt, drei Wochen, vielleicht vier, in denen der Schlamm dick genug ist, um den Verteidiger zu lähmen, aber noch nicht dick genug, um die gut vorbereiteten Angreifer völlig aufzuhalten. In dieses Fenster hinein geht der Gegenschlag. Er beginnt ab dem 19. Februar an der Südseite mit dem Vorstoß der vierten Panzerarmee und erreicht den Mittelteil der Front in den letzten Februartagen. Der Schütze erlebt die operative Wende nicht als Befehl, sondern als Lärm. Am 21. oder 22. Februar, die Tage verschwimmen, kommt von Süden ein Klang, den er nicht sofort einordnet, das rollende Donnern von Panzerverbänden in der Bewegung, aber diesmal nicht von Osten nach Westen, sondern von Süden nach Norden. Das ist der erste physische Hinweis, den er erhält, dass sich etwas in der Dynamik der Front umgekehrt hat.
Deutsche Panzer, die von Süden nach Norden vorwärts gehen, folgt eine Energie, die sich anders anfühlt als Rückzug. Der Zugführer bestätigt es, das zweite SS-Panzerkorps greift an, Hauser, der Mann, der Charkow gegen den Befehl geräumt hat, wird Charkow zurücknehmen. Die Ironie dieses Satzes ist dem Schützen nicht entgangen, sein Zugführer erklärt sie nicht, er erklärt nur, dass ihre Aufgabe jetzt die Flankendeckung des vorrückenden Panzerverbandes ist. Was bedeutet, sie gehen mit, sie gehen vorwärts. Vorwärts gehen im März 1943 in der Steppenlandschaft östlich des Donez hat nichts von dem, was man sich unter einem Angriff vorstellt. Es ist kein geradliniger Vormarsch auf ein klar definiertes Ziel, es ist ein Tasten in Feuer und Schlamm. Das Terrain ist jetzt ein Gemisch aus gefrorenen Abschnitten, die noch halten, und aufgetauten Senken, in denen man versinkt. Die Panzerwege sind von Pionieren erkundet und mit Holzknüppelbelag oder Strohlagen vorbereitet worden, wo es geht, und wo es nicht geht, fahren die Panzer durch die Wiesen, und die Infanterie läuft hinterher. Das Laufen hinter Panzern ist eine der absurdesten motorischen Erfahrungen, die ein Mensch machen kann. Die Maschine ist schneller als man, also läuft man, um den Anschluss nicht zu verlieren, und das Gelände, durch das die Panzer gebrochen sind, ist schlechter als das Gelände vor den Panzern, weil die Ketten den Boden aufgeworfen haben wie ein Pflug. Und dieser aufgeworfene Boden, halb gefroren, halbflüssig, klebt an den Stiefeln und macht jeden Schritt 30 Prozent schwerer als den vorherigen.
Die taktische Realität des Angriffs ergibt sich am 5. März, als die Vorhut des zweiten SS-Panzerkorps die nördlichen Vororte Charkows erreicht. Der Schütze ist zu dieser Zeit in einem Kampfabschnitt rund 1800 Meter westlich der Eisenbahnlinie, die am Bahnhof Charkow-Passagier in die Stadt führt. Das ist kein historisches Datum in seinem Kopf, das ist das Dach eines halbzerstörten Fabrikgebäudes, das eine Beobachtungsposition bietet, von der aus man 200 Meter Straße einsehen kann. Und an dieser Position liegt der Zugführer mit einem Scherenfernrohr, und sie liegen hinter ihm mit dem Maschinengewehr und dem Karabiner, und sie warten. Charkow ist eine Großstadt, vor dem Krieg hatte sie über 700.000 Einwohner, Städte existieren auf Lagekarten als Kreise mit Namen. Was in diesen Kreisen ist, ergibt sich auf der Ebene des Schützen aus dem, was man sieht und hört. Der sowjetische Verteidiger, denn jetzt ist die Lage vertauscht, jetzt ist der Russe in der Stadt und hält, und sie kommen von außen, hat sich auf die Blockverteidigung eingerichtet. Jedes Haus ist ein Stützpunkt, Maschinengewehre in den oberen Stockwerken, Scharfschützen in den Ruinen, Panzerfäuste, sowjetische Gegenstücke zu den deutschen Panzerabwehrmitteln, in den Kellern. Die Koordination mit den Panzern, die sie begleiten, ist absolut entscheidend. Ein Panzer allein in der Stadt ist blind, er kann nicht in die Hauseingänge sehen, er kann die Fenster nicht bestreichen, er kann die rückwärtigen Gassen nicht kontrollieren, er braucht die Infanterie. Die Infanterie allein in der Stadt ist verloren, sie kann die gegenüberliegenden Fenster nicht niederhalten, sie kann keine Entfernungen von über 300 Metern wirkungsvoll überbrücken, sie kann kein Gebäude durch bloße Körperkraft aufbrechen, sie braucht den Panzer. Das Zusammenspiel dieser beiden Elemente ist das Einmaleins des Häuserkampfs, und es funktioniert nur, wenn die Verbindung hält. Die Verbindung halten heißt Sicht halten, Signal halten, bedeutet in einem Abstand von nicht mehr als 20 bis 30 Metern hinter dem Panzer zu bleiben, was bedeutet, in dem Gelände zu sein, das soeben beschossen wurde und das noch beschossen wird, und gleichzeitig zu funktionieren.

Das erste Haus, das sie nehmen, ist ein fünfstöckiger Wohnblock an einer Straßenkreuzung, deren Name der Schütze nicht kennt und die auf seiner Karte nur als Kreuzung bei Koordinate 72-Nord-3 erscheint. Die Kreuzung ist eingeschossen, ein 20 Zentimeter tiefes Granattrichterfeld überzieht das Pflaster wie Pockennarben. Dahinter im Eingangsbereich des Blocks ist Bewegung, ein Scharfschütze im zweiten Stock hat bereits auf ihren Vordermann geschossen, einen Gefreiten, den er kaum kannte, der mit einem Treffer in die Schulter aus dem Kampf heraus ist und nach hinten gebracht werden muss. Der Panzer, ein Panzer IV, Ausführung G mit der langen 7,5-Zentimeter-Kanone, dreht sich so in die Seitenstraße, dass seine Kanone auf die zweite Etage des Blocks zeigt. Der erste Schuss, die Sprenggranate trifft die Fassade links des Fensters, das Fenster existiert danach nicht mehr als Fenster, es ist ein Loch in einer Außenwand, umgeben von weggesprengtem Mauerwerk, und der Scharfschütze ist entweder tot oder hat sich nach hinten abgesetzt. Brunner mit dem Maschinengewehr 42 nimmt die Fensteröffnung im dritten Stock unter Feuer, während der Schütze mit zwei anderen Männern den Hauseingang anläuft. Das Anlaufen ist 30 Meter, 30 Meter über offenes Pflaster, man tut es nicht schrittweise, man tut es mit einem Mal aus einer Bewegung heraus im Schutz des Maschinengewehrfeuers und der Panzerkanone, und man hört während dieser 30 Meter die Welt auf die Einzahl reduziert. Das eigene Atmen, das Klappern der Ausrüstung, das Mündungsfeuer von Brunners Maschinengewehr als rhythmisches, ohrenbetäubendes Stakkato. Im Hauseingang angekommen, eine Holztür zertrümmert, hängt schief in den Angeln, ist die Situation sofort taktisch. Links führt eine Treppe nach oben, rechts ein langer Korridor, ein Wohnblock dieser Größe in Charkow hat mindestens zwei Treppenhäuser. Der Gegner kennt das Haus, sie nicht, das ist der Unterschied. Das gleichen sie aus durch Tempo und Handgranate.
Die Stielhandgranate, Modell 24, die man an der Kordel zieht und mit vier bis fünf Sekunden Zündverzögerung wirft, ist die Waffe des Nahkampfs in geschlossenen Räumen. Man wirft sie um Ecken, man wirft sie durch Türen, bevor man die Tür öffnet, man wirft sie in Räume, in denen man keinen vollständigen Überblick hat. Das Grundprinzip: erst werfen, dann eintreten. Der Splitterradius im Gebäude ist eng genug, dass man sich in einem Winkel von zwei bis drei Metern selbst schützen kann, der psychologische Effekt der Detonation in einem geschlossenen Raum ist unabhängig vom physischen Schaden. Wer eine Stielhandgranate in einem Zimmer explodieren hörte, ist für drei bis fünf Sekunden nicht vollständig handlungsfähig. In diesen drei bis fünf Sekunden tritt man ein mit der Maschinenpistole 40. Die Maschinenpistole 40 ist die Waffe des Nahkampfs in diesem Krieg, kompakt, klappbare Schulterauflage aus Stahlblech, Magazin mit 32 Schuss Parabellummunition im Kaliber 9 Millimeter, Feuerrate von etwa 500 Schuss pro Minute. Für den Häuserkampf ist sie in einem Abstandsbereich von null bis 50 Metern das entscheidende Werkzeug. Im Korridor eines sowjetischen Wohnblocks bei Sichtweiten von weniger als zehn Metern, wo ein Karabiner zu lang ist, um an Ecken gehandhabt zu werden, und wo jede Sekunde Umrüstungszeit eine Sekunde zu viel ist, ist die Maschinenpistole das Mittel zwischen Leben und Tod. Der Schütze trägt sie am Haken, er schießt sie aus der Hüfte, wenn es notwendig ist, die Präzision ist auf diese Entfernung ausreichend, was auf fünf Metern keine Wirkung zeigt, hat keine Wirkung verdient.
Das erste Stockwerk des Wohnblocks nehmen sie in 19 Minuten, vier Räume, ein Nebengebäude des Treppenhauses. Der Feind hat sich nach oben abgesetzt. Das zweite Stockwerk beginnt mit einem breiten Korridor und einer Tür am Ende, hinter der Bewegung ist. Sie hören es an der Stimme, Russisch, kurze Befehle, dann Stille. Hinter der Tür ist mindestens ein Mann, vielleicht mehr. Der Schütze nimmt die Stielhandgranate aus der Trägertasche, zieht die Kordel, lässt eine Sekunde vergehen und wirft sie durch den Spalt links der Tür. Die Detonation schüttelt den Korridor, Putz rieselt von der Decke, dann die Tür, dann hinein. Ein Mann liegt am Boden, ein zweiter Mann steht in der rechten Ecke und versucht eine Pistole zu heben, die ihm nicht mehr gehorcht. Der Schütze schießt zweimal. Das ist das Ende des zweiten Stocks. Ich sage das sachlich, weil es sachlich war, sagt er, es gibt keinen Ort für eine andere Art der Formulierung, wenn man beschreiben will, was Häuserkampf ist. Es ist eine Mechanik des Nahbereichs, und diese Mechanik hat Ausgänge, man tötet oder man stirbt oder man tritt zurück. Das ist das Koordinatensystem, alles andere ist Kommentar, und im Kommentar hat er in diesen Tagen keinen Platz und keine Energie.
Am 7. März ist ein Großteil der westlichen Innenstadt in deutschen Händen. Die Leibstandarte rückt von Nordwesten vor, Das Reich von Westen, und ihre Einheit als Teil einer Infanteriebrigade, die dem zweiten SS-Panzerkorps zugewiesen ist, drückt im mittleren Sektor nach Osten in Richtung Bahnhof. Der Bahnhof Charkow ist ein zentraler Knotenpunkt, logistisch und symbolisch, und seine Einnahme steht auf dem taktischen Programm dieser Phase des Gefechts. Die Sowjets halten ihn mit Verbänden der 69. Armee, die gut befestigt sind und Entsatz erwarten. Ob der Entsatz kommt, ist auf der Ebene des Schützen nicht zu beantworten, er kann nur sagen, dass er in den folgenden Stunden nicht kommt. Das Gebäude des Bahnhofs ist ein riesiger Betonkomplex mit breiten Zufahrtsflächen, auf denen ein direkter Angriff selbstmörderisch wäre. Das zweite SS-Panzerkorps löst das Problem nicht mit dem direkten Frontalangriff, sondern mit der gleichzeitigen Einschließung. Während die Leibstandarte von Norden drückt, bewegt sich Das Reich von Süden auf den Gleisbereich, und ihre Einheit sitzt im westlichen Zufahrtsbereich und hält den Abzugsweg zu. Einschließung im Kleinen, ein Block, eine Kreuzung, ein Bahnhofsgebäude als Miniaturversion des operativen Prinzips, nach dem der gesamte Feldzug geführt wird, das Prinzip der Zangenbewegung auf die kleinste taktische Einheit heruntergebrochen. Drei Gefechtsgruppen, drei Achsen, ein Ziel.
Der Bahnhof fällt am 8. März, nicht mit einem Einschlag und nicht mit einer Kapitulation. Er fällt, weil das Maschinengewehrnest im östlichen Flügel des Gebäudes durch zwei Panzer IV aufgerieben wird und weil die Männer, die danach noch im Hauptsaal stehen, keine Möglichkeit mehr haben, eine koordinierte Verteidigung zu organisieren. Was übrig bleibt, sind Einzelkämpfer und kleine Gruppen in den Seitengebäuden und Lagerräumen, die in den folgenden vier Stunden in einem Raum-für-Raum-Vorgehen aufgerieben oder gefangen genommen werden. Es sind weniger Gefangene, als man erwarten würde, es gibt Momente im Häuserkampf, in denen die Gefangennahme keine realistische Option ist, weil die Räume zu eng sind, die Zeit zu knapp und die Erschöpfung beider Seiten zu tief, um die Mittel zur Verwahrung aufzubringen. Das klingt nach einer Erklärung, es ist nur eine Beschreibung. Bis zum 15. März sind die Hauptteile der Stadt in deutschen Händen. Das ist das Datum, das in den Lage


