Kapitel 13 | Der Weg nach Osten – Das Tagebuch des Martin Adler | Hörbuch

Kapitel 13 | Der Weg nach Osten - Das Tagebuch des Martin Adler | Hörbuch

Die deutsche Sommeroffensive des Jahres 1942 hat in den vergangenen Wochen zu einer der blutigsten Kesselschlachten des Ostkrieges geführt, wie aus neu aufgetauchten Tagebuchaufzeichnungen des Wehrmachtssoldaten Martin Adler hervorgeht. Der 22-jährige Obergefreite, dessen persönliche Aufzeichnungen nun als Hörbuch vorliegen, beschreibt darin das unvorstellbare Massensterben an der Südfront und die zunehmende Verzweiflung der deutschen Truppen, die sich nach einer kurzen Erholungsphase erneut in die Tiefe des russischen Raumes vorwagen.

Die Aufzeichnungen, die in Kapitel 13 des Tagebuchs unter dem Titel „Der Weg nach Osten“ veröffentlicht wurden, zeichnen ein erschütterndes Bild der Ereignisse im Sommer 1942. Adler, der nach einer Verwundung im Feldlazarett genesen war, kehrte zu seiner Einheit zurück und fand diese in einem Zustand fiebriger Erregung vor. Die Truppe stand am Vorabend der großen Sommeroffensive, die den deutschen Vorstoß in Richtung der Flüsse Don und Wolga sowie in den Kaukasus hinein zu den lebenswichtigen Ölquellen vorsah.

Die Rückkehr an die Front fiel Adler schwer, wie er in seinen Aufzeichnungen gesteht. Die Wochen im Lazarett hatten ihm eine Atempause geschenkt, eine Zeit, in der er nicht hatte töten und fürchten müssen. Diese kleine Rückkehr in eine fast zivile Existenz hatte ihm gezeigt, wie sehr er sich nach Frieden und Normalität sehnte. Umso schwerer fiel es ihm, in den Krieg zurückzukehren, da er für einen Augenblick gekostet hatte, wie das Leben jenseits des Krieges sein konnte.

Das Wiedersehen mit seinem Kameraden Otto war eine Freude, die ihm die Tränen in die Augen trieb. Otto lebte, war unverletzt, und als er Adler erblickte, stürzte er auf ihn zu und umarmte ihn so heftig, dass seine kaum verheilte Wunde schmerzte. Auch Fritz, der junge Fritz, sowie Feldwebel Weiß, Erich Vogt und Josef Lindner hatten alle überlebt. Die Freude des Wiedersehens war groß, und für einen Abend feierten sie gleichsam, saßen beisammen und erzählten.

Doch Adler bemerkte sogleich die Veränderung, die über die Truppe gekommen war. Eine fiebrige Spannung, eine Erregung, die in der Luft lag. Leutnant Becker, der von seiner Verwundung genesen war und die Führung des Zuges wieder übernommen hatte, verlas wenige Tage nach Adlers Rückkehr die neuen Befehle. Der Inhalt erfüllte die Männer mit einer Mischung aus Erwartung und Furcht. Es hieß, dass das deutsche Heer eine gewaltige Offensive im Süden begonnen habe, einen Vorstoß in Richtung der großen Flüsse des Don und der Wolga und weiter in den Kaukasus hinein zu den Ölquellen. Adlers Division sollte Teil dieses gewaltigen Vorstoßes werden.

Die Namen jener fernen Orte und Flüsse klangen den Soldaten fremd und bedrohlich. Adler, der den Schrecken des vergangenen Jahres noch in den Knochen spürte, dachte mit Grauen an einen neuen Vormarsch, an neue endlose Märsche, neue Schlachten, neuen Tod. Becker sprach in seinem sachlichen, nüchternen Ton, doch Adler glaubte, hinter seiner Sachlichkeit eine Sorge zu spüren, eine Skepsis vielleicht. Auch Becker hatte das vergangene Jahr durchlebt, auch er wusste, wie weit dieses Land war, wie unermesslich seine Tiefen, und wie das deutsche Heer sich im Sommer vorwärts wälzte, nur um im Winter wieder zurückgeworfen zu werden.

Die Offensive begann an einem heißen Julimorgen mit einem Trommelfeuer der deutschen Artillerie, das die feindlichen Stellungen jenseits der weiten Ebene in eine wogende Mauer aus Rauch, Feuer und aufgewühlter Erde verwandelte. Adler lag in seiner Ausgangsstellung und sah dieses gewaltige Schauspiel der Vernichtung. Er empfand jenes sonderbare Gemisch aus Grauen und einer dunklen, schuldhaften Faszination, das ihn schon bei der ersten großen Kanonade an der Grenze ergriffen hatte. Die rohe Macht dieser entfesselten Gewalt hatte etwas Überwältigendes, das den Verstand betäubte.

Als das Trommelfeuer sich nach vorn verlagerte, kam der Befehl zum Angriff. Die Soldaten erhoben sich aus ihren Gräben und gingen vor über die weite, im Morgenlicht flimmernde Ebene. Es war ein anderer Angriff als jener gescheiterte vor Moskau. Hier im Sommer auf trockenem, festem Boden, mit der Artillerie, die ihnen den Weg bahnte, mit den Panzern, die vor ihnen rollten, hatten sie wieder jene Wucht, jenen Schwung des Vormarsches, der einen Soldaten beflügelt. Der Feind, von ihrem Feuer erschüttert, wich zunächst zurück, und sie drangen vor, nahmen die erste feindliche Stellung, die zweite. Ein Gefühl des Triumphes, der Überlegenheit kehrte für eine Weile in die Truppe zurück, das Gefühl, dass sie wieder die Stärkeren waren, die Vorrückenden, und nicht mehr die Gejagten des vergangenen Winters.

Adler blieb in jenem Angriff dicht bei Fritz, denn es war dessen erster großer Angriff, und Adler hatte ihm versprochen, über ihn zu wachen. Er sah, wie der junge Bursche sich hielt, blass vor Angst, doch tapfer, vorwärts gehend trotz der Furcht, so wie Adler es ihn gelehrt hatte. Adler war stolz auf ihn und fürchtete zugleich um ihn, denn der Angriff war kein Spaziergang. Der Feind wehrte sich, sobald er sich von der ersten Erschütterung erholt hatte, und das feindliche Feuer riss Lücken in die deutschen Reihen. Männer fielen um sie herum, und Adler zog Fritz neben sich her, von Deckung zu Deckung, lehrte ihn im Feuer, was er ihm in der Ausbildung gelehrt hatte, wann man läuft und wann man sich wirft, wie man die Bodenwellen ausnutzt, die Granatrichter. Fritz folgte ihm und tat, was er sagte, und so brachte Adler ihn durch den ersten Tag des Angriffs unverletzt.

Am Abend, als sie die erreichte Stellung sicherten, sah Adler in Fritz‘ Gesicht jene Veränderung, die der erste Kampf in jedem hinterlässt, jene Mischung aus Erschöpfung und Erschütterung und einem verstörten Erstaunen darüber, noch am Leben zu sein. Adler erkannte in ihm den Jungen wieder, der er selbst gewesen war nach jenem ersten Tag an der Brücke vor mehr als einem Jahr.

Die Offensive rollte voran in den folgenden Tagen, und die Truppe drang weit nach Osten und Südosten vor durch ein Land, das anders war als die Wälder und Sümpfe des Nordens. Eine weite offene Steppe, die sich endlos dehnte unter einem riesigen Himmel, ein Land von einer Weite, die selbst die Weiten übertraf, die Adler bisher gesehen hatte. In dieser endlosen Steppe unter der brennenden Sommersonne marschierten und kämpften sie sich vorwärts, Tag um Tag, und das alte beklemmende Gefühl kehrte zurück, jenes Gefühl der Verlorenheit in einem Land ohne Grenzen, das sie verschlingen würde. Adler erinnerte sich an die Worte Ottos vom vergangenen Sommer, von der unermesslichen Größe dieses Landes, und er begriff, dass sie wieder dasselbe taten wie im Jahr zuvor, dass sie wieder vorstießen in die Tiefe Russlands, immer weiter, immer tiefer.

In den Wochen jener Offensive lernte Adler ein neues Wort fürchten, ein Wort, das im Krieg im Osten einen besonderen schrecklichen Klang besaß und das von nun an immer wieder in den Gesprächen der Soldaten auftauchte, das Wort Kessel. Die deutsche Kriegführung jener Zeit zielte darauf ab, die feindlichen Verbände zu umfassen, sie einzuschließen in gewaltigen Zangenbewegungen, sie in Kessel zu treiben und dort zu vernichten. Die Soldaten selbst waren oft Teil solcher Umfassungsbewegungen, stießen vor, schlossen den Ring, und in den Kesseln, die so entstanden, vollzog sich das furchtbarste 𝒹𝓇𝒶𝓂𝒶 des Krieges, das Sterben ganzer eingeschlossener Armeen.

Adler sah die Folgen dieser Kesselschlachten mit eigenen Augen, sah die Massen gefangener Feinde, die endlosen Kolonnen, sah aber auch die Massen der Toten, die in den Kesseln gefallen waren, ein Sterben in solchen Ausmaßen, dass es jede Vorstellung überstieg. Sie hatten den Feind an einer Stelle eingeschlossen, einen großen Verband, und der Ring war zu. Der eingekesselte Feind versuchte verzweifelt auszubrechen, warf sich gegen die deutschen Linien in immer neuen Stößen, und die Deutschen hielten den Ring, mussten ihn halten. Es kam zu Kämpfen von einer Erbitterung und einer Verzweiflung, wie Adler sie selten erlebt hatte. Die Eingeschlossenen kämpften mit dem Mut der Verzweiflung, mit jener letzten äußersten Kraft, die ein Mensch findet, wenn es um Leben oder Tod geht, und sie warfen sich in das deutsche Feuer Welle um Welle und starben zu Hunderten, zu Tausenden vor den deutschen Stellungen.

Adler erinnert sich an einen dieser Durchbruchsversuche, der ihm besonders im Gedächtnis geblieben ist. Der eingekesselte Feind warf in der Morgendämmerung alles, was er hatte, gegen den deutschen Abschnitt in einem letzten verzweifelten Versuch, dem Untergang zu entrinnen. Sie kamen über die offene Steppe auf die Deutschen zu, eine dunkle, brüllende Masse, und die deutschen Maschinengewehre, Erich Vogs Maschinengewehr unter ihnen, mähten sie nieder. Sie fielen und fielen, und über die Gefallenen kamen die nächsten. Es war ein Töten von solchem Ausmaß, dass Adler übel wurde, dass er am liebsten die Augen geschlossen hätte, um es nicht zu sehen. Und doch musste er schießen, musste sein Teil tun an diesem furchtbaren Werk, denn wenn der Ring brach, dann war es um sie geschehen. So feuerte er in die heranstürmende Masse, ohne zu zielen, ohne ein Gesicht zu sehen, nur in die dunkle Wand der Leiber hinein, und er versuchte nicht zu denken, nicht zu fühlen, sich zu betäuben in dem mechanischen Tun des Tötens. Doch es gelang ihm nicht ganz, und in ihm schrie etwas auf bei diesem Massensterben, das jedes menschliche Maß überstieg.

Als der Durchbruchsversuch zusammengebrochen war und die Steppe vor den deutschen Stellungen bedeckt lag mit den Leibern der Gefallenen, einem entsetzlichen Teppich aus Toten, der sich erstreckte, soweit das Auge reichte, da überkam Adler eine Erschütterung, eine Verzweiflung, wie er sie lange nicht gefühlt hatte. Er sah hinaus auf dieses Feld des Todes, auf die Tausende, die dort lagen, junge Männer, alle, jeder mit seinem Leben, seiner Geschichte, seiner Mutter, die irgendwo auf ihn wartete. Er begriff die ganze unfassbare Sinnlosigkeit dieses Sterbens. Er fragte sich, wie Gott, wenn es ihn gab, ein solches Geschehen dulden konnte, wie die Welt weiterbestehen konnte, in der so etwas möglich war. Und er fand keine Antwort, so wenig wie auf all die anderen Fragen, die der Krieg in ihm aufgeworfen hatte.

Der junge Fritz hatte neben Adler gekämpft in jener Schlacht, und als sie vorüber war, sah Adler, dass er weinte. Stille Tränen, die ihm über das rußgeschwärzte Gesicht liefen, und er sah Adler an mit einem Blick voll Entsetzen und sagte, er habe nicht gewusst, dass es so sei. Er habe es sich nicht so vorgestellt. Adler legte ihm den Arm um die Schulter und wusste keinen Trost, denn es gab keinen Trost für das, was sie gesehen hatten. Er sagte ihm nur, dass er es ertragen müsse, dass sie es alle ertragen müssten, dass ihnen nichts anderes übrig blieb. Adler sah, wie in jenem Augenblick die letzte Unschuld aus den Augen dieses Jungen wich, wie der Krieg auch ihn zeichnete, wie er ihn nahm, den heiteren, vertrauensvollen Jungen, und einen anderen aus ihm machte, einen, der gesehen hatte, was kein Mensch sehen sollte. Adler blutete das Herz um ihn, denn er hatte ihn nicht bewahren können, so sehr er es auch gewollt hatte, vor dem, was den Menschen am tiefsten verwundet, dem Anblick des sinnlosen Todes in seiner ganzen ungeheuren Masse.

Nach den Kesselschlachten jenes Sommers wurde die erschöpfte Division für eine kurze Zeit aus der vordersten Linie genommen und in ein rückwärtiges Gebiet verlegt, zur Ruhe und zur Auffrischung. Sie kehrten zurück in ein Dorf, das hinter der Front lag, in der vergleichsweisen Sicherheit des besetzten Gebietes. Diese Rückkehr in eine Art von Ruhe, so kurz sie auch währte, war eine Wohltat für die zerschlagenen Nerven der Soldaten, denn sie hatten in den vergangenen Wochen mehr gesehen und durchlitten, als ein Mensch ertragen kann, und sie bedurften dieser Atempause, um nicht völlig zu zerbrechen.

In jenem Dorf, in den Tagen der Ruhe, hatte Adler endlich Zeit und Muße mit Otto und Fritz zusammenzusitzen, in Frieden, ohne die ständige Drohung des Todes. Sie sprachen über das, was sie erlebt hatten, soweit man darüber sprechen konnte. Sie versuchten einander zu trösten und sich gegenseitig wieder aufzurichten, denn der Sommer hatte sie alle gezeichnet, und besonders Fritz, der junge Fritz, war ein anderer geworden, stiller, ernster, und das fröhliche Funkeln in seinen Augen, das Adler anfangs so gerührt hatte, war erloschen. Adler sah mit Kummer, wie der Krieg diesen Jungen verwandelte, wie er ihm die Jugend nahm, ehe er sie recht gelebt hatte.

In jenen Tagen der Ruhe erreichte die Soldaten wieder die Feldpost, und Adler erhielt mehrere Briefe von zu Hause, die sich angesammelt hatten. Er las sie mit jener verzehrenden Sehnsucht, die ihm mittlerweile so vertraut geworden war. Seine Mutter schrieb von der Heimat, von den zunehmenden Bombenangriffen, von der Sorge, die sie sich um ihn machte, und von der Hoffnung auf ein baldiges Ende des Krieges. Adler las ihre Worte und sehnte sich nach Hause mit einer Inbrunst, die schmerzte. Er begriff, dass diese Sehnsucht mit jedem Monat wuchs, dass sie nicht abnahm mit der Gewöhnung an den Krieg, sondern im Gegenteil immer stärker wurde, je länger er von der Heimat fort war, je mehr er durchlitt.

Otto erhielt ebenfalls Briefe von seiner Anna, und er las sie Adler vor, wie er es immer tat. Sie schrieb von ihrer Treue, von ihren Plänen, von ihrer Sehnsucht nach ihm. Otto strahlte, wenn er ihre Briefe las, und sprach wieder von der Hochzeit und der Zukunft. Adler sah, dass diese Hoffnung ihn aufrecht hielt, dass Anna für ihn der Anker war, der ihn festhielt im Sturm des Krieges, der Grund, weshalb er überleben wollte. Adler gönnte ihm diese Liebe, diese Hoffnung, und wünschte sich oft auch, er hätte einen solchen Anker, eine solche Liebe, die auf ihn wartete. Doch er hatte nur seine Eltern und seine Kameraden, und das musste ihm genügen.

Doch die Ruhe währte nicht lange, denn der Krieg rief die Soldaten bald wieder, und es ging das Gerücht, dass eine große Schlacht bevorstehe, dass die Offensive auf eine bestimmte Stadt am großen Fluss ziele, auf eine Stadt, deren Namen sie noch kaum kannten und die doch bald in aller Munde sein und einen schrecklichen Klang gewinnen sollte, die Stadt Stalingrad an der Wolga. Die Division wurde wieder nach Osten verlegt, der Front entgegen. Adler erinnert sich an die Beklemmung, mit der er diesem neuen Aufbruch entgegensah, denn etwas in ihm, eine dunkle Ahnung, sagte ihm, dass sie sich einem Abgrund näherten, einem Verhängnis, das größer war als alles, was sie bisher erlebt hatten.

Als sie aus dem Dorf der Ruhe aufbrachen und sich wieder einreihten in den Strom, der nach Osten zog, der Stadt am Fluss entgegen, blickte Adler zurück auf die kurze Zeit des Friedens, die sie genossen hatten. Ihm war, als nehme er Abschied von etwas, das nicht wiederkehren würde, von der letzten Ruhe, vom letzten Frieden, ehe der große Sturm losbrach. Er sah Otto an seiner Seite und Fritz hinter ihm und Feldwebel Weiß voran, und er betete im Stillen, dass sie alle die kommende Schlacht überleben würden, dass dieser Kreis der Kameradschaft, der ihm das Liebste war, was ihm der Krieg gelassen hatte, nicht zerbrechen würde in dem, was sie erwartete. Doch die dunkle Ahnung in ihm wollte nicht weichen, und sie sollte, wie er später erkannte, nur allzu berechtigt sein.

Die Aufzeichnungen Adlers enden mit einem Eintrag vom Ende August 1942, in dem er seine Ängste und Hoffnungen festhält. Er schreibt von den wenigen Tagen Ruhe hinter der Front, die bitter nötig gewesen seien nach diesem Sommer. Er kann kaum aufschreiben, was sie gesehen haben, die Kessel, das Massensterben, ein ganzes Feld voller Toter, soweit das Auge reicht, Tausende, junge Männer, alle, jeder mit einer Mutter, die auf ihn wartet. Er hat in die Masse geschossen, ohne zu zielen, ohne ein Gesicht zu sehen, weil er musste, weil der Ring sonst gebrochen wäre. Er will nicht daran denken, aber er kann nicht anders. Fritz hat geweint, als es vorbei war. Er sagte, er habe nicht gewusst, dass es so sei. Adler wusste keinen Trost. Es gibt keinen. Er hat ihn nicht bewahren können vor diesem Anblick, so sehr er es wollte. Das Funkeln in seinen Augen ist fort. Der Krieg hat es ihm genommen, wie er es uns allen nimmt.

Adler schreibt von den Briefen von zu Hause, von seiner Mutter, die sich sorgt, von den Bomben, die jetzt auch über Nürnberg fallen. Er sehnt sich nach Hause, mehr mit jedem Tag. Otto liest ihm Annas Briefe vor und träumt von der Hochzeit. Adler gönnt ihm seinen Anker. Jetzt geht es wieder nach Osten. Eine große Schlacht soll kommen um eine Stadt am großen Fluss. Stalingrad heißt sie. Adler kennt den Namen kaum, aber etwas in ihm hat Angst vor diesem Namen. Eine dunkle Ahnung, die nicht weichen will. Sein Gebet gilt den Kameraden, Otto, Fritz, Weiß, Vogt, Lindner, dass dieser Kreis nicht zerbrechen möge. Mehr bittet er nicht.

Die historische Bedeutung dieser Aufzeichnungen kann kaum überschätzt werden. Sie bieten einen seltenen, ungefilterten Einblick in die Psyche eines einfachen Soldaten der Wehrmacht, der sich in den Wirren des Ostfeldzuges befindet. Adler beschreibt nicht nur die militärischen Ereignisse, sondern auch die moralischen und emotionalen Qualen, die der Krieg in den Männern hinterlässt. Seine Schilderungen des Massensterbens in den Kesseln, der Verzweiflung der eingeschlossenen Feinde und der eigenen Abstumpfung sind von einer Eindringlichkeit, die den Leser oder Hörer tief erschüttert.

Die Sommeroffensive 1942, die in der Schlacht um Stalingrad ihren Höhepunkt finden sollte, wird in Adlers Tagebuch als ein Wendepunkt beschrieben. Der anfängliche Triumph weicht bald einer düsteren Vorahnung, die sich in den folgenden Monaten auf schreckliche Weise bewahrheiten sollte. Die Stadt Stalingrad, deren Name Adler noch kaum kennt, wird zum Symbol für die größte militärische Katastrophe der deutschen Geschichte, eine Schlacht, in der Hunderttausende ihr Leben verlieren sollten.

Adlers Aufzeichnungen sind ein erschütterndes Dokument menschlichen Leids und der Sinnlosigkeit des Krieges. Sie zeigen einen jungen Mann, der zwischen Pflichtgefühl, Kameradschaft und dem wachsenden Entsetzen über das, was er tut und sieht, hin- und hergerissen ist. Seine Worte sind ein Mahnmal gegen das Vergessen und eine eindringliche Warnung vor den Abgründen, die der Krieg in der menschlichen Seele aufreißt. Die Veröffentlichung dieser Aufzeichnungen als Hörbuch ermöglicht es einer breiten Öffentlichkeit, einen direkten und ungefilterten Zugang zu diesem dunklen Kapitel der Geschichte zu erhalten.

Die Frage, die sich am Ende dieser Aufzeichnungen aufdrängt, ist die nach dem Schicksal Martin Adlers und seiner Kameraden. Die historische Forschung weiß, dass die 6. Armee, zu der Adlers Division vermutlich gehörte, in Stalingrad eingeschlossen und vernichtet wurde. Nur wenige Überlebende kehrten aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Ob Adler zu diesen gehörte, ist nicht bekannt. Seine Aufzeichnungen brechen ab, und die Leere, die sie hinterlassen, ist beredter als jedes Wort. Sie lassen den Hörer zurück mit der bangen Frage, ob der Kreis der Kameradschaft, den Adler so innig beschwor, in den Trümmern von Stalingrad zerbrochen ist, oder ob einer von ihnen den Weg zurück in die Heimat fand. Die Antwort bleibt offen, wie so vieles in diesem Krieg, der Millionen von Schicksalen ein gewaltsames Ende setzte.