Heiligenbeil 1945: Wie die 4. Armee mit aller Kraft die Sowjets aufhielt, während Zivilisten flohen

Heiligenbeil 1945: Wie die 4. Armee mit aller Kraft die Sowjets aufhielt, während Zivilisten flohen

Die letzten Verteidiger Ostpreußens kämpfen einen Kampf gegen die Zeit. Es ist der 21. März 1945, und an der Küste des Frischen Haffs, irgendwo zwischen Brandenburg und Balga, sammelt ein Hauptmann der Wehrmacht die Reste seiner Kompanie. Hinter ihm liegt das zugefrorene, von Bombentrichtern zerrissene Eis des Haffs, vor ihm der Feind, über ihm der bleigraue Himmel Ostpreußens, in dem die sowjetischen Schlachtflieger ihre tödlichen Bahnen ziehen. In den Wäldern und Dünen östlich von Heiligenbeil drängen sich Tausende: Soldaten der 4. Armee, Verwundete in eiligen Verbänden, Flüchtlinge aus den ostpreußischen Dörfern, Frauen mit Säuglingen auf dem Arm, alte Männer, die ihre Habe in Säcke geschnürt haben. Sie alle warten. Sie warten auf ein Boot, auf eine Fähre, auf irgendein Schiff, das sie über das Haff zur Frischen Nehrung und weiter nach Pillau bringen soll. Sie warten in einem Raum, der mit jeder Stunde kleiner wird, in einem Streifen Land, der nicht mehr Heimat ist, sondern Falle, Friedhof, letzte Bühne eines Krieges, dessen Ausgang längst feststeht und der dennoch nicht enden will.

Der Heiligenbeiler Kessel, auf den Lagekarten der Heeresgruppe Nord wird er in jenen Tagen nur noch als schmaler Streifen am Frischen Haff geführt. Hier, an diesem letzten Stück ostpreußischer Erde, kämpfen die Überreste einer einst stolzen Feldarmee gegen einen Gegner, dessen Übermacht jede Vorstellung sprengt. 150.000 Soldaten und ungezählte Zivilisten, Schätzungen sprechen von 100.000 bis 200.000 weiteren Flüchtlingen, sind hier zusammengedrängt auf einer Fläche, die in den ersten Märztagen noch das Format eines mittelgroßen ostpreußischen Landkreises hatte und die nun Stunde um Stunde weiter zusammenschrumpft. Der Bahnhof von Heiligenbeil ist längst zerstört, die Straßen sind verstopft mit Fuhrwerken, liegen gebliebenen Lastwagen, Pferdekadavern und dem Hausrat geflohener Familien, der achtlos in den Straßengraben geworfen wurde, weil das Pferd nicht mehr ziehen konnte. Über allem liegt der Lärm der sowjetischen Artillerie, das malmende Krachen der Stalinorgeln, das Heulen der Granaten, das in den Wäldern um Heiligenbeil ein vielfaches Echo findet.

Was hier geschieht, ist kein Gefecht mehr im klassischen Sinne. Es ist das letzte Aufbäumen einer Armee, die längst weiß, dass sie verloren ist. Und doch wird sie weiterkämpfen, Tag für Tag, Stunde für Stunde, bis in die letzten Märztage hinein. Die Frage, die sich jedem Beobachter aufdrängt, ist die nach dem Warum. Welche Befehle, welche Pflichtgefühle, welche Verzweiflung treiben diese Männer an, in einer Lage auszuharren, die nach jedem militärischen Lehrbuch längst die Kapitulation gebieten würde? Wer hat die 4. Armee in diese Falle geführt? Welche Rolle spielte Adolf Hitler, der von Berlin aus jede planvolle Räumung verbot? Welche Rolle spielte der Generalstab, welche die Kriegsmarine, deren Schiffe in jenen Wochen die größte Evakuierungsaktion der Seekriegsgeschichte durchführen sollten? Und welche Rolle spielten die Männer und Frauen selbst, die in diesem letzten Winkel des Reiches ausharrten, weil sie nicht anders konnten, weil sie sich nicht ergeben durften, weil hinter ihnen die Front, vor ihnen das Meer und über ihnen die Befehle eines untergehenden Regimes standen?

Dies ist die Geschichte des Heiligenbeiler Kessels, die Geschichte der letzten Tage der 4. Armee, die Geschichte einer Provinz, die in wenigen Wochen aufhörte zu existieren, und einer Armee, die in diesen Wochen zugrunde ging, um Hunderttausende Zivilisten über das Frische Haff zu retten. Eine Geschichte von Befehl und Verweigerung, von Disziplin und Auflösung, von Heldentum und Verbrechen, von einem Krieg, der für Ostpreußen längst entschieden war und der dennoch nicht enden wollte. Wir gehen zurück, zurück in den Januar des Jahres 1945, als die rote Walze begann, sich über die ostpreußische Tiefebene zu wälzen, und als noch niemand wusste, dass ein kleiner Küstenstreifen bei Heiligenbeil zum Schauplatz einer der letzten großen Tragödien des Zweiten Weltkrieges werden sollte.

Am 13. Januar begann die ostpreußische Operation der Roten Armee. Es war einer jener Daten, die in keinem deutschen Schulbuch der frühen Nachkriegszeit jemals den Rang erhielten, der ihnen historisch zukommt. Und doch markiert dieser Tag den Anfang vom Ende einer ganzen deutschen Provinz. Zwei sowjetische Heeresgruppen, in der sowjetischen Militärsprache Fronten genannt, waren gegen Ostpreußen aufmarschiert. Im Norden stand die 3. Weißrussische Front unter dem Befehl des Armeegenerals Iwan Tschernjachowski, eines jungen, hochbegabten Heerführers, der im Februar fallen sollte und dessen Tod die Rotarmisten in Ostpreußen weiter anstacheln würde. Im Süden stand die 2. Weißrussische Front unter Marschall Konstantin Rokossowski, einem der erfahrensten Operateure der Roten Armee. Zusammen verfügten beide Fronten über mehr als 1.600.000 Soldaten, über mehr als 3.000 Panzer und Sturmgeschütze, über fast 3.000 Flugzeuge und über eine Artillerie, deren Dichte an manchen Durchbruchsabschnitten 200 bis 300 Geschütze pro Frontkilometer erreichte, eine Feuergewalt, wie sie die Welt bis dahin nicht gekannt hatte.

Ihnen gegenüber stand die Heeresgruppe Mitte der Wehrmacht unter Generaloberst Hans Reinhardt, die wenig später in Heeresgruppe Nord umbenannt werden sollte. Zu dieser Heeresgruppe gehörte als wichtigster Verband die 4. Armee unter dem Oberbefehl des Generals der Infanterie Friedrich Hossbach. Dieser Mann, einst persönlicher Adjutant Hitlers und Verfasser des berühmten Protokolls vom 5. November 1937, das die deutschen Eroberungspläne dokumentierte, war kein Schreibtischsoldat. Er war ein erfahrener Frontkommandeur, der seine Truppen kannte und der die Lage seiner Armee mit nüchternem Realismus beurteilte. Die 4. Armee umfasste zu Beginn der Schlacht etwa 20 Divisionen der Wehrmacht, darunter das 26. Armeekorps, das 6. Armeekorps und Teile des 23. und 27. Armeekorps. Insgesamt verfügte Hossbach nominell über etwa 350.000 Soldaten, Zahlen, die jedoch trügen, denn viele Divisionen waren nach den verlustreichen Kämpfen des Sommers 1944 nur noch Schatten ihrer selbst, ergänzt durch Volkssturmeinheiten, kaum ausgebildete Rekruten des Jahrgangs 1928, versprengte Reste der zertrümmerten Heeresgruppe Mitte des Sommers, Marinesoldaten ohne Schiff und Luftwaffenpersonal ohne Flugzeuge.

Die strategische Lage war von Anfang an verzweifelt. Ostpreußen, die Wiege des preußischen Staates, das Land Immanuel Kants, das Land Hindenburgs und Tannenbergs, das Land der ostelbischen Junker und der weiten Felder zwischen Pregel und Memel, war für die nationalsozialistische Führung weit mehr als eine Provinz. Es war Symbol, war Mythos, war die östliche Bastion des Reiches, die unter keinen Umständen aufgegeben werden durfte. Hitler verbot in jenen Januartagen jede strategische Räumung. Königsberg, die alte Krönungsstadt der preußischen Könige, sollte zur Festung erklärt werden und halten bis zum letzten Mann. Die Zivilbevölkerung, annähernd zwei Millionen Menschen in Ostpreußen, durfte nicht rechtzeitig evakuiert werden, weil eine offizielle Evakuierungsanordnung in den Augen der nationalsozialistischen Gauleitung Erich Kochs als Defätismus galt und mit dem Tode bestraft werden konnte. Erst als die sowjetischen Spitzen bereits an den Toren Insterburgs und Allensteins standen, wurde die Flucht freigegeben. Da war es für viele bereits zu spät. Die Straßen verstopften, die Wagen blieben im Schnee stecken, die Temperaturen sanken auf minus 20, an manchen Tagen minus 25 Grad, und in den Trecks erfroren die Kinder auf den Wagen, während über ihnen die sowjetischen Tiefflieger im Sturzflug Munition aus den Bordwaffen jagten.

Hossbach erkannte sehr früh, was kommen würde. Schon in den letzten Januartagen schmiedete er gemeinsam mit dem Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Mitte, Generaloberst Reinhardt, heimlich einen Plan, mit der gesamten 4. Armee nach Westen durchzubrechen, über die Weichsel hinweg zur Heeresgruppe Weichsel im Raum Elbing und Marienburg, um die Armee aus der Umklammerung zu lösen und die Ostpreußen zu retten, die noch zu retten waren. Hossbach handelte dabei ohne Genehmigung des Oberkommandos des Heeres, ja gegen den ausdrücklichen Willen Adolf Hitlers, der jede Räumung Ostpreußens kategorisch untersagt hatte. Doch der Plan scheiterte. Am 26. Januar erreichten Verbände der 2. Weißrussischen Front das Frische Haff bei Tolkemit, nördlich von Elbing. Damit war die 4. Armee endgültig abgeschnitten. Der Schlauch nach Westen war zu. Was blieb, war ein schmaler Korridor zwischen dem Frischen Haff und der heranrückenden Roten Armee, jener Raum, der bald als Heiligenbeiler Kessel in die Militärgeschichte eingehen sollte.

Die Tage nach dem 26. Januar gehören zu den dramatischsten in der Geschichte der deutschen Ostfront. Hossbach gab den Befehl zum Ausbruch nach Westen. Am 27. Januar setzten Teile seiner Armee zum Durchbruch in Richtung Elbing an. Doch der Versuch misslang. Die sowjetischen Kräfte waren zu stark, das Gelände zu offen, der Schnee zu tief, die Munition zu knapp, der Treibstoff der wenigen verbliebenen Panzer und Sturmgeschütze fast verbraucht. Am 29. Januar wurde Hossbach abberufen, formal durch den neuen Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Nord, Generaloberst Lothar Rendulic, faktisch aber auf direkten Befehl Hitlers, der den eigenmächtigen Truppenführer nicht dulden wollte. An Hossbachs Stelle trat General der Infanterie Friedrich-Wilhelm Müller, ein erfahrener Truppenführer aus den Kämpfen in Griechenland und auf dem Balkan, dessen Aufgabe es nun war, das Unmögliche zu organisieren: die Verteidigung eines Kessels, der mit jedem Tag weiter zusammenschrumpfte, und gleichzeitig die Evakuierung jener Zivilisten, die das nationalsozialistische Regime bis zuletzt in der Provinz festgehalten hatte.

Der Kessel selbst nahm in den ersten Februartagen Gestalt an. Er erstreckte sich grob zwischen Braunsberg im Südwesten, der Stadt Heiligenbeil im Zentrum und den südlichen Vororten Königsbergs im Norden. Im Süden und Osten bildete die heranrollende Front der Roten Armee die Grenze, im Norden und Westen das Frische Haff, jenes ausgedehnte Binnenmeer, das nur durch die schmale Frische Nehrung von der offenen Ostsee getrennt ist. Auf den ersten Karten der Generalstabsoffiziere der Wehrmacht maß der Kessel noch annähernd 60 Kilometer in der Länge und an manchen Stellen mehr als 20 Kilometer in der Breite. Bis Mitte März sollte er auf weniger als 10 Kilometer Tiefe geschrumpft sein. In den Wäldern um Zinten, in den Sümpfen beim Mehlsack, in den vereisten Niederungen um Wormditt und Brandenburg begannen überall die Männer der 4. Armee, sich einzugraben, im Schnee, in der lähmigen, gefrorenen Erde Ostpreußens, oft ohne ausreichendes Werkzeug, oft unter ständigem feindlichen Beschuss, oft mit Händen, die längst kein Gefühl mehr in den Fingern hatten.

Die Pioniere der Armee leisteten in diesen Wochen Übermenschliches. Sie sprengten Eis auf dem Haff, um dem Feind den Übergang zu erschweren. Sie bauten Behelfsbrücken über die kleinen Flüsse, die in das Haff münden. Sie legten Minenfelder, sicherten Stellungen mit Stacheldraht, errichteten Bunker aus Baumstämmen, gefrorener Erde und gepresstem Schnee. Und sie bereiteten, dies war ihre eigentliche, ihre stillste Aufgabe, die Übergänge über das vereiste Haff vor, jene Wege, die in den kommenden Wochen Hunderttausenden Soldaten und Zivilisten den Weg in die Freiheit oder zumindest in eine vorläufige Sicherheit auf der Frischen Nehrung ermöglichen sollten. Die ersten Februartage brachten der 4. Armee jenen Zustand der Halbstarre, in dem die Männer noch nicht recht begriffen hatten, dass sie eingeschlossen waren, und in dem die sowjetische Führung noch nicht entschieden hatte, wann und mit welchen Mitteln der Heiligenbeiler Kessel zerschlagen werden sollte. Die Frontlinie verlief nun in einem unregelmäßigen Bogen von Wormditt im Süden über Mehlsack und Zinten bis hinauf zu den südöstlichen Vororten Königsbergs.

Im Westen schloss das Frische Haff den Raum ab, und über dieses Haff, das in jenem strengen Winter zu einer durchgehenden Eisfläche gefroren war, führte nun die einzige Verbindung der eingeschlossenen Armee zur Außenwelt. Die Eisstraßen über das Haff, eine südliche Route von Patersort bei Heiligenbeil hinüber zur Frischen Nehrung und eine nördliche Route aus dem Raum Balga, wurden in diesen Wochen zur Lebensader und zur Todesstraße zugleich. Die Pioniere markierten die Wege mit Tannenreisig und Strohbündeln, sie sicherten die dünneren Stellen mit Bohlen, sie räumten die Leichen erfrorener Pferde aus den Spurrillen und schoben sie an den Rand der Trasse, wo sie liegen blieben, halb eingeschneit, halb von Bombentrichtern zerrissen. Über diese Eisstraßen rollten in den ersten Februartagen Tag und Nacht die Trecks der Flüchtlinge. Frauen, Kinder, alte Männer, Mädchen aus den Reichsarbeitsdienstlagern, Bauern aus dem Ermland mit ihren letzten Kühen am Strick. Über ihnen kreisten die sowjetischen Schlachtflieger vom Typ Iljuschin Il-2, die in der deutschen Frontsprache schlicht Ivan genannt wurden, und unter ihnen im dunkelblauen Eis klafften die Löcher, die jede Stunde neue Opfer forderten.

General Müller, der am 29. Januar das Kommando über die 4. Armee übernommen hatte, stand vor einer Aufgabe, die nach jedem militärischen Ermessen unlösbar war. Er sollte einen Kessel halten, dessen rückwärtige Verbindungen nur über das Eis und über die See verliefen. Er sollte eine Armee versorgen, die auf etwa 150.000 Soldaten geschätzt wurde und der täglich allein an Brot mehr als 50 Tonnen, an Munition mehrere hundert Tonnen und an Treibstoffmengen zugeführt werden mussten, die kaum noch zu organisieren waren. Die Versorgung erfolgte nun fast ausschließlich über See. Aus den Häfen von Pillau, jenem Marinestützpunkt an der Spitze der Frischen Nehrung, und in geringerem Maße aus Danzig und Gotenhafen, liefen die Frachter und Marinefähren der Kriegsmarine aus, beladen mit Brot, mit Schmalz, mit Munition, mit Heeresgut aller Art. Sie nahmen auf der Rückfahrt Verwundete, Flüchtlinge und Reste aufgeriebener Truppenteile auf. Die Kriegsmarine bewies in diesen Wochen eine Leistungsfähigkeit, die man ihr im sechsten Kriegsjahr kaum noch zugetraut hätte.

Unter dem Befehl des Großadmirals Karl Dönitz lief jene Operation, die unter dem Tarnnamen Hannibal in die Geschichte eingehen sollte und die mit der Evakuierung von annähernd zwei Millionen Menschen aus den ostpreußischen und westpreußischen Häfen zur größten Seenotrettung der Weltgeschichte werden würde. Doch Hannibal hatte einen Preis. Am 30. Januar sank die Wilhelm Gustloff vor der pommerschen Küste, getroffen von drei Torpedos des sowjetischen U-Bootes S 13 unter Kapitän Alexander Marinesko. Mehr als 9.000 Menschen, die meisten von ihnen Flüchtlinge aus Ostpreußen, fanden in der eiskalten Ostsee den Tod. Am 9. Februar folgte die Steuben mit weiteren etwa 4.000 Toten. Die Nachrichten von diesen Untergängen erreichten den Heiligenbeiler Kessel nur als Gerüchte, doch sie verbreiteten sich rasch und sie nährten in den Männern und Frauen, die nun auf ein Schiff warteten, eine tiefe, lähmende Angst. Im Inneren des Kessels begann sich eine eigentümliche, makabre Normalität einzustellen. In den Dörfern Ostpreußens, in den kleinen Städten Heiligenbeil, Zinten, Mehlsack, Brandenburg und Balga, drängten sich Soldaten und Zivilisten zusammen, oft in denselben Häusern, oft in denselben Kellern.

Die Feldküchen der 4. Armee verteilten morgens und abends ihre dünne Suppe, in der manchmal Kartoffeln, manchmal getrocknete Erbsen, selten ein Stück Fleisch schwammen. Die Bäcker der Kompanien arbeiteten Tag und Nacht, denn das Kommissbrot war in diesen Wochen die wichtigste Währung, mit der man den Hunger der Männer und die Verzweiflung der Flüchtlinge wenigstens für Stunden niederhalten konnte. In den Verbandsplätzen, eingerichtet in Gutshäusern, in Schulen, in Kirchen, arbeiteten die Sanitätsoffiziere der Wehrmacht und die wenigen verbliebenen Lazarethelferinnen in einem Zustand, der schon nach den ersten Wochen jeden professionellen Standard hinter sich gelassen hatte. Es fehlte an Verbandsmaterial, es fehlte an Morphium, es fehlte an Äther für die Narkose. Amputationen wurden bei vollem Bewusstsein vorgenommen, wenn überhaupt noch amputiert wurde, denn die meisten Schwerverwundeten erfroren auf den Wagen, bevor sie einen Verbandsplatz erreichten. Ein Bataillonsarzt der 28. Jägerdivision hat in seinen späteren Erinnerungen beschrieben, wie er am 14. Februar in einem Gutshaus bei Zinten an einem einzigen Tag mehr als 70 Verwundete versorgte, von denen nicht mehr als 20 die Nacht überlebten, und wie er, als die Petroleumlampe gegen 3 Uhr morgens ausging, einfach weiterarbeitete im Licht einer Kerze, die ihm eine Sanitäterin hinhielt.

Die Rote Armee ordnete währenddessen ihre Kräfte für die endgültige Vernichtung des Kessels. Die Aufgabe fiel der 3. Weißrussischen Front zu, deren Oberbefehlshaber Iwan Tschernjachowski am 18. Februar bei Mehlsack durch einen Artillerietreffer tödlich verwundet wurde. Er starb wenige Stunden später, 40 Jahre alt, jüngster Frontoberbefehlshaber der Roten Armee, ein Soldat, dessen Karriere ihn vom unbekannten Divisionskommandeur des Sommers 1941 bis an die Spitze einer Heeresgruppe geführt hatte. Sein Tod war ein Schock für die sowjetische Führung. Stalin entsandte umgehend Marschall Alexander Wassilewski, den Chef des sowjetischen Generalstabs, der das Kommando über die 3. Weißrussische Front übernahm. Wassilewski war ein Operateur von höchster Schule. Er erkannte sofort, dass der Heiligenbeiler Kessel nicht in einem überstürzten Frontalangriff genommen werden konnte, sondern dass es einer methodischen, mit massierter Artillerie und Luftunterstützung geführten Zerschlagungsoperation bedurfte. Er nahm sich Zeit. Er ließ die Truppen umgruppieren, Munition heranfahren, Reserven nachführen. Er befahl die Konzentration von annähernd 5.000 Geschützen und Werfern an den entscheidenden Durchbruchsabschnitten. Er befahl die Bereitstellung der 4. Luftarmee und Teile der 1. Luftarmee für den entscheidenden Schlag, und er wartete auf den Frühling, der den Boden weichen und die Verteidiger der Wehrmacht ihrer letzten taktischen Vorteile berauben sollte.

In dieser Phase der Halbruhe zwischen Anfang und Mitte Februar kam es zu jenen zähen, blutigen Stellungskämpfen, die in den Kriegstagebüchern der 4. Armee als die zweite Phase der Kesselverteidigung verzeichnet sind. Es waren Kämpfe um einzelne Höhenzüge, um einzelne Dörfer, um einzelne Gehöfte, die in der großen Landschaft Ostpreußens unbedeutend erscheinen mochten und die für die Männer, die in ihnen kämpften, doch alles bedeuteten. Die 56. Infanteriedivision, die 21. Infanteriedivision, die 28. Jägerdivision, die 24. Panzerdivision unter Generalleutnant Gustav von Nostitz-Wallwitz, sie alle leisteten in diesen Tagen einen Widerstand, der vom Kriegstagebuch der Heeresgruppe Nord mehrfach als zähe, harte, hingebungsvolle Abwehrleistung bezeichnet wird. Die 24. Panzerdivision, eine der wenigen Verbände, die noch über eine nennenswerte Zahl einsatzbereiter Panzer vom Typ IV verfügte, wurde dabei wie eine Feuerwehr eingesetzt, von einem Brennpunkt zum nächsten, von Wormditt nach Zinten, von Zinten nach Mehlsack, von Mehlsack zurück in den Raum Brandenburg. Ihre Panzer kamen oft in Stellung, ohne dass die Besatzungen mehr als drei oder vier Stunden Schlaf in den vorangegangenen 24 Stunden gehabt hätten. Die Verluste waren entsprechend. Bis Mitte Februar hatte die Division mehr als die Hälfte ihrer ursprünglichen Mannschaftsstärke eingebüßt, und die Zahl ihrer einsatzbereiten Panzer war auf weniger als 30 gesunken.

Die Stimmung in den Frontkompanien war in diesen Februarwochen eigentümlich gespalten. Auf der einen Seite stand die nüchterne Erkenntnis, dass die Lage hoffnungslos war. Auf der anderen Seite stand jene seltsame, in den Quellen vielfach belegte Bereitschaft, weiter zu kämpfen, weiter auszuhalten, weiter den Befehl zu erfüllen, der von oben kam. Die Männer kämpften nicht mehr für den Endsieg, an den nach Stalingrad und nach der Räumung Frankreichs ohnehin niemand mehr ernsthaft glaubte. Sie kämpften nicht mehr für den Führer, dessen Befehle in den Bunkern und Stellungen oft mit unverhohlenem Spott aufgenommen wurden. Sie kämpften für die Kameraden neben ihnen, für die Flüchtlingsfrauen, die sich an die Hauswände drückten, wenn eine Kompanie durch ein Dorf zog, für die Vorstellung, dass jeder Tag, den der Kessel länger hielt, ein Tag mehr für die Evakuierung war, ein Tag mehr, an dem Schiffe aus Pillau auslaufen konnten. Diese Motivation, die historische Forschung hat sie später unter dem Begriff der negativen Pflichterfüllung gefasst, ist in den Briefen und Tagebüchern der Soldaten der 4. Armee mit erschreckender Eindringlichkeit dokumentiert. Ein Feldwebel der 21. Infanteriedivision schrieb am 17. Februar an seine Frau in Sachsen: Wir wissen alle, dass es vorbei ist, aber wir können nicht weggehen. Hinter uns sind die Frauen mit den Kindern. Wenn wir nicht halten, dann erreichen sie das Haff nicht, und dann ist alles umsonst gewesen. Der Brief erreichte seine Empfängerin nie. Der Feldwebel fiel am 23. Februar bei einem sowjetischen Panzerangriff südlich von Zinten.

Während die Front im Kessel hielt, wenn auch unter ständigem Verlust an Raum und Menschen, wurde die Lage der Zivilbevölkerung von Tag zu Tag verzweifelter. Im Kessel hielten sich nach den unvollständigen Schätzungen der deutschen Behörden Mitte Februar noch zwischen 100.000 und 200.000 Flüchtlinge auf, Menschen aus den Trecks, die im Januar nach Westen gezogen waren, dann auf Heiligenbeil und Pillau umgeleitet worden waren und nun in den Dörfern und Wäldern des Kessels festsaßen. Sie schliefen in Scheunen, in Kuhställen, in Eisenbahnwaggons, die auf Abstellgleisen standen und längst kein Ziel mehr hatten. Sie aßen, was die Feldküchen abgaben, was die Bauern hergaben, was an Mehl, Schmalz, Kartoffeln noch in den Vorratskellern lag. Sie warteten auf die Eisstraße, sie warteten auf das Schiff. Sie warteten oft tagelang in der eisigen Kälte auf eine Fähre, die nicht kam, weil sie auf der vorhergehenden Fahrt von einem Bombenangriff zerstört worden war. Die Hilfsorganisationen der Wehrmacht, das Deutsche Rote Kreuz, die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt, sie alle arbeiteten in jenen Wochen mit einer Intensität, die im scharfen Kontrast zur völligen Hilflosigkeit der politischen Führung in Königsberg und Berlin stand. Frauen der Wehrmachtshelferinnen korps verteilten heißen Tee an die Wartenden am Ufer des Haffs bei Patersort. Sanitätsoffiziere untersuchten Kinder mit erfrorenen Gliedmaßen und entschieden in Sekunden, wer noch in den nächsten Marinefähre passte und wer auf die nächste Fahrt warten musste.

Auf manchen dieser Marinefähren drängten sich statt der vorgesehenen 200 Personen 400, 600, einmal sogar mehr als 900 Menschen. Sie standen dicht an dicht auf den offenen Decks in einem Wind, der vom Frischen Haff her Eiskristalle ins Gesicht trieb, und sie hielten sich aneinander fest, damit niemand über Bord ging, wenn die Fähre durch das eisige Wasser stampfte. Die Operation Hannibal, von Großadmiral Dönitz am 23. Januar befohlen, lief in diesen Februarwochen auf Hochtouren. Aus dem Hafen von Pillau, der am Westausgang des Frischen Haffs lag und damit das natürliche Sammelbecken für alle Evakuierungen aus dem Heiligenbeiler Kessel bildete, liefen täglich Dutzende von Schiffen aus, sowohl große Passagierdampfer wie die Pretoria, die Hansa, die Berlin, als auch kleinere Frachter, Fischkutter, Marinefähren und selbst Eisbrecher, die ihre Decks mit Flüchtlingen vollgepackt hatten. Sie liefen unter ständiger Bedrohung durch sowjetische U-Boote, durch sowjetische Schnellboote, durch die Tiefflieger der sowjetischen Marineluftwaffe. Sie fuhren ohne Geleitschutz oder mit minimalem Geleitschutz, weil die Kriegsmarine nicht mehr genügend Zerstörer und Torpedoboote besaß, um jeden einzelnen Transport zu sichern. Und doch erreichten die meisten dieser Schiffe ihre Bestimmungshäfen Swinemünde, Saßnitz, Kopenhagen, Kiel, Lübeck und entluden dort Tausende, Zehntausende, schließlich Hunderttausende von Menschen, die ohne diese Schiffe der Roten Armee in die Hände gefallen oder im Eis des Haffs umgekommen wären.

Die Statistik der Operation Hannibal weist für die Wochen zwischen Ende Januar und Anfang Mai die Evakuierung von annähernd zwei Millionen Menschen aus, davon allein über den Hafen Pillau mehr als 450.000. Ein nicht geringer Teil dieser in Pillau Evakuierten kam aus dem Heiligenbeiler Kessel, hatte das Haff auf den Eisstraßen oder mit Booten überquert und war dann über die Frische Nehrung nach Pillau gelangt. Mitte Februar verschlechterte sich die Wetterlage, die Temperaturen stiegen, der Frost ließ nach, das Eis auf dem Haff begann an manchen Stellen brüchig zu werden. Die Pioniere der 4. Armee mussten die Eisstraßen ständig neu vermessen und neu trassieren, weil die alten Spuren zu gefährlich wurden. An mehreren Stellen brachen Trecks ein. Ganze Wagen mit Pferden und Menschen versanken im dunklen Wasser unter dem Eis, und die Nachfolgenden mussten in weiten Bögen um die Bruchstellen herumfahren, oft im Sperrfeuer der sowjetischen Artillerie, die aus dem Raum Frauenburg über das Haff hinüber feuerte. Am 20. Februar begann die Rote Armee einen ersten größeren Angriff gegen den südlichen Abschnitt des Kessels im Raum Wormditt-Mehlsack. Die Angriffsspitzen der 48. und 33. Armee stießen in zwei Keilen gegen die Stellungen der Wehrmacht vor, unterstützt von massiver Artillerie und Stalinorgeln. Die Front der Wehrmacht hielt in diesen Tagen unter größten Verlusten, vor allem dank des entschlossenen Einsatzes der 24. Panzerdivision, die mit ihren letzten Panzern Gegenstöße führte und an mehreren Stellen die sowjetischen Durchbrüche abriegelte.

Doch der Kessel schrumpfte weiter. Wormditt war bereits in den letzten Januartagen verloren gegangen. Mehlsack fiel in der zweiten Februarhälfte, in jenen Tagen, in denen Tschernjachowski tödlich verwundet wurde. Die Front der Wehrmacht wich Schritt für Schritt nach Norden zurück, in Richtung Heiligenbeil, in Richtung Zinten, in Richtung der Haffküste. Die ersten Märztage brachten eine kurze Atempause. Die Rote Armee hatte den ersten Anlauf zur Zerschlagung des Kessels nicht in der von ihr erhofften Geschwindigkeit zu Ende führen können. Wassilewski ordnete neue Umgruppierungen an, neue Munitionszuführungen, neue Reserven. Im Kessel nutzten die Verbände der Wehrmacht diese kurze Pause zur Stabilisierung der Linien, zur Verstärkung einzelner Stützpunkte, vor allem aber zur Fortsetzung der Evakuierung. In der ersten Märzwoche wurden nach den Angaben des Marineoberkommandos Ostsee allein über den Hafen Pillau mehr als 70.000 Menschen verschifft, darunter zahlreiche Verwundete der 4. Armee, die in den überfüllten Lazaretten von Heiligenbeil und Balga keine ausreichende Behandlung mehr finden konnten. Die Lazarettschiffe Robert Ley, Pretoria und Ubena übernahmen einen Großteil dieser Verwundetentransporte. Jedes Schiff mit mehreren tausend Patienten an Bord, jedes Schiff mit einem Geleitschutz, der oft nur aus einem einzigen alten Vorpostenboot bestand. Es ist eines der wenig beachteten Verdienste der Sanitätsoffiziere der Wehrmacht und der Schwestern des Deutschen Roten Kreuzes, dass sie unter diesen Bedingungen Tausende Schwerverwundete tatsächlich aus dem Kessel hinausbrachten und in die Lazarette nach Mecklenburg, Schleswig-Holstein und Dänemark transportierten. Wie viele dieser Verwundeten die Transporte überlebten, wie viele in den Lazaretten in den letzten Kriegswochen starben, ist bis heute nicht abschließend erforscht.

Am 13. März begann die endgültige Zerschlagungsoperation, die in der sowjetischen Militärgeschichte als Braunsberger Angriffsoperation verzeichnet ist. Wassilewski hatte seine Vorbereitungen abgeschlossen. In den frühen Morgenstunden, in einem Nebel, der die Sichtweite auf wenige hundert Meter beschränkte, eröffneten mehr als 5.000 sowjetische Geschütze das Feuer auf die Stellungen der Wehrmacht im südlichen Abschnitt des Kessels. Das Vorbereitungsfeuer dauerte annähernd drei Stunden. Soldaten der 4. Armee, die diese Stunden überlebten, haben sie später in Worten beschrieben, die jeden Versuch übersteigen, das Erlebte sachlich darzustellen. Die Erde bebte, schrieb ein Oberleutnant der 21. Infanteriedivision in seinem Tagebuch. Die Bunker schwankten wie Schiffe in einem Sturm. Wir lagen flach auf dem Boden und beteten, dass kein Volltreffer kam. Wer aus dem Bunker hinaussah, sah nichts als Rauch und Erde und brennende Bäume. Es war, als ob der Boden Ostpreußens selbst sich auflösen wollte. Nach drei Stunden setzte sich die sowjetische Infanterie in Bewegung, unterstützt von Hunderten von Panzern T-34 und schweren Sturmgeschützen vom Typ ISU-152. Die Front der Wehrmacht brach an mehreren Stellen zusammen. Was an Stellungen, an Bunkern, an Maschinengewehrnestern den Vorbereitungsbeschuss überstanden hatte, wurde nun von den sowjetischen Panzergrenadieren mit Handgranaten, Flammenwerfern und im Nahkampf bezwungen. Die Verbände der Wehrmacht wichen zurück, oft in Auflösung, oft unter Zurücklassung von Schwerverwundeten und schwerem Gerät, das auf den aufgeweichten Wegen ohnehin nicht mehr bewegt werden konnte.

In den folgenden Tagen schrumpfte der Kessel mit einer Geschwindigkeit, die die deutschen Führungsstäbe kaum noch zu koordinieren vermochten. Am 18. März fiel