Der Staub von Stalingrad riecht nach verbranntem Stein und altem Blut, ein Geruch, der sich in die Lungen setzt wie Rost in eine Wunde. Die Schlacht, die vor 200 Tagen begann, hat die Stadt an der Wolga in ein Inferno verwandelt, das die Welt noch nie gesehen hat. Was hier geschieht, ist kein Krieg mehr im herkömmlichen Sinne, sondern ein Zustand des Sterbens, der sich über Kilometer erstreckt, von den zerschossenen Industriekomplexen im Norden bis zu den Boulevards im Süden.
Die Männer der 6. Armee, einer der mächtigsten deutschen Truppenverbände, kämpfen in Trümmern, die einst Wohnhäuser und Fabriken waren. Die Generalstabsoffiziere haben es später Rattenkrieg genannt, doch die Soldaten, die es erleben, nennen es gar nichts. Sie tauchen in Keller hinab, kämpfen in Zimmern, sterben in Fluren, und dann kriechen sie in den nächsten Keller und fangen von vorne an. Es gibt kein Vorne, kein Hinten, kein Links, kein Rechts, nur noch Oben und Unten, bis die nächste Explosion die Decke zum Boden macht.
Ein Gefreiter namens Wilhelm Alter, 21 Jahre alt aus Würzburg, beschrieb in seinen Feldpostbriefen, was es bedeutet, in Stalingrad einen Tag zu überleben. Wir haben heute das dritte Stockwerk eines Fabrikgebäudes zurückerobert, das wir gestern verloren hatten, schrieb er an seine Mutter. Zurückerobert ist vielleicht zu groß gegriffen. Wir haben es von den Russen gesäubert, Zimmer für Zimmer mit Handgranaten und dem Bajonett. Es hat sechs Stunden gedauert und vier Mann gekostet. Morgen werden wir es wahrscheinlich wieder verlieren.
Diese Stadt hat Millionen solcher Briefe produziert, und die meisten ihrer Schreiber haben sie nicht überlebt. Die Taktik, die sich in den Trümmern entwickelt hat, ist keine, die in Kriegsschulen gelehrt wurde. Sie ist organisch gewachsen aus der Not, aus dem Schmerz, aus der Erkenntnis, dass alles, was man in der Ausbildung gelernt hat, hier sinnlos ist. Artillerie ist nutzlos, wenn der Feind 30 Meter entfernt ist. Panzerwagen sind blind in engen Straßenschluchten, und Luftunterstützung tötet die eigenen genauso wie den Gegner.
Was bleibt, ist der Mensch mit seinem Körper und seiner Waffe in einem Raum, der kleiner ist als eine Wohnküche, dem anderen Menschen gegenüber, der genauso ausgerüstet ist, genauso müde, genauso hungrig, genauso verzweifelt. In diesem Raum entscheiden Zehntelsekunden, wer von beiden die nächste Stunde erlebt. Die Sturmbataillone haben gelernt, in kleinen Gruppen zu operieren, vier oder fünf Mann, einer mit einem Gewehr, einer mit einer Maschinenpistole, einer mit Handgranaten, einer, der den Weg freiräumt mit dem Schanzzeug, notfalls mit dem Messer.
Sie nennen diese Gruppen Stoßtrupps, aber das Wort klingt nach Dynamik, nach Bewegung, und es gibt keine Bewegung mehr in Stalingrad. Es gibt nur das Vordringen um einen Meter und dann das Halten dieses Meters und dann das Verlieren dieses Meters in der Nacht und dann wieder das Vordringen am Morgen. Die Rote Armee macht dasselbe, sie haben die gleichen Stoßtrupps, die gleichen Handgranaten, die gleiche Verzweiflung. Es ist ein Spiegelbild des Horrors, und niemand gewinnt, niemand verliert, es geht nur weiter.
In den Abwasserkanälen unter der Stadt bewegen sich Männer wie Schatten. Die Kanalisation von Stalingrad ist ein Labyrinth aus Ziegeln und Beton, durch das eine schwarze, nach Ammoniak stinkende Flüssigkeit fließt. Männer kriechen auf den Knien, manchmal auf dem Bauch, mit der Waffe in der rechten Hand und der linken Hand über Mund und Nase gepresst, um den Gestank zu dämpfen. In diesen Kanälen gibt es keine Seiten mehr, Deutsche und Russen benutzen dieselben Schächte, dieselben Verbindungstunnel.
Manchmal begegnen sie sich in einer Biegung in völliger Dunkelheit und erkennen sich erst im Mündungsfeuer der Waffe des anderen. Ein Unteroffizier der 73. Infanteriedivision, ein gewisser Hartmann, berichtete: Ich hörte Schritte. Ich wusste nicht, ob es Russen oder Deutsche waren. Ich schoss einfach. Ich schoss, bis die Schritte aufhörten. Dann wartete ich. Dann kroch ich weiter. Das ist keine Kriegsführung, das ist etwas anderes, etwas, das den menschlichen Verstand zerbricht.
Die psychologische Wirkung dieser Kämpfe ist in den Zeugnissen der Überlebenden fast schmerzhafter zu lesen als die physischen Beschreibungen. Es gibt Berichte über Männer, die nach Wochen in den Trümmern aufgehört haben zu sprechen, nicht weil sie stumm wurden, nicht weil sie verletzt waren, sondern weil Sprache aufgehört hatte, etwas zu bedeuten. Ein Hauptmann der 109. Infanteriedivision schrieb in sein Tagebuch, das nach dem Krieg von seiner Tochter veröffentlicht wurde: Wir haben heute Nacht das Erdgeschoss des Kaufhauses gesichert. Fünf Tote auf unserer Seite, unbekannte Verluste auf der anderen. Ich habe Bericht erstattet. Der Bericht hat 18 Wörter. 18 Wörter für fünf Menschenleben. Für 18 Stunden Kampf. Für das Haus, das wir gestern noch nicht hatten und das wir morgen nicht mehr halten werden. Ich weiß nicht, für wen ich das schreibe.
Die Rotarmisten nutzen die Nacht, sie bauen ihre Schusslinien so nah an die deutschen Stellungen, dass Artillerie auf beiden Seiten nutzlos wird. Wassili Tschuikow, der Kommandant der 62. Armee auf der anderen Seite der Wolga, nennt das die Strategie des Umarmens. Es ist ein furchtbar treffendes Bild. Die Rote Armee umarmt die Deutschen, so dicht, so eng, dass beide zusammenfallen müssen, wenn einer zu Boden geht. Aber die Deutschen kommen von draußen, von weit weg, und die Russen verteidigen ihre eigene Stadt, ihren eigenen Boden.

Ein Soldat schrieb im Oktober 1942 an seine Frau Elise, die in Köln wartete mit zwei Kindern, auf die er seit 13 Monaten nicht mehr geschaut hatte: Elise, ich habe heute Nacht geträumt, dass ich in der Küche sitze und du am Herd stehst. Es war so wirklich, dass ich aufgewacht bin und den Geruch von Kaffee noch in der Nase hatte. Dann war nur noch der Rauch. Ich will nach Hause kommen. Ich will das so sehr, dass es weh tut. Denk bitte nicht schlecht von mir, wenn du lange nichts hörst. Manchmal gibt es keine Möglichkeit zu schreiben. Manchmal ist man einfach in einem Loch und wartet, dass es aufhört. Dieser Brief hat sie nie erreicht. Er wurde in seinem Tornister gefunden, zusammen mit einem Foto seiner Kinder und einem halb aufgegessenen Stück Brot.
Am 19. November 1942 begann in der Steppe westlich und südwestlich von Stalingrad etwas, das die Geschichte der 6. Armee in zwei Hälften schnitt wie eine Axt. Die Rote Armee führte die Operation Uranus durch, einen Zangenangriff gegen die Flanken der deutschen Aufstellung. Dort, wo rumänische Divisionen die langen exponierten Linien hielten, dünn besetzt, schlecht ausgerüstet, moralisch erschöpft. Die Rumänen hielten nicht stand. In wenigen Stunden brach die Flanke auf beiden Seiten ein, und die Panzerspitzen der Roten Armee fuhren aufeinander zu wie die Backen einer Klemme.
Am 22. November trafen sie sich bei Kalatsch am Don. 393 Kilometer Frontlinie, 300 Kilometer von Bogen zu Bogen, und darin eingeschlossen wie Insekten in Bernstein, mehr als 350.000 Mann der 6. Armee und Teile der 4. Panzerarmee. Die Nachricht, die in den Schützengräben ankam, kam nicht als Befehl, sondern als Gerücht. Ein Fahrer, der Munition ablieferte, sagte etwas zu einem Unteroffizier, der Unteroffizier sagte es zu seinen Männern. Ein Funkspruch wurde abgehört, halb verstanden, weitergegeben, entstellt, aber der Kern blieb: Die Flanken sind gebrochen. Die Russen sind hinter uns. Wir sind eingeschlossen.
Das Wort eingekesselt fiel nicht sofort, aber es lag in der Luft wie Pulverdampf, und jeder, der es hörte, wusste, was es bedeutete. Es bedeutete, dass der Horizont, auf den man geblickt hatte, dieser Horizont Richtung Westen, Richtung Deutschland, Richtung allem, was man liebt, jetzt von russischen Panzern bewacht wurde. Ein Leutnant der 64. motorisierten Division notierte am 23. November in sein Tagebuch: Wir wissen jetzt, dass es stimmt. Der Regimentskommandeur hat es bestätigt. Wir sind eingeschlossen. Die Männer haben schweigend zugehört. Kein Aufschrei, kein Protest, nur das Schweigen. Dann hat einer angefangen, leise zu weinen. Dann noch einer. Ich habe nichts gesagt. Was hätte ich sagen sollen?
Ein Sanitäter namens Friedrich Breuer aus Hannover beschrieb den Moment ähnlich: Als wir es erfuhren, haben wir uns alle gegenseitig angeschaut. Wie Menschen, die gerade mitbekommen haben, dass das Haus, in dem sie sitzen, in Flammen steht und die Türen von außen verriegelt sind. Der Kessel hatte eine Fläche von etwa 1500 Quadratkilometern. In dieser Fläche waren am Höhepunkt der Einkesselung schätzungsweise 393.000 Soldaten, dazu Verwundete, Hilfstruppen, Verbündete. Es gab Nahrung für etwa sechs Tage, Munition für einige Wochen, wenn man sparsam war, kaum Treibstoff, und keinen Weg nach draußen, außer durch die Luft.
Hermann Göring hatte versprochen, dass die Luftwaffe die 6. Armee versorgen würde, 300 Tonnen pro Tag. Die 6. Armee brauchte 700 Tonnen täglich, um zu überleben. Göring lieferte in den besten Wochen 80 bis 100 Tonnen, meistens weniger, manchmal gar nichts. Die Männer im Kessel wussten, was das bedeutete, mit dem Teil ihres Verstandes, der noch rechnen konnte, auch wenn der Rest bereits damit beschäftigt war, die Kälte zu bekämpfen, den Hunger, den Schlafmangel, die Angst. Der Dezember kam, und mit ihm die russische Steppe in ihrer vollen, unbarmherzigen Realität.
Temperaturen von minus 30, minus 40 Grad, an manchen Nächten noch kälter. Wind aus dem Osten, der über die flache Steppe fegte ohne jedes Hindernis, der durch Mäntel und Uniformen drang wie durch Papier, der Ohren und Finger in Minuten tötete, wenn man keine Deckung fand. Die deutschen Winterausrüstungen waren für dieses Klima nicht gemacht worden. Die Uniformen wurden entworfen für einen Krieg, der im Herbst gewonnen sein sollte. Es war Dezember 1942, und der Krieg war nicht gewonnen worden.
Die Erfrierungen begannen an den Extremitäten, zuerst Zehen, dann Finger, dann Nasen, Ohrläppchen, Wangen. Ein Sanitätsbericht aus dem Dezember beschrieb das klinische Bild: Grad eins bedeutete Rötung, Schwellung, brennender Schmerz. Grad zwei bedeutete Blasenbildung, klare oder blutige Flüssigkeit, starker Schmerz. Grad drei bedeutete Nekrose, das Gewebe starb ab, es wurde schwarz, es roch, es musste amputiert werden, wenn es nicht von selbst abfiel. In den Lazaretten des Kessels, behelfsmäßig in Kellern und Bunkern eingerichtet, führten erschöpfte Ärzte ohne ausreichendes Narkosemittel Amputationen durch, manchmal mit Messern, die im Schnee desinfiziert wurden, weil es keinen Alkohol mehr gab.

Ein Militärarzt, Dr. Hans Pfeifer, rekonstruierte seinen Bericht nach dem Krieg aus dem Gedächtnis: Ich habe an einem Tag im Dezember zwölf Amputationen vorgenommen, Finger, Zehen, einen Unterschenkel. Die Männer haben kaum einen Ton gemacht. Nicht weil sie keine Schmerzen hatten, sondern weil sie keine Kraft mehr hatten, laut zu geben. Der Hunger arbeitete langsamer, aber gründlicher. Eine Ration für einen deutschen Soldaten im Kessel bestand gegen Ende Dezember aus etwa 150 Gramm Brot pro Tag, einer wässrigen Suppe, manchmal einem Stück Pferdefleisch. Pferdefleisch war Luxus.
Als die Ponys und Zugpferde, die zur Ausrüstung der Einheiten gehörten, erschossen und aufgegessen wurden, fingen die Männer an, Knochen zu kochen, dann die Knochen zu mahlen und das Pulver in kochendes Wasser zu geben. Dann gab es keine Knochen mehr. Ein Soldat schrieb in einem Brief, der im Januar 1943 aufgegeben wurde und tatsächlich Deutschland erreichte: Ich habe heute Schnee gegessen, nicht weil ich Durst hatte, sondern weil ich das Kauen wollte, das Kauen selbst, den Bewegungsablauf. Als ob der Körper glaubt, er kriegt etwas. Er kriegt natürlich nichts.
Die Unterernährung erzeugte Ödeme, Wassereinlagerungen im Gewebe, die die Haut aufblähten und die Beine schwer und empfindungslos machten. Männer sahen aus, als seien sie gewachsen, während sie tatsächlich starben. Ihre Gesichter wirkten aufgedunsen, aber wenn man die Haut drückte, blieb die Delle. Die Leber versagte, die Nieren versagten. Das Immunsystem, längst am Boden, konnte selbst die einfachsten Infektionen nicht mehr abwehren. Eine Erkältung wurde zu Lungenentzündung in einer Woche. Ein Kratzer an der Hand wurde zu einer Wunde, die nicht heilte, die sich entzündete, die faulte.
Fleckfieber brach aus, Läuse übertrugen es. Die Läuse waren überall, in den Wollsachen, in den Haaren, in den Barthaaren, in den Nähten der Unterwäsche. Es gab keine Möglichkeit, sich zu waschen. Es gab kein Wasser außer dem Schnee, und das Schmelzen des Schnees kostete Wärme, die niemand entbehren konnte. Der Schlaf, wenn man überhaupt noch Schlaf nennen konnte, was diese Männer praktizierten, war das einzige, was noch zuverlässig kam. Aber auch der Schlaf hatte sich verändert. Er kam tief, zu tief, schwerer als Erschöpfung, eine Schwärze, aus der manche nicht zurückkehrten.
Es gab Berichte über Männer, die sich hingelegt hatten und nicht mehr aufgewacht waren, nicht durch eine Wunde, nicht durch Krankheit, sondern weil der Körper einfach aufgehört hatte, als ob er beschlossen hatte, dass es genug war, als ob er die Entscheidung getroffen hatte, die der Verstand nicht treffen durfte. Und in dieser Wirklichkeit wurden Briefe geschrieben. Es ist erstaunlich, wie viele Briefe in dieser Zeit geschrieben wurden. Vielleicht, weil der Brief der einzige Raum war, in dem es noch Wärme gab, der einzige Ort, wo man kurz aufhören konnte, Soldat zu sein, und Vater werden konnte, Sohn, Ehemann, Liebhaber.
Ein Unteroffizier namens Karl Drexler, 28 Jahre alt aus München, schrieb an seine Frau Anna in einem Brief vom 15. Dezember 1942: Anna, ich denke immer an den Abend, als wir am Isarufer saßen. Erinnerst du dich, im Sommer vor dem Krieg, und du hattest das blaue Kleid an, das deine Mutter dir genäht hat? Ich habe damals gedacht, ich bin der glücklichste Mensch auf der Welt. Ich denke jetzt sehr oft daran. Ich denke daran, wenn es am schlimmsten ist. Es hilft. Ob Anna diesen Brief bekommen hat, ist nicht bekannt. Karl Drexler starb im Januar 1943. Die Todesursache ist in den Unterlagen als Herzschwäche infolge Unterernährung angegeben.
Ein anderer Brief ohne Datum, ohne Unterschrift, gefunden in einem Feldpostbeutel, der nie abgeschickt wurde: Ich habe Angst. Ich schreibe das, weil ich es niemandem sagen kann. Man sagt das nicht, man macht das nicht, aber es stimmt. Ich habe jeden Morgen, wenn ich aufwache, wenn das noch Aufwachen ist, Angst. Angst, dass dieser Tag der letzte ist. Angst, dass ich meine Kinder nicht mehr sehen werde. Mein Sohn ist jetzt vier. Er wird sich nicht an mich erinnern. Das ist vielleicht das Schlimmste, nicht das Sterben selbst, sondern das Vergessen danach.
Die Führung im Kessel, Generalfeldmarschall Friedrich Paulus in seinem Bunker unter dem Kaufhaus Univermag, kommunizierte mit dem Hauptquartier in Rastenburg durch verschlüsselte Funknachrichten, und der Ton dieser Nachrichten veränderte sich im Laufe der Wochen auf eine Art, die selbst im militärischen Jargon erschütternd war. Paulus, der seine Meldungen lange in der formalen Sprache des Generalstabs verfasst hatte, begann gegen Weihnachten, in seinen Berichten Worte zu verwenden, die nicht zur Sprache von Lageberichten gehörten. Er schrieb von Erschöpfung über das Menschenmögliche hinaus. Er schrieb, dass er für die Vorgänge die Verantwortung nicht mehr tragen könne. Er bat um Handlungsfreiheit. Er bat um den Ausbruch. Er bekam die Antwort, die er immer bekam: Halten. Kein Schritt zurück. Der Führer hat befohlen.

Die Entsatzoperation Unternehmen Wintergewitter war ein ehrlicher Versuch. Die 4. Panzerarmee unter Feldmarschall Erich von Manstein drang von Süden durch den Schnee vor und kam bis auf 48 Kilometer an den Kessel heran. 48 Kilometer, fast nah genug zum Anfassen. Die Männer im Kessel hörten die Artillerie der Entsatztruppen, sie hörten das dumpfe Rollen in der Ferne, und für einen Moment, einen kurzen, grausamen Moment, glaubten manche von ihnen, dass es aufhört, dass die Rettung kommt, dass man doch nach Hause gehen wird. Dann wuchs die Kluft wieder. Die Rote Armee warf frische Verbände gegen von Manstein. Er musste zurückweichen. 48 Kilometer wurden zu 100, dann zu 200. Dann war die Entsatzoperation Geschichte.
Ein Funker im Kessel, der die Nachrichten in dieser Zeit abgesetzt hatte, berichtete später: Als klar wurde, dass Wintergewitter gescheitert ist, hat unser Kompaniechef lange nichts gesagt. Dann hat er gesagt: Wir sind verloren. Sonst nichts. Er hat es sehr ruhig gesagt, fast beiläufig, wie jemand, der das Wetter kommentiert. Dann ist er gegangen und hat sich in seinen Graben gesetzt und war nicht mehr zu sprechen. Der Januar 1943 war der Monat, in dem der Untergang zur klinischen Tatsache wurde. Die russische Offensive Operation Ring begann am 10. Januar. Die sowjetischen Armeen rückten von allen Seiten ein. Sie pressten den Kessel zusammen, Kilometer für Kilometer, Tag für Tag.
Die deutschen Verteidigungslinien brachen nicht an einem Punkt. Sie zerfaserten überall gleichzeitig, weil die Männer, die sie halten sollten, keine Männer mehr im vollen Sinne waren. Sie waren Gespenster. Sie wogen 50, 45, 40 Kilogramm. Ihre Augen waren eingesunken. Ihre Hände zitterten konstant, nicht aus Angst, sondern weil die Muskulatur zu schwach war, um sich zu kontrollieren. Ein Arzt notierte: Der Körper eines Soldaten im vierten Monat der Einkesselung entspricht physiologisch dem eines alten Mannes oder eines verhungerten Kindes. Er ist nicht mehr kriegsfähig. Er kann kaum noch stehen.
Und sie standen trotzdem. Sie kämpften trotzdem. Nicht, weil ihnen befohlen wurde zu kämpfen, obwohl das auch so war. Nicht, weil sie an den Sieg glaubten. Fast keiner von ihnen glaubte das noch. Sie kämpften, weil die Alternative war, in einem offenen Graben im Schnee zu liegen und zu warten, bis es aufhört. Und das Warten war manchmal schwerer als der Kampf. Ein Leutnant schrieb in einem seiner letzten Briefe: Ich denke nicht mehr an den Krieg. Ich denke an die nächste Stunde, und wenn diese Stunde vorbei ist, an die übernächste. Das ist alles, was ich noch kann.
Die Kapitulation des nördlichen Kessels erfolgte am 2. Februar 1943. Paulus war am letzten Tag zum Generalfeldmarschall befördert worden, ein absurdes, bitteres Theater. Der Südkessel ergab sich einen Tag früher. Als die deutschen Soldaten aus ihren Bunkern traten und die Waffen niederlegten, sahen die Russen, was vor ihnen stand. Und viele von ihnen verstummten. Nicht weil sie Mitleid hatten, das wäre zu einfach, sondern weil das Ausmaß des Elends selbsterfahrene Frontkämpfer überforderte. Die Männer, die sich ergaben, waren Skelette in Uniformen. Viele konnten nicht gehen. Sie wurden von Kameraden gestützt, die kaum weniger erschöpft waren. Einige starben im Moment der Kapitulation, einfach so, als ob der Körper auf das Zeichen gewartet hatte.
Von den etwa 393.000 Männern, die im November 1942 eingeschlossen wurden, hatten rund 180.000 die Kapitulation nicht erlebt. Sie starben im Kessel durch Kugeln, Kälte, Hunger, Krankheit, durch Erschöpfung, durch das langsame Erlöschen dessen, was einen Menschen am Leben hält. Die Überlebenden, etwa 90.000, wurden in Kriegsgefangenschaft geführt, auf den langen Weg nach Sibirien. Von diesen 90.000 haben etwa 6.000 die Rückkehr nach Deutschland erlebt, die meisten davon erst in den frühen 1950er Jahren, manche erst 1955. Die letzten kamen zurück, als die Kinder, denen sie die letzten Briefe geschrieben hatten, bereits Erwachsene waren und ihre eigenen Kinder hatten.
Was bleibt von dieser Geschichte, wenn man die Zahlen und die Daten und die Operationsnamen beiseite legt? Was bleibt, wenn man all das militärische Gerüst entfernt und nur das betrachtet, was darunter liegt? Es bleibt der Mann mit dem Brief in der Hand, der das Gesicht seiner Frau nicht mehr genau sehen kann, wenn er die Augen schließt. Es bleibt das Geräusch des Windes über der Steppe, der keine Gnade kennt. Es bleibt der Geruch von verbranntem Stein und altem Blut, der sich in die Lungen setzt und nicht mehr herausgeht. Es bleibt die Stille nach einem Einschlag, bevor der Nächste kommt. Es bleibt das Schweigen der Männer, die zugehört haben, als man ihnen sagte, dass sie eingeschlossen sind, und die keine Worte fanden, weil keine Worte ausreichen für das, was dieser Satz bedeutet.
Stalingrad ist kein Sieg und keine Niederlage mehr. Stalingrad ist ein Ort, an dem eine Lektion über das Innere des Krieges erteilt wurde, die keine Lehranstalt ersetzen kann und die kein Bericht vollständig überträgt. Sie liegt in den Fragmenten, in den Briefen, die nie ankamen, in den Tagebüchern, die in Tornistern gefunden wurden, in den Berichten der Männer, die zurückkamen und die meistens jahrelang nicht sprachen über das, was sie gesehen hatten. Und sie liegt in dem, was diese Männer gemeinsam haben mit jedem, der je in einem Krieg verschwunden ist und verstanden hat, zu spät oder zu früh, dass die Mächte, die ihn dorthin geschickt haben, ihn dort lassen werden, wenn es sein muss, dass er allein ist, dass der Horizont, der Heimat heißt, verschlossen sein kann wie eine Tür, vor der kein Schlüssel mehr passt. Der Staub von Stalingrad riecht nach verbranntem Stein und altem Blut. Er hat nie aufgehört zu riechen. Er wird es nicht.


