Der 16-jährige Günther Bruno Lysk wartete auf den Tod. Neben ihm lag sein Kamerad, erschossen von einem sowjetischen Stoßtrupp in der Dunkelheit des märkischen Waldes. Lysk rührte sich nicht, hielt die Waffe umklammert und lauschte auf die eigenen letzten Atemzüge. Der Tod kam nicht in dieser Nacht, Ende April 1945, südlich von Berlin. Was Lysk erlebte, war kein Roman und kein Film. Es war die Hölle auf Erden, eingeschlossen im Kessel von Halbe, einer der blutigsten Katastrophen der letzten Kriegswochen auf deutschem Boden.
60 Kilometer südlich von Berlin, zwischen Kiefern und Sandwegen, spielte sich ein Inferno ab, das bis heute nur wenige kennen. Keine große Stadtschlacht, kein bekannter Name wie Stalingrad oder Berlin. Nur ein Wald, und darin das Sterben von Hunderttausenden. Soldaten ohne Munition, Zivilisten ohne Ausweg, Kinder in Uniformen, die viel zu groß für sie waren. Lysk war einer von ihnen, ein Junge, der gerade erst 16 Jahre alt geworden war, als er in diesen Strudel aus Gewalt und Verzweiflung geriet.
Ende des Jahres 1944 war Deutschland am Ende seiner Ressourcen. Nicht nur an Waffen, Munition und Treibstoff, sondern vor allem an Menschen. Die Wehrmacht hatte Millionen verloren. Das Regime griff nach den letzten, die es noch geben konnte: den Jugendlichen. Günther Lysk war einer von ihnen. Im Januar 1945, gerade 16 geworden, wurde er zum Reichsarbeitsdienst nach Wittstock an der Dosse einberufen. Drei Monate lang lernte er, was man einem Jungen in dieser Zeit beibrachte: Marschieren, gehorchen, aushalten. Keine Waffe, keine Taktik, aber einen harten Körper und einen drillgewohnten Geist.
Am 14. April 1945, als die sowjetische Offensive an der Oder bereits im Gange war, meldete sich Lysk als Kriegsfreiwilliger. Berlin Lichterfelde, die Kaserne der Leibstandarte SS, seit Jahren eine der zentralen Ausbildungsstätten der Waffen-SS. Hier wurde er gemustert, eingekleidet, eingeteilt. Dem Verband Falke zugeteilt, dem letzten Regiment, das die Waffen-SS überhaupt noch aufstellte. 16 Jahre alt, drei Monate Schaufeln als Kriegsvorbereitung, und nun Kriegsteilnehmer. Man schrieb den 14. April. Zwölf Tage später war die 9. Armee eingeschlossen.
Lyks Weg in den Kessel begann knapp 30 Kilometer nordöstlich von Halbe bei Sprenhagen. Das Regiment Falke lag hier an der Front, als die sowjetischen Truppen der ersten weißrussischen und ersten ukrainischen Front die deutschen Linien durchbrachen. Es gab keine geordnete Verteidigung mehr, nur noch Rückzug, Auflösung, Chaos. Lyks erster Befehl in dieser neuen Wirklichkeit war schlicht: Er sollte einen Verwundeten per Schubkarre zu einer Verbandsstelle an der Autobahn bringen. Ein 16-jähriger Junge schob einen blutenden Mann durch zerbombte Wälder.
Er lieferte den Kameraden ab, und als er zurückkam, fand er keinen Verband mehr vor. Er war einer sogenannten Chorbegleitkompanie zugeteilt worden, einer kleinen, schlecht ausgerüsteten Einheit, die die Aufgabe hatte, dem Stab zu folgen. Die Dame, ein schmaler Fluss, der von Süd nach Nord durch die märkische Landschaft fließt, war das nächste Hindernis. Für alle, die ihn erreichten, war er ein Schlaganfall in der Magengrube. Kilometerlange Kolonnen stauten sich an den wenigen Übergängen. Soldaten, Zivilisten, Fuhrwerke mit Kindern, Pferdegespanne, Sanitätswagen.
Wer auf der Straße wartete, riskierte Luftangriffe. Wer unter den Kiefern stand, kam nicht vorwärts. Es gab keine gute Entscheidung, nur weniger schlechte. Lysk hatte keine Decke, nur eine Zeltbahn. Er und der Unteroffizier, dem er zugeteilt war, schliefen an Ort und Stelle ein, sobald sie sich hinsetzten. So erschöpft waren sie. Die Russen haben die Straßen beherrscht, wir die Wälder, erinnerte er sich später. Manchmal hatten wir drei Tage lang gar nichts zu essen. Drei Tage, kein Brot, kein Wasser, keine Rast.

Der Wald um ihn herum war dunkel und voller unbekannter Geräusche. Als Lysk das Dorf Halbe erreichte, war es längst kein Dorf mehr im gewöhnlichen Sinne. Es war ein Knotenpunkt des Sterbens geworden. Straßen verstopft von Fahrzeugen, einige noch rollend, andere brennend. An jeder Kreuzung Überreste von dem, was eine Armee einmal gewesen war. Feldküchen ohne Feuer, Munitionswagen ohne Munition, Soldaten ohne Einheit, Befehle ohne Befehlshaber. Lysk lag auf Posten, 100 Meter von einem Gefechtsstand entfernt. Neben ihm ein Kamerad.
In dieser Nacht schlief der Kamerad ein. Es war ein Fehler, der ihn das Leben kostete. Ein sowjetischer Stoßtrupp bewegte sich lautlos durch die Dunkelheit. Schüsse, dann Stille. Lysk rührte sich nicht. Er lag still, die Waffe in der Hand, und wartete auf den eigenen Tod. Der Tod kam nicht. Was diesen Moment so erschütternd macht, ist die Schlichtheit, mit der er ihn später beschrieb. Kein 𝒹𝓇𝒶𝓂𝒶, keine Heldenpose. Ein 16-jähriger Junge, der gelernt hatte, dass ruhig Bleiben überleben bedeutet.
Am nächsten Morgen in der Dämmerung wagten Lysk und eine Gruppe versprengter Soldaten den nächsten Schritt. Vom Wald nahe des Bahnhofs liefen sie über die Gleise, ein offenes Stück Boden, jede Sekunde sichtbar, jede Sekunde gefährdet. Auf der anderen Seite, hinter der Schule, bildeten die Männer kleine Gruppen. Keine Befehle mehr, keine Hierarchien, nur eine Richtung: Westen. Über eine Wiese liefen sie in den nächsten Wald. Auf einem Platz, den Lysk viele Jahrzehnte später noch genau beschreiben konnte, feuerte eine deutsche Vierlingsflak auf einer Halbkette.
Es war das lauteste, brutalste, hoffnungsloseste Zeichen des Widerstandes, das er je gesehen hatte. Vier Läufe gegen tausende Feinde. Lysk lief weiter im Wald, vorbei an Toten, die im Gehen eingeschlafen schienen, an Verwundeten, die nach Wasser riefen. Männer, die weinten, lautlos, weil sie gelernt hatten, dass Lautsein tötet. Einmal begegneten ihnen Soldaten, die zu gut gekleidet waren, zu sauber für den Wald, zu aufrecht für Männer, die seit Tagen nicht geschlafen hatten. Lysk misstraute ihnen sofort.
Das waren Seydlitzleute, ehemalige deutsche Soldaten, die zur Roten Armee übergelaufen waren und nun in deutschen Uniformen durch den Kessel streiften, um Einheiten in die falsche Richtung zu locken. Er folgte ihnen nicht. Dann kam Radeland. Es war die erste Ortschaft nach dem Wald, die erste Straße, das erste Haus, der erste Beweis, dass es eine Welt jenseits der Kiefern gab. Lysk erreichte das erste Grundstück. Der Hof war verlassen, und in der Einfahrt lag ein toter sowjetischer Panzerfahrer, die Haube noch auf dem Kopf, als hätte er nur kurz innegehalten.

Es war das erste Mal, dass Günther Lysk einen Toten aus unmittelbarer Nähe sah. Er war 16 Jahre alt. Er stieg in den Keller des verlassenen Hauses hinab. Hunger, seit Tagen kein Essen mehr. Im Dunkeln ertastete er Einweckgläser. Er öffnete eines. Süß, klebrig, fruchtartig. Birnen, Pfirsiche, Aprikosen. Er wusste es nicht. Es spielte keine Rolle. Er verschlang den Inhalt. Es war das erste Mal seit Tagen, dass sein Magen nicht leer war. Dieser Moment, ein 16-jähriger Soldat allein in einem verlassenen Keller, ein eingewecktes Glas Obst aus Friedenszeiten in der Hand, draußen Krieg, drinnen der süße Geschmack einer anderen Welt.
Dieser Moment verdichtet etwas, das schwer zu benennen ist. Das Absurde des Krieges, die Zufälligkeit des Überlebens, die Menschlichkeit, die sich in den seltsamsten Momenten zeigt. Günther Lysk überlebte Halbe. Er erreichte die Linien der 12. Armee unter General Walter Wenck, einer von etwa 25.000 Soldaten, die am 1. Mai 1945 bei Belitz ankamen. Er geriet in Gefangenschaft, nicht in sowjetische, sondern in amerikanische, was sein Leben möglicherweise rettete. Die Kameradschaft, von der er später schrieb, half ihm dabei, eine frühzeitige Entlassung durch das Einwirken von Bekannten zu erreichen.
Was folgte, war das Leben in der DDR, der Sowjetzone, der neuen Ordnung. Lysk arbeitete in den Uranbergwerken der Wismut, tief unter der Erde, unter miserablen Bedingungen, radioaktiver Staub in den Lungen, sowjetische Aufseher über sich. Vom Waffen-SS-Mann zum Bergbauingenieur, so lautet der Untertitel seines späteren Buches „Feuertaufe im Kessel von Halbe“. Es klingt fast lakonisch für eine Biographie, die mehr umfasst, als die meisten Leben. Jahrzehnte vergingen. Die DDR bestand, kollabierte und verschwand.
Und Günther Lysk kehrte zurück. Er fuhr nach Radeland, zum ersten Grundstück nach dem Wald, zum verlassenen Hof mit dem Keller. Und die Frau, die jetzt dort wohnte, sie war zu Hause. Sie erinnerte sich an einen Mann, der einmal zu Besuch gekommen war, an eine Bootsfahrt auf dem Tupitzer See, zu der er sie eingeladen hatte, an den Krieg, der in diesem Haus und in dieser Landschaft nie ganz geendet hatte. Ein 16-jähriger Junge hatte im Frühling 1945 in ihrem Keller ein Glas Eingewecktes gegessen und war zurückgekommen, um Danke zu sagen. Nicht für das Glas, sondern dafür, dass es diesen Keller gegeben hatte, diesen Moment, diese kleine stille Insel im Chaos.
Auf dem Waldfriedhof Halbe liegen heute über 20.000 Tote. Günther Lysk ist nicht unter ihnen. Er starb erst viele Jahrzehnte später, ein alter Mann, der die Hölle gesehen hatte und zurückgekehrt war, um davon zu zeugen. Seine Geschichte ist eine von Hunderttausenden, die sich in diesen Tagen im April 1945 in den Kiefernwäldern südlich von Berlin abspielten. Sie ist ein Mahnmal gegen das Vergessen, gegen die Verherrlichung des Krieges, gegen die Gleichgültigkeit gegenüber den Jüngsten, die in den Wahnsinn der Alten hineingezogen wurden.

Der Kessel von Halbe war kein Schlachtfeld im herkömmlichen Sinne. Es war ein Kessel des Grauens, in dem sich Soldaten und Zivilisten, Alte und Junge, Männer und Frauen auf der Flucht vor der Roten Armee befanden. Die sowjetischen Truppen hatten die 9. Armee eingekreist, und der einzige Ausweg führte durch die Wälder und Sümpfe zwischen Halbe und Baruth. Tausende starben an Erschöpfung, Hunger, Kugeln oder Granaten. Die Luftangriffe der Roten Armee verwandelten die Wälder in brennende Hölle.
Günther Lysk erlebte all dies. Er sah Kameraden sterben, hörte die Schreie der Verwundeten, roch den Rauch der brennenden Dörfer. Er überlebte, weil er still lag, als der Tod neben ihm vorbeiging. Er überlebte, weil er einem Instinkt folgte, der stärker war als die Angst. Er überlebte, weil er in einem Keller ein Glas Obst fand, das ihm die Kraft gab, weiterzugehen. Seine Geschichte ist ein Zeugnis der Zufälligkeit des Überlebens, der Willkür des Krieges, der Grausamkeit der letzten Kriegswochen.
Der Kessel von Halbe ist bis heute ein Symbol für das sinnlose Sterben am Ende des Zweiten Weltkriegs. Während die Führung in Berlin noch von Durchhalteparolen sprach, verbluteten die letzten Verteidiger in den Wäldern. Die 9. Armee, die eigentlich Berlin hätte entsetzen sollen, wurde selbst vernichtet. Von den etwa 200.000 Soldaten und Zivilisten, die im Kessel eingeschlossen waren, überlebten nur etwa 25.000. Der Rest starb in den Wäldern, auf den Straßen, in den Dörfern.
Günther Lysk war einer der wenigen, die entkamen. Er trug die Erinnerungen an diese Tage für den Rest seines Lebens mit sich. In seinem Buch „Feuertaufe im Kessel von Halbe“ schrieb er nieder, was er gesehen hatte. Keine Heldenepen, keine pathetischen Worte. Nur die nackte Wahrheit eines 16-Jährigen, der in den Krieg geschickt wurde und die Hölle überlebte. Seine Worte sind ein Dokument der Menschlichkeit inmitten der Unmenschlichkeit, ein Aufruf, die Erinnerung wachzuhalten.
Heute, fast 80 Jahre später, sind die Wälder von Halbe wieder still. Die Kiefern sind nachgewachsen, die Gräber sind gepflegt. Aber die Geschichten derer, die dort starben und überlebten, sind nicht vergessen. Günther Lysk ist nicht mehr unter uns. Aber seine Stimme hallt nach, in den Zeilen seines Buches, in den Erinnerungen derer, die ihn kannten, in der Landschaft, die Zeuge seines Leidens war. Der Kessel von Halbe ist ein Ort der Trauer, aber auch ein Ort der Mahnung. Möge die Welt nie wieder solche Hölle erleben.


