Die Stadt stand in Flammen, als wir sie erreichten, eine schwarze Säule aus Rauch und Tod, die den Himmel verschlang und die Sonne in ein fahles, krankes Licht tauchte. Smolensk, die alte russische Stadt am Dnjepr, brannte lichterloh, und wir marschierten hinein in dieses Inferno, ohne zu wissen, ob wir je wieder herauskommen würden. Es war der 2. August 1941, und was ich an diesem Tag und in den folgenden Nächten erlebte, hat sich in mein Gedächtnis gebrannt wie glühendes Eisen.
Schon von weitem kündigte sich die Stadt an durch ein ungeheures Tosen, das aus dem Krachen der Artillerie, dem Hämmern der Maschinengewehre und einem dumpfen, unaufhörlichen Grollen bestand, das wie ein ewiges Gewitter über dem Land lag. Dazwischen, in den seltenen Atempausen des Geschützfeuers, hörte man das Knistern und Prasseln der Brände, das von der Stadt herüberscholl wie das Atmen eines riesigen, gefräßigen Tieres. Ich dachte an Napoleon, der einst auf seinem Weg nach Moskau durch diese Stadt gezogen war, und an seinen unseligen Rückzug im russischen Schnee. Ich fragte mich im Stillen, ob es uns nicht ebenso ergehen würde, doch solche Gedanken behielt ich für mich, denn Vergleiche dieser Art zog man nicht laut.
Als wir in die Außenbezirke der Stadt einrückten, bot sich uns ein Anblick, der jede Vorstellung von Zerstörung übertraf, die ich bis dahin gehegt hatte. Die brennenden Dörfer, die wir gesehen hatten, waren ein Nichts gewesen gegen dieses Inferno einer ganzen Stadt im Feuer. Ganze Straßenzüge standen in Flammen, die Häuser waren ausgebrannte Skelette aus geschwärztem Mauerwerk, durch deren leere Fensterhöhlen der rote Schein der inneren Brände loderte. Die Hitze, die uns aus diesen brennenden Schluchten entgegenschlug, war so gewaltig, dass wir die Straßenseite wechseln mussten und die Gesichter mit den Händen schützten. Der Rauch hing dicht in den Gassen, sodass wir kaum die Hand vor Augen sahen, und wir husteten und würgten, und die Tränen liefen uns über die rußigen Wangen.
Überall lagen Trümmer, geborstene Mauern, umgestürzte Fuhrwerke, ausgebrannte Fahrzeuge. Und zwischen den Trümmern lagen die Toten, deutsche und russische Soldaten, und zuweilen auch Zivilisten, alte Menschen, die nicht mehr hatten fliehen können. Ich wandte den Blick ab und konnte ihn doch nicht abwenden, denn der Schrecken übte eine furchtbare Anziehung aus, die ich nicht zu überwinden vermochte. Wir wurden vorgezogen durch diese Hölle, immer tiefer in die Stadt hinein, vorbei an Stellungen unserer eigenen Truppen, die sich in den Trümmern verschanzt hatten, vorbei an Geschützen, die in kurzen Abständen feuerten und deren Mündungsfeuer grell durch den Rauch zuckte.
Leutnant Becker führte uns mit gezogener Pistole, und sein Gesicht war eine starre Maske, in der ich die Anstrengung las, die es ihn kostete, die Fassung zu bewahren. Feldwebel Weiß ging dicht hinter uns und trieb die Nachzügler an und hielt uns zusammen. Immer wieder rief er einzelne Namen, prüfte, ob noch alle da waren, denn in diesem Chaos aus Rauch und Lärm und Feuer war es ein Leichtes, den Anschluss zu verlieren und sich zu verirren in den brennenden Gassen, aus denen es vielleicht kein Zurück gab. Ich hielt mich dicht an Otto, und wir wechselten kein Wort, denn es gab keine Worte für das, was wir sahen. Wir marschierten weiter in die brennende Stadt hinein, dem Lärm des Gefechts entgegen, das irgendwo vor uns im Herzen von Smolensk tobte.
Ich spürte, wie die Angst in mir aufstieg, eine kalte, würgende Angst, die mir die Kehle zuschnürte, denn ich ahnte, dass uns dort, wo das Feuer am dichtesten war, etwas erwartete, das schlimmer war als alles, was wir bisher durchgemacht hatten. Der Häuserkampf, von dem die alten Soldaten mit gesenkter Stimme sprachen, als von der furchtbarsten Art des Krieges. Was dann kam, hat sich mir eingebrannt in einer Weise, die kein Vergessen kennt. Ich habe später oft gehört, dass der Häuserkampf die grausamste Form des Krieges sei, und ich kann aus eigener bitterer Erfahrung bezeugen, dass es so ist. In den Trümmern einer Stadt verliert der Krieg jene letzte Ordnung, die ihm im offenen Feld noch eigen ist, und wird zu einem Gemetzel auf engstem Raum, Mann gegen Mann, Haus gegen Haus, Zimmer gegen Zimmer.
Der Tod lauert hinter jeder Mauer, in jedem Fenster, in jedem Kellerloch, und man erblickt den Feind oft erst, wenn es bereits zu spät ist. Wir kämpften uns vor durch eine Straße, deren Häuser teils noch standen und teils in Trümmern lagen. Der Feind hatte sich in den oberen Stockwerken und in den Kellern eingenistet und feuerte auf uns aus dem Hinterhalt. Wir konnten nicht sehen, woher die Schüsse kamen, hörten nur das peitschende Krachen und das Klatschen der Einschläge in das Mauerwerk um uns herum. Wir warfen uns in Hauseingänge und hinter Trümmerhaufen und feuerten zurück auf Fenster, in denen wir einen Schatten zu erkennen glaubten, oft ohne zu wissen, ob wir trafen oder ins Leere schossen.

Erich Vogt hatte sein Maschinengewehr in einem Hauseingang in Stellung gebracht und hielt die Fenster der gegenüberliegenden Häuser unter Feuer, sodass wir unter seinem Schutz vorrücken konnten. Das Hämmern der Waffe, das Rasseln der Gurte, der beißende Pulverqualm, das alles vermischte sich zu einem einzigen Rausch des Schreckens, in dem ich kaum noch dachte, sondern nur noch handelte, wie ein Tier handelt, das um sein Leben kämpft. Wir nahmen ein Haus, ich weiß nicht mehr, wie es fiel, indem wir die Tür aufsprengten und Handgranaten in die Räume warfen und dann hineinstürmten in den Rauch und den Staub.
Ich erinnere mich an eine Szene in jenem Haus, die mich noch in meinen Träumen heimsucht. An einen jungen russischen Soldaten, der hinter einem umgestürzten Schrank kauerte und auf mich zielte. Ich sah ihn eine Sekunde, ehe er mich sah, und ich drückte ab, ehe er es tat. Er fiel zurück gegen die Wand und rutschte langsam zu Boden. Sein Gesicht, das mir in jenem Augenblick zugewandt war, das Gesicht eines Jungen, kaum älter als ich, mit weit aufgerissenen Augen, voll Erstaunen und Schmerz, dieses Gesicht hat mich seither nicht mehr verlassen. Ich hatte zuvor wohl Menschen getötet in dem blinden Feuern an der Brücke, in dem wirren Gefecht. Doch nie hatte ich einem Menschen ins Gesicht gesehen, während ich ihn tötete. Nie hatte ich diesen einen bestimmten Menschen aus der Nähe erblickt, sein Leben und sein Sterben.
Ich stand über ihm und konnte mich nicht rühren, bis Otto mich am Arm packte und weiterzerrte, denn es war keine Zeit, und der Kampf ging weiter, von Raum zu Raum, von Haus zu Haus. Ich folgte ihm wie ein Schlafwandler, und in mir war etwas zerbrochen, das ich nie wieder ganz fügen sollte. Den ganzen Tag und bis tief in die Nacht hinein währte dieser Kampf, und wir gewannen Meter um Meter, Haus um Haus. Der Preis war furchtbar, denn aus unserem Zug fielen an jenem Tag mehr Männer als in allen Gefechten zuvor zusammen. Ich sah Kameraden fallen, die ich gekannt und lieb gewonnen hatte, sah sie stürzen in den Trümmern und liegen bleiben. Es gab keine Zeit, um sie zu trauern, keine Zeit, um auch nur inne zu halten, denn der Befehl trieb uns vorwärts, immer vorwärts durch das Feuer und den Rauch und das Sterben.
Feldwebel Weiß kämpfte unter uns wie ein Löwe und war doch überall zugleich, riss die Zögernden mit, deckte die Verwundeten, gab Befehle mit jener kalten, klaren Stimme, die selbst in diesem Inferno nicht versagte. Ich begriff in jener Nacht, dass dieser Mann es war, der uns am Leben hielt, der aus einem Haufen verängstigter Jungen eine kämpfende Truppe machte. Ich hängte mich an ihn wie an einen Fels in der Brandung. Gegen Morgen, als das erste graue Licht durch den Rauch zu dringen begann, hatten wir unseren Abschnitt der Stadt genommen. Wir kauerten erschöpft in einem ausgebrannten Haus, schwarz von Ruß, taub dem Lärm, leer im Inneren wie ausgebrannte Hülsen.
Keiner sprach. Ich saß an eine Wand gelehnt und starrte vor mich hin und sah immer wieder das Gesicht des jungen Russen. Ich fragte mich, was aus mir geworden war in dieser einen Nacht. Als das Gefecht in unserem Abschnitt verstummt war und nur noch in der Ferne am anderen Ende der Stadt das Grollen weiterklang, begann jene andere stille Arbeit, die dem Kampf folgte wie der Schatten dem Licht: das Bergen und Versorgen der Verwundeten. Ich wurde mit anderen abkommandiert, Josef Lindner zur Hand zu gehen, denn der Sanitäter allein vermochte die Menge der Verletzten nicht zu bewältigen.

So lernte ich an jenem Morgen eine Seite des Krieges kennen, die mir bis dahin verborgen geblieben war: das lange, schwere Leiden derer, die der Tod nicht sogleich genommen hatte, sondern die zwischen Leben und Sterben dahinschwebten, oft stundenlang in einer Qual, die zu lindern in unserer Macht nur wenig stand. Wir trugen sie zusammen aus den Trümmern, aus den Kellern, aus den Hauseingängen, in denen sie sich verkrochen hatten, und legten sie nebeneinander in einem halbwegs erhaltenen Gebäude, das Lindner zum Verbandplatz bestimmt hatte. Ich sah Wunden, von denen ich nicht gewusst hatte, dass ein menschlicher Körper sie ertragen und dabei noch leben konnte: zerschmetterte Glieder, aufgerissene Leiber, Gesichter, die keine Gesichter mehr waren.
Das Stöhnen und Wimmern und zuweilen das gellende Schreien dieser Männer erfüllte den Raum und drang mir bis ins Mark. Ich biss die Zähne zusammen und tat, was zu tun war, hielt die Verbände, reichte das Wasser, hielt die Hände derer, die nach einer Hand verlangten. Josef Lindner arbeitete in jenen Stunden mit einer Ruhe und einer Geschicklichkeit, die mir wie ein Wunder erschien. Er war kein ausgebildeter Arzt, sondern nur ein einfacher Sanitäter, ein stiller, sanfter Mensch, der vor dem Krieg in einem Krankenhaus als Pfleger gearbeitet hatte. Doch er verband und schiente und stillte das Blut mit Händen, die nicht zitterten, und er sprach dabei unablässig mit leiser, beruhigender Stimme zu den Verwundeten, nannte sie bei Namen, log ihnen vor, dass es nicht so schlimm sei, dass sie durchkommen würden, dass sie bald nach Hause führen.
Seine Worte waren oft das Letzte, was ein Sterbender hörte, eine sanfte Lüge, die ihm den Übergang erleichterte. Einmal kniete ich neben ihm bei einem Mann, dessen Leib so zerrissen war, dass selbst ich in meiner Unkenntnis erkannte, dass keine Hoffnung mehr war. Lindner gab ihm eine Spritze gegen den Schmerz und hielt seine Hand und redete ihm zu. Ich fragte ihn später, als der Mann gestorben war, wie er das ertrage, Tag um Tag. Er sah mich an mit seinen müden, traurigen Augen und sagte, er ertrage es nicht. Er tue es nur. Und das sei nicht dasselbe. Diese Antwort habe ich nie vergessen, denn sie enthielt eine Wahrheit über uns alle in jenem Krieg: dass wir vieles nicht ertrugen und dennoch taten.
Unter den Verwundeten war auch ein Mann aus unserem eigenen Zug, ein junger Bursche namens Hennig, mit dem ich manche Nacht Wache geteilt hatte. Ihm hatte ein Granatsplitter den Bauch aufgerissen, und er lag da kreideweiß, mit gebrochenen Augen, und hielt mit beiden Händen die Wunde, aus der sein Leben rann. Er erkannte mich und rief meinen Namen, und ich kniete bei ihm nieder und nahm seine kalte Hand. Er bat mich, seiner Mutter zu schreiben, wenn er es nicht überstehe, und mir die Anschrift zu merken. Er sagte sie mir vor, eine kleine Straße in einer Stadt in Thüringen, und ich wiederholte sie immer wieder, damit er sehe, dass ich sie behielt. Er nickte und schloss die Augen und starb eine Stunde später, ruhig, ohne ein weiteres Wort.
Ich habe seiner Mutter geschrieben, Wochen danach, als wir wieder zur Ruhe kamen, einen kurzen, ungeschickten Brief, in dem ich log, dass ihr Sohn schnell und ohne Schmerzen gefallen sei. Es war meine erste solche Lüge, doch nicht meine letzte, denn ich lernte, dass es eine Pflicht der Lebenden ist, den Toten in den Augen ihrer Liebsten einen guten Tod zu schenken, gleichviel, wie schwer der wirkliche gewesen war. In den Tagen, die auf die Eroberung unseres Stadtabschnitts folgten, lag eine merkwürdige Leere über uns. Eine Erschöpfung, die tiefer ging als die bloße Müdigkeit des Körpers. Wir hatten gesiegt, so hieß es, die Stadt war genommen oder doch beinahe genommen, und der große Kessel von Smolensk hatte dem Feind ungeheure Verluste zugefügt.

Doch in mir, und wie ich an den Gesichtern der anderen erkannte, auch in ihnen, war von Siegesfreude nichts zu spüren, sondern nur eine dumpfe, ausgebrannte Stumpfheit, als hätte der Kampf nicht nur den Leib, sondern auch die Seele leergeschöpft. Wir hatten Quartier bezogen in einem der wenigen unversehrt gebliebenen Häuser am Rande der Stadt, und wir lagen herum in den Räumen, schliefen, aßen, putzten die Waffen mit mechanischen Bewegungen, und wir sprachen wenig. Wenn wir sprachen, dann über belanglose Dinge, über das Essen, über das Wetter, niemals über das, was wir durchgemacht hatten, denn darüber zu sprechen, das hätte bedeutet, es noch einmal zu durchleben. Das vermochte keiner von uns.
Ich saß oft am Fenster und blickte hinaus auf die rauchende Stadt, über der noch immer die schwarze Wolke hing, und ich versuchte zu begreifen, was geschehen war. Ich versuchte, den jungen Russen aus meinem Gedächtnis zu verbannen, dessen Gesicht mich verfolgte, und es gelang mir nicht. Ich begriff, dass es mir nie mehr ganz gelingen würde. Feldwebel Weiß bemerkte wohl, wie es um uns stand, denn er war ein Menschenkenner. Er wusste, dass ein Soldat nach einem solchen Gefecht eine Zeit braucht, um wieder zu sich zu finden. Er ließ uns gewähren in jenen Tagen, drängte uns nicht, verlangte nur das Notwendigste.
Einmal, als er mich am Fenster sitzen und in die Ferne starren sah, setzte er sich zu mir und reichte mir eine Zigarette. Obwohl ich sonst nicht rauchte, nahm ich sie und rauchte sie mit ihm. Er sagte nach einer Weile, ohne mich anzusehen, dass das erste Mal das Schwerste sei, dass man nie darüber hinwegkomme, aber dass man lerne, damit zu leben, dass man es in sich verschließe, wie in einer Kammer, deren Tür man nur selten öffne, und dass dies das Einzige sei, was ein Mensch tun könne, um nicht daran zu zerbrechen. Ich fragte ihn, ob es ihm auch so gegangen sei beim ersten Mal. Er schwieg lange und sagte dann nur, dass er nicht mehr wisse, wann sein erstes Mal gewesen sei. In diesem Schweigen und dieser knappen Antwort lag eine ganze Geschichte von Jahren des Tötens und Überlebens, die mich erschauern ließ und die mir zugleich zeigte, was aus einem Menschen werden konnte, wenn der Krieg lange genug an ihm zerrte.
Otto saß in jenen Tagen viel bei mir, und wir fanden Trost in der bloßen Gegenwart des anderen, denn es bedurfte zwischen uns keiner Worte mehr. Wir hatten dasselbe gesehen, dasselbe getan, dasselbe gelitten, und diese geteilte Last war es, die uns enger zusammenschweißte, als alle Worte es vermocht hätten. Ich begriff in jenen Tagen, was Kameradschaft im tiefsten Sinne bedeutet: dass sie nämlich nicht in den fröhlichen Stunden entsteht, sondern in den dunklen, dass zwei Menschen, die gemeinsam durch die Hölle gegangen sind, einander gehören auf eine Weise, die kein anderes Band der Welt zu knüpfen vermag. Am Abend des dritten Tages kam der Befehl, dass wir am Morgen weiterziehen würden, fort aus Smolensk, weiter nach Osten.
Obwohl uns dies neue Strapazen und neue Gefahren verhieß, empfand ich beinahe etwas wie Erleichterung. Denn diese tote, brennende Stadt mit ihren Trümmern und ihren Toten lastete auf mir wie ein Albtraum, und ich sehnte mich danach, sie hinter mir zu lassen, als könnte ich mit ihr auch die Erinnerung zurücklassen, was ich freilich nicht konnte, denn die Erinnerung trägt man mit sich, gleich wie weit man auch geht. Smolensk zog mit mir als ein Schatten unter den Schatten, die ich von nun an für immer mit mir trug. Der 2. August 1941 war der Tag, an dem ich lernte, dass der Krieg nicht nur Körper zerstört, sondern auch Seelen, und dass die Narben, die er hinterlässt, niemals vollständig verheilen. Wir verlassen Smolensk morgen früh, und ich schreibe das, während ich spüre, wie etwas in mir nach dem Trost sucht, den es nicht geben kann.


