Der Sommer 1943 sollte die letzte große deutsche Offensive im Osten bringen, ein gewaltiges Unternehmen, das die Niederlage von Stalingrad wettmachen und den Frontverlauf wieder zu unseren Gunsten wenden sollte. Das Ziel war ein großer Frontbogen, der weit nach Westen in unsere Linien hineinragte, um die Stadt Kursk herum. Der Plan sah vor, diesen Bogen von Norden und Süden abzuschneiden, die darinstehenden feindlichen Kräfte einzukesseln und zu vernichten. Ein Plan, der in seiner Anlage den großen Kesselschlachten der ersten Kriegsjahre ähnelte, wie sie etwa bei Kiew oder Charkow erfolgreich gewesen waren. Wir wurden in den Wochen vor der Offensive herangeführt und sammelten uns mit gewaltigen Kräften, mit Massen von Panzern und Geschützen und Truppen, wie ich sie seit Beginn des Krieges nicht mehr auf einem Fleck gesehen hatte. Es ging das Wort, dass hier die Entscheidung fallen solle, dass hier die neuen schweren Panzer eingesetzt würden, von denen wir gehört hatten, die Tiger und die Panther, die dem feindlichen T34 überlegen seien. Für eine kurze Zeit kehrte etwas wie Hoffnung in manche von uns zurück, die Hoffnung auf eine Wende, auf einen Sieg, der den Krieg vielleicht doch noch zu einem erträglichen Ende bringen könnte. Doch ich, der ich nun ein erfahrener Soldat war und der ich gelernt hatte, die Dinge nüchtern zu sehen, ich teilte diese Hoffnung nicht. Auch Feldwebel Weiß teilte sie nicht, denn wir sahen, dass auch der Feind sich vorbereitete, dass er von unserem Plan wusste oder ihn doch ahnte, denn die Vorbereitungen für eine solche Offensive ließen sich nicht verbergen. Wir sahen, dass der Feind seine Stellungen ausbaute, dass er sich eingrub, Stellung hinter Stellung, ein tief gestaffeltes Verteidigungssystem. Weiß sagte mir, dass ein Angriff gegen einen Feind, der vorbereitet sei, der sich eingegraben habe, der die eigene Absicht kenne, ein Angriff in seine Stärke hinein, dass ein solcher Angriff teuer werden würde, sehr teuer, und dass er fürchte, wir liefen uns fest an den feindlichen Stellungen, wir verbluteten uns an ihnen. Ich teilte seine Befürchtung, denn ich hatte gelernt, dass eine Offensive nur dann gelingt, wenn sie den Feind überrascht, wenn sie ihn unvorbereitet trifft. Und hier war von Überraschung keine Rede. Hier rückten wir an gegen einen Feind, der uns erwartete, der gerüstet war, der nur darauf wartete, dass wir kämen. Die Wochen der Vorbereitung waren erfüllt von einer eigentümlichen, gespannten Atmosphäre, denn alle wussten, dass eine große Schlacht bevorstand, vielleicht die größte des ganzen Krieges. Diese Erwartung lag über uns wie eine schwere, drückende Wolke. Ich beobachtete, wie verschieden die Männer mit dieser Erwartung umgingen, wie manche sich in fieberhafte Geschäftigkeit stürzten, ihre Waffen putzten, ihre Ausrüstung prüften wieder und wieder. Andere wurden still und in sich gekehrt, hingen ihren Gedanken nach, schrieben Briefe, die vielleicht ihre letzten sein würden. Wieder andere trugen eine forcierte Heiterkeit zur Schau, rissen Witze, lachten, um ihre Furcht zu übertönen. Ich schrieb in jenen Tagen einen langen Brief an meine Eltern, einen Brief, von dem ich heimlich fürchtete, er könnte mein letzter sein. Ich legte in diesen Brief mehr von meinem Herzen, als ich es sonst tat, schrieb von meiner Liebe zu ihnen, von meiner Sehnsucht nach der Heimat, von meiner Hoffnung auf ein Wiedersehen. Ich vermied es, von der bevorstehenden Schlacht zu schreiben, von meiner Furcht. Doch zwischen den Zeilen, das wusste ich, würde meine Mutter spüren, was ich nicht aussprach, denn eine Mutter spürt solche Dinge. Ich faltete den Brief zusammen und gab ihn ab und dachte, dass nun, was auch geschehen mochte, wenigstens diese Worte der Liebe sie erreichen würden, sollte ich nicht zurückkehren. Dieser Gedanke gab mir einen Trost, einen kleinen, kargen Trost am Vorabend der großen Schlacht. Die Schlacht begann an einem Julimorgen, und sie begann, wie alle großen Schlachten begannen, mit einem ungeheuren Trommelfeuer. Doch diesmal war es nicht allein unser Feuer, das die Welt zerriss, sondern der Feind antwortete sogleich. Ja, er kam uns zuvor, denn er hatte unsere Angriffsabsicht erkannt und eröffnete seinerseits ein Vernichtungsfeuer auf unsere Bereitstellungen, gerade als wir zum Angriff antreten wollten. So brach über uns ein Feuersturm herein, wie ich ihn in solcher Wucht und Dauer nie zuvor und nie wieder erlebt habe. Ein Inferno aus Stahl und Feuer, das die Erde aufwühlte, die Luft zerriss, das Trommelfell zum Platzen brachte. Ein Donnern und Krachen und Bersten, das keinen Anfang und kein Ende kannte und in dem der einzelne Mensch nichts war als ein Staubkorn im Orkan. Ich lag in meiner Ausgangsstellung, das Gesicht in die Erde gepresst, und über mir tobte das Feuer beider Seiten. Die Einschläge kamen so dicht, dass die Erde unter mir nicht mehr aufhörte zu beben, dass es ein einziges fortwährendes Erdbeben war. Ich krallte mich in den Boden und betete und wartete. Das Warten unter diesem Feuer war eine Qual jenseits aller Vorstellung, denn man war vollkommen hilflos, ausgeliefert, ein Spielball des blinden Zufalls, und jeder Augenblick konnte der letzte sein. Als wir endlich zum Angriff antraten aus diesem Inferno heraus, da war ein Teil von uns schon gefallen, ehe wir auch nur einen Schritt nach vorn getan hatten, hinweggefegt vom feindlichen Feuer. Wir, die wir noch lebten, erhoben uns und gingen vor hinein in den Rauch, in das Feuer, in den Tod. Es war ein Angriff gegen einen Feind, der gerüstet war, der sich eingegraben hatte in tiefe gestaffelte Stellungen, der jeden Meter Boden mit Minen und Drahthindernissen und Geschützen gesichert hatte. Wir liefen uns fest an diesen Stellungen, wie Feldwebel Weiß es vorausgesehen hatte. Wir verbluteten uns an ihnen, denn der Feind ließ uns herankommen und mähte uns nieder. Wir gewannen Boden, gewiss, wir nahmen die erste Stellung, die zweite, doch um einen Preis, der jede Vorstellung überstieg. Die Reihen lichteten sich mit jedem Meter, das Feld hinter uns war übersät mit den Gefallenen. Es war ein Ringen von einer Erbitterung, einer Verzweiflung, wie ich es nie zuvor erlebt hatte. Ein Aufeinanderprallen zweier gewaltiger Heere, ein Mahlwerk, das die Menschen verschlang zu Tausenden und Zehntausenden. Über allem lag der Rauch und das Feuer und das unaufhörliche Donnern, und der Himmel selbst schien zu brennen. Über das Schlachtfeld rollten die Panzer in Massen, wie ich sie nie gesehen hatte, unsere Panzer und die des Feindes. Sie prallten aufeinander in gewaltigen Panzerschlachten, Hunderte von Panzern auf engem Raum. Es war ein Anblick, der die Sinne überstieg, ein Aufeinanderprallen stählerner Ungeheuer, ein Feuern und Bersten und Brennen. Das Feld bedeckte sich mit den brennenden Wracks, und der Rauch von Hunderten brennender Panzer verfinsterte den Himmel. Die Hitze der brennenden Maschinen war noch von weitem zu spüren. Die Infanteristen kämpften zwischen diesen Kolossen, kämpften gegen die feindliche Infanterie und gegen die Panzer zugleich. Es war die Hölle, eine Hölle, die alles übertraf, was ich bis dahin von Hölle gewusst hatte. Ich kämpfte und tötete und sah Kameraden sterben, einen nach dem anderen. Ich war wie betäubt, wie in einem furchtbaren Traum gefangen, aus dem es kein Erwachen gab. Ich tat, was getan werden musste, mechanisch, ohne zu denken, ohne zu fühlen, denn das Denken und Fühlen hätte mich gelähmt, getötet. Nur das mechanische Funktionieren, das instinkthafte Überlebenshandwerk hielt mich aufrecht in jenem Inferno von Kursk, das die größte Schlacht war, die ich erlebte, und das doch nur ein weiterer Schritt war auf dem langen Weg in den Untergang. Die Schlacht von Kursk dauerte Tage, viele Tage, und sie war kein einzelnes Gefecht, sondern eine endlose Folge von Gefechten, ein unaufhörliches Ringen, das Tag und Nacht nicht abriss. Ich verlor in jenen Tagen jedes Gefühl für die Zeit, denn die Tage und Nächte verschmolzen zu einem einzigen endlosen Inferno aus Feuer und Tod und Erschöpfung. Ich kämpfte und schlief, wenn es eine Atempause gab, kurz, traumlos vor Erschöpfung, und kämpfte wieder, aß, wenn etwas zu essen da war, und trank und kämpfte weiter. Ein Kreislauf des Schreckens, der kein Ende zu nehmen schien. Wir gewannen Boden in jenen Tagen, langsam, mühsam, unter furchtbaren Verlusten. Wir drangen vor in das tiefe Verteidigungssystem des Feindes, Stellung um Stellung. Doch je weiter wir vordrangen, desto erbitterter wurde der Widerstand, desto zäher das Ringen. Ich spürte, dass unsere Kraft sich erschöpfte, dass der Schwung des Angriffs erlahmte, dass wir uns festliefen, dass wir den entscheidenden Durchbruch nicht erzwingen konnten, denn der Feind hatte sich zu gut vorbereitet, hatte seine Stellungen zu tief gestaffelt, und wir bluteten uns an ihnen aus, wie Weiß es vorher gesagt hatte. Es kam in jenen Tagen zu einer gewaltigen Panzerschlacht, der größten, die je geschlagen wurde, wie ich später erfuhr, einem Aufeinanderprallen von Tausenden von Panzern auf engem Raum. Ich war Zeuge dieser Schlacht, soweit ein einzelner Infanterist Zeuge eines solchen Geschehens sein konnte. Der Anblick, der sich mir bot, überstieg jede menschliche Vorstellung, denn das ganze weite Feld war bedeckt mit Panzern, mit kämpfenden und mit brennenden Panzern. Der Lärm war ohrenbetäubend, ein einziges Donnern und Krachen, und der Rauch von Hunderten brennender Maschinen hing wie eine schwarze Decke über dem Schlachtfeld. Durch diesen Rauch zuckten die Mündungsfeuer, und überall brannte es. Der Gestank von verbranntem Öl und Gummi und Fleisch war so dick, dass er einem den Atem nahm. Ich kauerte in einer Deckung am Rande dieses stählernen Mahlstroms und sah dieses Geschehen mit einer Mischung aus Grauen und einer entsetzlichen Ehrfurcht, denn es war, als würden die Götter selbst miteinander ringen, als würden Titanen gegeneinander streiten. Der Mensch, der einzelne Mensch, war nichts in diesem Geschehen, war nur ein Stäubchen, das zermalmt wurde unter den Füßen der kämpfenden Riesen. Und doch, mitten in diesem gewaltigen, unmenschlichen Geschehen, das jedes menschliche Maß sprengte, blieb der einzelne Mensch und sein einzelnes Schicksal das, was mich am tiefsten berührte. Denn ich sah nicht die große Schlacht, ich konnte sie nicht sehen. Ich sah nur die Männer um mich her, meine Kameraden, sah sie kämpfen und sterben. Jeder einzelne Tod war eine Welt, die unterging, eine Geschichte, die endete. Ich erinnere mich an einen Augenblick in jenem Inferno. Da fiel neben mir ein Mann, ein junger Soldat, getroffen, und er fiel mir in die Arme. Ich hielt ihn mitten in der Schlacht, mitten im Donnern der Panzer, und für einen Augenblick war die große Schlacht vergessen, und es gab nur diesen einen sterbenden Menschen in meinen Armen. Ich hielt ihn, bis er starb. Dann legte ich ihn nieder und kämpfte weiter. Ich begriff, dass dies die Wahrheit des Krieges war, nicht die große Schlacht, von der die Geschichtsbücher berichten, sondern der einzelne Tod, der einzelne sterbende Mensch millionenfach. Die großen Schlachten sind nichts als die Summe dieser unzähligen einzelnen Tode, dieser unzähligen untergehenden Welten, und darin liegt die ganze unfassbare Tragödie des Krieges. Die Schlacht von Kursk endete, wie Feldwebel Weiß es vorausgesehen hatte, nicht mit dem Sieg, den man uns versprochen hatte, sondern mit dem Scheitern unserer Offensive. Nach Tagen des erbittersten Ringens, nach ungeheuren Verlusten an Menschen und Material, kam unser Angriff zum Stehen, lief sich tot an den tiefen feindlichen Stellungen. Ehe wir den Durchbruch erzwingen konnten, ging der Feind selbst zum Gegenangriff über mit frischen Kräften, die er zurückgehalten hatte. Nun waren wir es wieder, die zurückweichen mussten, die geschlagen den Rückzug antraten. Die große Offensive, von der man sich die Wende erhofft hatte, endete in einer neuen schweren Niederlage, die unsere Kraft im Osten vollends brach. Ich erinnere mich an die Tage nach dem Scheitern der Offensive, an die dumpfe, erschöpfte Verzweiflung, die über uns lag. Wir hatten alles gegeben, hatten gekämpft bis zur Erschöpfung, hatten so viele Kameraden verloren, und alles war umsonst gewesen, alles vergeblich. Nun mussten wir wieder zurück, weiter nach Westen. Es war, als hätte sich mit dieser Niederlage das Schicksal endgültig gegen uns gewendet, als sei nun jede Hoffnung dahin, jede Möglichkeit einer Wende. Aus unserem Zug, aus unserer Kompanie, war nach Kursk nur noch ein kläglicher Rest übrig. Ich zählte die Gesichter, die mir geblieben waren, und es waren so wenige, dass mir das Herz schwer wurde. Von all den Männern, mit denen ich in den Krieg gezogen war, mit denen ich gekämpft und gelitten hatte, waren nur noch eine Handvoll am Leben. Die anderen lagen verstreut über die weiten Ebenen Russlands in namenlosen Gräbern oder gar ohne Grab. Ich, der ich überlebt hatte, fühlte mich wie ein Übriggebliebener, ein letzter Zeuge eines Sterbens, das kein Ende nahm. Otto lebte, Gott sei Dank, und Feldwebel Weiß, und Josef Lindner und Erich Vogt. Diese vier waren mir geblieben aus dem alten Kreis. Wir hielten zusammen, enger denn je, denn wir waren alles, was wir voneinander geblieben waren. Der Verlust so vieler hatte uns, die Überlebenden, noch fester aneinander geschmiedet. In jenen Tagen nach Kursk, in der Stunde der endgültigen Niederlage, begriff ich mit einer Klarheit, die mich frösteln ließ, dass nun das Ende begonnen hatte. Das lange, bittere Ende, das von nun an nur noch der Rückzug bleiben würde, der lange Weg zurück bis zur Grenze des Reiches und vielleicht noch darüber hinaus. Wir waren geschlagen, endgültig, unwiderruflich. Die einzige Frage, die noch blieb, war die, wie viele von uns das Ende lebend erreichen würden und in welchem Zustand. Ich erinnere mich, dass ich in einer jener Nächte nach der Schlacht, als wir erschöpft in unseren Stellungen lagen und der Rauch der brennenden Panzer noch über dem Schlachtfeld hing, hinaufblickte zu den Sternen, die unbewegt und gleichgültig über all dem Grauen leuchteten. Ich dachte an Karl, der mir einst von der ewigen Schönheit der Sterne erzählt hatte, und an Fritz und an all die anderen, die nicht mehr waren. Ich sprach ein Gebet, ein Gebet ohne Worte, ein stummes Flehen um ein Ende dieses Wahnsinns, um Frieden, um Heimkehr. Ich wusste nicht, ob mein Gebet gehört wurde, ob es einen gab, der es hören konnte. Doch ich sprach es dennoch, denn das Beten war das Letzte, was uns blieb, als alle Hoffnung dahin war. Vielleicht war es auch das Erste, der erste Schritt zurück zu einer Menschlichkeit, die der Krieg uns hatte rauben wollen und die wir doch nicht ganz hatten verlieren wollen. Juli 1943. Die Schlacht ist vorbei. Kursk, die größte, die ich erlebt habe. Tausende von Panzern, ein Meer aus Feuer und Stahl. Ich habe Dinge gesehen, die kein Mensch sehen sollte. Und am Ende die Niederlage. Unsere Offensive ist gescheitert, festgelaufen an den feindlichen Stellungen, wie Weiß es vorher gesagt hat. Wir haben alles gegeben und alles war umsonst. Jetzt geht der Feind selbst zum Angriff über und wir weichen wieder zurück. Ich glaube, das war das Ende. Nicht das Ende des Krieges, aber das Ende jeder Hoffnung auf eine Wende. Von jetzt an gibt es nur noch den Rückzug, den langen Weg zurück. Wir sind geschlagen, endgültig. Von unserem Zug ist nur noch eine Handvoll übrig. Ich zähle die Gesichter und mir wird das Herz schwer. So viele sind fort, über die ganzen Ebenen Russlands verstreut in namenlosen Gräbern. Otto lebt, Weiß, Lindner, Vogt. Diese vier sind mir geblieben aus dem alten Kreis. Wir halten zusammen, enger denn je. Wir sind alles, was uns geblieben ist. In der Nacht nach der Schlacht habe ich zu den Sternen geblickt. Sie leuchten weiter, gleichgültig über all dem Grauen. Ich habe an Karl gedacht, an Fritz, an alle, die nicht mehr sind. Ich habe gebetet ohne Worte um ein Ende dieses Wahnsinns. Ich weiß nicht, ob mich einer hört, aber ich bete dennoch. Es ist das Letzte, was uns bleibt. Vielleicht auch der erste Schritt zurück zum Menschsein. Gott, lass es bald enden. Lass uns heimkommen. Martin.
Kapitel 19 | Der Weg nach Osten – Das Tagebuch des Martin Adler | Hörbuch
6/24/2026


