„Hinter dem Tiger wartet nur der Tod“ – Die Hölle der Infanterie in Kursk 1943

„Hinter dem Tiger wartet nur der Tod“ – Die Hölle der Infanterie in Kursk 1943

Die Sonne über der südrussischen Steppe ist am 5. Juli 1943 nur noch ein schmutziger grauer Fleck, erstickt in einer Wand aus Staub, Cordit und beißendem Rauch. Die Luft, die ich einatme, brennt in meiner Lunge, als hätte ich Sand statt Sauerstoff in mich aufgesogen, und vor mir walzt dieses ungeheure Gebilde aus Stahl, der Tiger, mit einem Dröhnen voran, das mir durch die Stiefelsohlen bis in die Zähne fährt. Ich bleibe dicht an seiner rechten Heckseite, gebückt, das Gewehr quer vor der Brust, denn ich habe gelernt, dass der Abstand zwischen mir und dieser Tonne aus Kruppstahl mein einziger Schutz vor den Granatsplittern ist, die seit Minuten irgendwo vor uns einschlagen. Schweiß läuft mir in Strömen über die Stirn und brennt in den Augen, vermischt mit dem feinen schwarzen Dreck, der von der Kette aufgewirbelt wird, und ich kann das Gesicht meines Nachbarn, des Obergrenadiers Brand, kaum noch erkennen, weil eine graue Kruste aus Staub und Schweiß seine Züge überzieht wie eine zweite Haut.

Irgendwo rechts von uns kreischt ein Geschoss heran, dieses fürchterliche, ansteigende Sirren, das sich in den Kopf bohrt, noch bevor man begreift, was es bedeutet. Ich werfe mich instinktiv zur Seite, das Gesicht in den staubigen Stoppelboden gepresst, während die Druckwelle über mich hinwegfegt und mir die Mütze vom Kopf reißt. Die Erde bebt, Erdbrocken und glühende Splitter prasseln auf meinen Rücken, und für einen Moment höre ich gar nichts mehr, nur ein hohes Pfeifen in den Ohren, als hätte mir jemand mit einem Hammer gegen den Schädel geschlagen. Ich rapple mich hoch, taste nach dem Gewehr, das mir aus der Hand gerutscht ist, und sehe, dass der Tiger neben uns weiterrollt, unbeindruckt, als wäre nichts geschehen, während links von mir ein Schrei losbricht, der mir das Blut in den Adern gefrieren lässt.

Es ist der junge Wessel, kaum 18 Jahre alt, der sich am Boden windet, beide Hände gegen den Unterleib gepresst, und das Blut quillt durch seine Finger, dunkel und viel, viel zu viel. Ich weiß in diesem Moment schon, dass es zu spät ist, aber ich krieche trotzdem zu ihm hin, weil man das tut, weil man einen Kameraden nicht einfach liegen lässt, auch wenn man genau weiß, dass es nichts mehr nützt. Der Sanitäter ist irgendwo hinten bei der zweiten Welle, viel zu weit weg, und ich presse meine Hand auf seine, drücke so fest ich kann, während er mich anstarrt mit Augen, die schon glasig werden, und etwas murmelt, das ich nicht verstehe. Vielleicht den Namen seiner Mutter, vielleicht ein Gebet, ich weiß es nicht. Und dann erschlafft sein Körper einfach so mitten im Wort.

Ich bleibe einen Atemzug zu lange bei ihm, starre auf das, was von seinem Bauch übrig ist, und dann reißt mich ein Brüllen aus der Starre, Feldwebel Hoffmanns Stimme, rau und heiser vom Staub. Weiter, vorwärts. Nicht stehen bleiben, ihr Hunde, sonst holt euch der nächste Schuss auch noch. Ich lasse Wessel liegen, weil ich muss, weil es keine andere Wahl gibt, und renne gebückt zurück zur Deckung des Panzers, der schon ein Stück weiter gerollt ist, sodass ich ihm nachlaufen muss, die Lungen schon brennend, die Beine schwer wie Blei in diesem zähen schwarzen Ackerboden der südrussischen Steppe, der sich bei jedem Schritt um die Stiefel klebt. Der Geruch hier ist etwas, das ich nie wieder loswerden werde, das weiß ich schon jetzt mitten im Geschehen. Verbranntes Gummi, heißes Öl, Cordit, der süßliche, fauligkeitsähnliche Gestank von aufgerissenem Fleisch, und über allem der trockene, beißende Staub der Steppe, der sich auf die Zunge legt und sie pelzig macht.

Wir sind seit den frühen Morgenstunden des 5. Juli unterwegs, seit dem Augenblick, da die Pioniere die ersten Gassen durch die Minenfelder gesprengt haben, mit diesen Bambusrohren voller Sprengstoff. Und seitdem ist nichts mehr, wie es vorher war. Vor uns, irgendwo zwischen dem Dorf Cherkasskoe und den sanften Hügeln zum Penafluss hin, liegt ein Netz aus Gräben und Schützenlöchern, das die Russen in den Monaten zuvor angelegt haben müssen, denn es scheint, als hätten sie jeden einzelnen Quadratmeter dieses Bodens vermint und mit Pakfronten gespickt, jenen tückischen, in der Tiefe gestaffelten Reihen von Pakgeschützen, die aufeinander abgestimmt das Feuer eröffnen, sodass ein Panzer, der dem ersten Geschütz ausweicht, sofort im Feuerbereich des nächsten landet. Der Tiger vor mir bleibt plötzlich stehen mit einem mechanischen Ruck, der mir sofort Unbehagen einjagt, weil ein stehender Panzer ein totes Ziel ist, ein riesiges fettes Ziel für jede Pakstellung, die sich in den Kornfeldern oder hinter den Gehöften versteckt hält.

Ich werfe mich neben die Kette, presse mich an die heiße Stahlflanke, die durch die Sonne und die laufenden Motoren so heiß geworden ist, dass ich die Hitze durch meine Uniformjacke hindurchspüre, und spähe vorsichtig nach vorn. Da, etwa 300 Meter entfernt im hohen Gras versteckt, blitzt es auf, ein gelber Lichtblitz, gefolgt von einem dumpfen Knall, und ich höre das metallische Klirren, mit dem das Geschoss gegen die Frontpanzerung unseres Tigers prallt. Ein Funkenregen, ein Aufschrei aus dem Inneren des Panzers, aber er steht noch. Die Frontpanzerung hat gehalten. Gott verdammtes Glück. Denn wäre der Treffer eine Handbreit weiter unten gelandet, an der Wanne, wer weiß, was geschehen wäre. Der Turm des Tigers dreht sich mit diesem charakteristischen elektrischen Surren, langsam, viel zu langsam, wie es mir in diesem Moment vorkommt, während mein Herz so heftig gegen die Rippen schlägt, dass ich es in den Ohren spüre.

Und dann feuert die 88-mm-Kanone mit einem Donnerschlag, der mir die Luft aus der Brust presst und meine Trommelfelle schmerzen lässt. Die Druckwelle des eigenen Geschützes ist beinahe ebenso brutal wie ein einschlagender Granatschuss, und ich sehe, wie 100 Meter weiter eine Stichflamme aufschießt, dort wo eben noch die sowjetische Kanone gestanden hat, und ein Stück Metall, vielleicht ein Rad, vielleicht ein Geschützrohr, durch die Luft segelt. Doch die Freude über diesen Treffer währt nur eine Sekunde, denn aus einer anderen Richtung, von links, aus einem Gehölzstreifen, der wie eine dunkle Narbe in der flachen Landschaft liegt, bricht erneutes Feuer los, und diesmal trifft es nicht den Tiger, sondern den Schützenpanzer hinter uns, der mit einem ohrenbetäubenden Krachen explodiert. Ich werfe mich flach auf den Boden, die Hände über dem Kopf, während Metallteile und brennende Trümmer um mich herum auf die Erde klatschen.

Einer der Splitter trifft meinen Stahlhelm mit einem hellen, klingenden Schlag, der meinen Kopf nach vorn reißt und mir für Sekunden Sternchen vor Augen tanzen lässt. Ich taste nach meinem Helm, ob er noch da ist, ob mein Schädel noch ganz ist, und finde eine tiefe Kerbe im Stahl, genau über der linken Schläfe. Mir wird in diesem Moment eiskalt bewusst, wie nahe der Tod gerade an mir vorbeigegangen ist, so nahe, dass ich beinahe seinen Atem gespürt habe. Brand liegt neben mir, schreit etwas, das ich wegen des Pfeifens in meinen Ohren kaum verstehe, etwas von Pakfront, etwas von links. Und ich krieche zu ihm hin, presse mein Ohr fast an seinen Mund, um die Worte zu verstehen. Da vorne, schreit er, drei Geschütze, vielleicht vier, eingegraben hinter dem Maisfeld. Sie haben den Schützenpanzer erwischt. Alle tot, alle Mann tot.

Ich wage einen Blick über den Rand der Kette, riskiere meinen Kopf für eine Sekunde und sehe das brennende Wrack des Schützenpanzers, aus dem niemand mehr herauskommt. Schwarzer öliger Rauch quillt aus den Lüftungsschlitzen, und der Gestank von verbranntem Fleisch mischt sich jetzt mit allem anderen, kriecht mir in die Nase, in den Rachen, lässt mir die Galle hochsteigen. Ich habe Hunger seit Stunden schon, einen nagenden leeren Hunger, weil die letzte Verpflegung vor dem Morgengrauen war, dünner Kaffeeersatz und trockenes Kommissbrot. Aber jetzt, angesichts dieses Gestanks, wird mir eher übel als hungrig, und ich schlucke krampfhaft, um nicht zu erbrechen. Denn ein Mann, der sich hier mitten im Feuer übergibt, ist ein Mann, der die nächste Sekunde verpasst, in der er sich entscheiden muss, wohin er rennt, wo er Deckung sucht.

Der Zugführer, Leutnant Reinecke, ein junger Offizier aus Hannover, der seit Beginn der Offensive kaum geschlafen zu haben scheint, robbt zu uns heran, das Gesicht von Pulverdampf geschwärzt, und brüllt Befehle, die im Lärm der Motoren und der entfernten Nebelwerferschläge nur in Fragmenten bei mir ankommen. Wir sollen die Pakstellungen umgehen, von rechts durch die Senke, während der Tiger weiter frontal vorrückt und das Feuer auf sich zieht. Das ist der Plan. Das ist immer der Plan. Der schwere Panzer als Rammbock an der Spitze des Keils, die leichteren Fahrzeuge und die Infanterie zu Fuß als bewegliches Element, das die Flanken sichert und die Geschütze ausschaltet, die dem Panzer zu nahe kommen, um von dessen starker Frontpanzerung abgewiesen zu werden. Ich erhebe mich in gebückter Haltung, das Gewehr fest umklammert, die Handflächen schweißnass, und folge Brand und drei anderen Männern aus unserem Zug in die flache Senke, die sich zwischen den Feldern hindurchzieht, gedeckt von hohem vertrocknetem Gras, das gegen meine Hände und das Gesicht streift wie tausend kleine Klingen.

Die Hitze ist mittlerweile unerträglich geworden, denn die Sonne steht hoch über uns, irgendwo zwischen 11 und 12 Uhr, das kann ich an ihrer Position erahnen. Der Schweiß durchtränkt mein Hemd unter der Feldbluse vollständig, klebt mir an der Haut, während der Staub, der sich überall darauf legt, kleine juckende Krusten bildet, besonders im Nacken und an den Handgelenken. Meine Zunge ist trocken wie Pergament, die Feldflasche fast leer, und ich erlaube mir nur einen winzigen Schluck, lauwarm und nach Metall schmeckend, weil ich nicht weiß, wie lange wir noch ohne Nachschub auskommen müssen. Vor uns, vielleicht 150 Meter entfernt, taucht eine flache Bodenwelle auf, hinter der sich, wie Brand richtig vermutet hat, eine sowjetische Pakstellung verbirgt, halb in die Erde eingegraben, mit Tarnnetzen aus Stroh und Zweigen überdeckt, sodass man sie aus der Entfernung fast für einen natürlichen Hügel halten könnte.

Wir kriechen näher, Zentimeter für Zentimeter. Das Herz so laut schlagend, dass ich fürchte, sie könnten es hören, obwohl das natürlich Unsinn ist bei diesem Lärm der Schlacht, aber die Angst macht solche absurden Gedanken. Das habe ich in den letzten Tagen gelernt. Mein Gewehr, der Karabiner 98 Kurz, der mir seit Monaten wie ein Teil meines eigenen Körpers vorkommt, liegt schussbereit in meinen Händen, der Sicherungsflügel schon umgelegt, der Finger locker am Abzugsbügel, bereit, aber nicht zu fest, denn ein zitternder Finger am Abzug bedeutet einen verschwendeten Schuss. Und einen verschwendeten Schuss kann ich mir hier nicht leisten. Wir sind zu viert, Brand links von mir, die beiden anderen, Gefreiter Lambrecht und der etwas ältere Unteroffizier Krause, rechts, und wir bewegen uns im Zickzack, immer in Bodenwellendeckung suchend, wie wir es im Manöver auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr trainiert haben. Nur dass es dort niemals echte Granaten waren, die einschlugen, und niemals echtes Blut, das in den Sand sickerte.

Plötzlich peitscht ein Schuss, dann ein zweiter, und Lambrecht stößt einen erschrockenen Laut aus, wirft sich zur Seite, aber es ist kein Treffer, nur ein Querschläger, der gefährlich nahe an seinem Kopf vorbeigepfiffen ist. Für einen Moment bleibt er wie erstarrt liegen, das Gesicht kalkweiß unter dem Staub, bevor Krause ihn anbrüllt, weiterzukriechen. Jetzt keine Zeit für Schreckstarre. Ich spüre, wie meine eigenen Hände zittern, ein feines, unkontrollierbares Beben, das ich seit dem ersten Gefechtstag nicht mehr loswerde, besonders in den Momenten der Stille zwischen den Einschlägen, wenn der Körper für einen Atemzug zur Ruhe kommen will, aber die Anspannung es nicht zulässt. Ich bin 19 Jahre alt, komme aus einem kleinen Ort in der Nähe von Pirmasens, mein Vater betreibt dort eine Schreinerei, und ich habe niemals gedacht, dass ich einmal in einem südrussischen Kornfeld liegen würde mit dem festen Vorsatz, einen anderen Menschen zu töten, bevor er mich tötet. Aber genau das ist jetzt meine einzige Aufgabe, mein einziger Gedanke, der alles andere verdrängt hat, sogar die Erinnerung an das Gesicht meiner Mutter, das ich seit Tagen nicht mehr klar vor mir sehen kann. So sehr hat sich der Krieg in meinen Kopf gefressen.

Wir erreichen schließlich eine Position, von der aus wir die Flanke der Pakstellung einsehen können. Krause gibt mit der Hand das Zeichen zum Feuer. Drei erhobene Finger, dann eine Faust, das Signal, auf das wir gewartet haben. Ich richte mein Gewehr auf die Gestalt, die ich am Geschütz erkennen kann, einen Mann in kakefarbener Uniform, der gerade eine neue Granate in den Verschluss schiebt. Und ich ziele, wie man es mir beigebracht hat, ruhiger Atem, Korn und Kimme auf das Ziel, und dann drücke ich ab. Der Rückstoß schlägt mir in die Schulter, ein vertrauter, fast schon beruhigender Schmerz inmitten des Chaos, und ich sehe, wie die Gestalt am Geschütz zusammensackt. Aber ich erlaube mir keinen Moment der Erleichterung oder des Triumphs, denn aus dem Schützenloch neben dem Geschütz tauchen zwei weitere Soldaten auf, die ihre Gewehre in unsere Richtung schwenken. Krauses Maschinenpistole rattert los, eine kurze harte Salve, und Brand feuert ebenfalls. Ich lade durch, presse mich tiefer in den Staub, während Erde und Grasbüschel um mich herum aufspritzen, getroffen von den Antwortschüssen der Russen.

Das Geschützrohr der Pak schwenkt herum in unsere Richtung, und ich begreife mit eisiger Klarheit, dass sie versuchen, uns direkt mit der Kanone zu beschießen, was bei dieser Entfernung bedeuten würde, dass wir in Stücke gerissen werden, sollte der Schuss treffen. Ich schreie Krause zu, dass wir zurückweichen müssen, aber er schreit zurück, dass es zu spät ist, dass wir jetzt durchhalten müssen, bis der Tiger seine Position erreicht hat, der, wie ich jetzt erst bemerke, langsam, aber unaufhaltsam über die Bodenwelle hinter uns hinwegrollt, sein Geschütz schon auf die Pakstellung ausgerichtet. Die Sekunden ziehen sich wie zähes Pech. Jede einzelne fühlt sich an wie eine Ewigkeit, während ich mich frage, ob ich die nächste überleben werde. Und dann feuert der Tiger, und die Druckwelle reißt mir den Atem aus der Brust, noch bevor das Geschoss überhaupt eingeschlagen ist. Die Pakstellung verschwindet in einer Wolke aus Erde, Rauch und Feuer. Als sich der Staub legt, ist von dem Geschütz nur noch ein verbogener, rauchender Haufen Metall übrig.

Ich liege da, zittere, spüre, wie sich eine Welle der Erschöpfung über mich legt, so plötzlich und überwältigend, dass ich für einen Moment einfach nur liegen bleiben möchte, die Augen schließen und alles um mich herum verschwinden lassen. Aber Krause ist schon wieder auf den Beinen, treibt uns weiter an, denn die Schlacht ist noch lange nicht vorbei. Vielleicht hat sie gerade erst richtig begonnen. Wir rücken weiter vor über die Trümmer der zerstörten Stellung, und ich sehe die Leichen der russischen Geschützbedienung, verkohlt, zerfetzt, kaum noch als Menschen erkennbar. Ich zwinge meinen Blick weg, denn wenn ich zu lange hinsehe, weiß ich, dass die Bilder sich in mein Gedächtnis brennen und mich nachts verfolgen werden, falls ich überhaupt noch einmal die Gelegenheit bekomme, ruhig zu schlafen. Der Gestank hier ist überwältigend. Verbranntes Fleisch, verbranntes Öl, der metallische Geruch von frischem Blut. Ich atme flach durch den Mund, um möglichst wenig davon einzuatmen, obwohl das natürlich nichts nützt, denn der Gestank klebt einem förmlich an der Kleidung, in den Haaren, in der Erinnerung.

Von hinten dröhnt jetzt ein neues fürchterliches Geräusch heran, dieses charakteristische heulende Pfeifen und Donnern, das mir die Nackenhaare aufstellt, denn ich erkenne es sofort. Nebelwerfer, unsere eigenen diesmal, die über uns hinweg in Richtung der sowjetischen Linien feuern. Ein ganzes Bündel von Raketen, die mit einem Geräusch davonrasen, das sich anhört, als würde der Himmel selbst aufreißen. Sekunden später höre ich die Einschläge in der Ferne, ein Trommelfeuer aus Explosionen, das den Boden unter meinen Füßen erzittern lässt, und ich sehe, wie eine Rauchwand am Horizont aufsteigt, dunkel und drohend, ein Vorzeichen dafür, dass dort, wo die Geschosse einschlagen, gerade Menschen sterben. Viele Menschen in einer einzigen fürchterlichen Salve. Ein Teil von mir ist erleichtert, denn jeder Russe, der dort drüben stirbt, ist ein Russe, der nicht auf mich schießen wird. Aber ein anderer Teil, tief in mir vergraben, den ich kaum noch zu spüren wage, fühlt sich krank bei dem Gedanken an das Ausmaß dieses Sterbens, an die Vorstellung, dass dort drüben auch Männer liegen wie ich, mit Müttern, die auf sie warten, mit Ängsten, die den meinen nicht unähnlich sind.

Wir erreichen eine kleine Anhöhe, von der aus sich der Blick auf das weitere Schlachtfeld öffnet. Was ich sehe, lässt mir trotz der Hitze einen kalten Schauer über den Rücken laufen. Über die gesamte Breite der Ebene, soweit das Auge durch den Staub und Rauch reicht, bewegen sich Panzer, unser Tiger und mehrere der kleineren Panzerkampfwagen IV, dazwischen Schützenpanzer, Infanterie, alles in einer scheinbar chaotischen, aber doch koordinierten Vorwärtsbewegung, während von links und rechts immer wieder Granaten einschlagen, Fontänen aus Erde und Rauch in den Himmel werfend. In der Ferne, vielleicht 2000 Meter entfernt, erkenne ich Bewegung, dunkle kantige Silhouetten, die sich aus einer Senke erheben, und mein Magen zieht sich zusammen, denn ich weiß sofort, was das bedeutet. Sowjetische Panzer, T-34, vielleicht 20, vielleicht mehr, die zum Gegenangriff antreten, um die Lücke zu schließen, die wir in ihre Verteidigung gerissen haben. Krause flucht leise, ein Wort, das ich nicht ganz verstehe, aber dessen Bedeutung mir klar ist. Er befiehlt uns, in den nächsten Graben zu springen, einen ehemaligen sowjetischen Schützengraben, der jetzt verlassen und mit Leichen übersät ist, deren Anblick mir fast den Verstand raubt. Aber es ist die einzige verfügbare Deckung, also springe ich hinein, lande unsanft neben einem toten russischen Soldaten, dessen Augen weit geöffnet sind, als würde er mich anstarren. Ich wende mich ab, würge, aber es kommt nichts. Mein Magen ist zu leer für eine echte Übelkeit, nur dieses trockene, würgende Reflex, das mich fast schlimmer plagt, als wirkliches Erbrechen würde.

Die Erde des Grabens ist feucht von Blut, ein süßlicher, eklig klebriger Geruch, der sich mit dem Staub und dem Schießpulver vermischt zu etwas, das ich nie wieder aus meiner Erinnerung löschen werde. Das weiß ich jetzt schon mitten im Moment. Unser Tiger hinter uns dreht den Turm. Das Rohr schwenkt in Richtung der heranrollenden T-34, und ich höre, wie der Kommandant durch die Lukenklappe Befehle brüllt, kaum verständlich über den Lärm der Motoren. Aber die Bewegung des Turms spricht für sich. Ich krieche im Graben weiter, gefolgt von Brand, der mittlerweile eine blutige Schramme an der Wange hat, vermutlich von einem Granatsplitter, von dem er selbst gar nichts zu wissen scheint, so sehr ist er auf das Überleben konzentriert. Wir suchen eine Position, von der aus wir mit unserer Panzerfaust auf die heranrollenden Feindpanzer zielen können, falls einer von ihnen zu nahe kommt. Denn das ist unsere Aufgabe als Infanterie in diesem Verbund, den eigenen Panzer vor Nahangriffen schützen und gegnerische Panzer bekämpfen, die durchbrechen.

Der erste Schuss unseres Tigers auf die heranrollenden T-34 kracht mit einer solchen Gewalt, dass ich trotz der Entfernung den Druck in meiner Brust spüre, und ich sehe, wie einer der sowjetischen Panzer in der Ferne stehen bleibt, eine dünne Rauchfahne aufsteigt, dann eine zweite, dichter werdend, bis der gesamte Panzer in Flammen aufgeht, ein grelles oranges Feuer, das selbst auf diese Entfernung beängstigend hell wirkt. Aber die anderen Panzer rollen weiter, unbeindruckt. Ihre Geschütztürme drehen sich, suchen Ziele, und ich werfe mich tiefer in den Graben, als die ersten Antwortschüsse heranpfeifen, diesmal direkt auf unsere Stellung gerichtet. Ein Einschlag, wenige Meter von uns entfernt, lässt eine Wand aus Erde und Splittern über uns hinwegfegen. Ich presse mich so fest gegen die Grabenwand, dass ich die Form der einzelnen Erdbrocken durch meine Uniform hindurchspüre. Das Herz rast, der Atem geht stoßweise, und in meinem Kopf gibt es nur noch einen einzigen Gedanken, der sich wie eine Schleife wiederholt: Nicht jetzt, nicht hier, bitte nicht jetzt. Brand neben mir murmelt etwas, vielleicht ein Gebet, vielleicht nur unverständliches Wimmern. Ich kann es nicht genau sagen, denn das Pfeifen in meinen Ohren ist seit dem Treffer auf meinen Helm nicht mehr richtig verschwunden. Alles klingt gedämpft, wie durch Watte, und ich muss mich konzentrieren, um die Befehle von Krause überhaupt zu verstehen, der irgendetwas über eine Panzerfaust schreit, über eine Lücke, durch die einer der T-34 direkt auf unsere Position zusteuert.

Ich richte mich vorsichtig auf, spähe über den Grabenrand, und tatsächlich, kaum hundert Meter entfernt, rollt einer der sowjetischen Panzer direkt auf uns zu, sein Geschützturm noch in eine andere Richtung gedreht, was uns möglicherweise einen entscheidenden Vorteil verschafft. Lambrecht, der die Panzerfaust trägt, eine schwere, unhandliche Waffe, die er sich seit Stunden über die Schulter geschnallt hat, kriecht zu der besten Position, die der Graben bietet, atmet einmal tief durch, und ich sehe, wie seine Hände zittern, genauso wie meine. Denn das ist normal, das ist menschlich. Jeder von uns zittert hier, egal wie sehr wir versuchen, es zu verbergen. Er zielt, wartet, bis der Panzer noch näher kommt, denn die Reichweite der Panzerfaust ist begrenzt, und ein verschwendeter Schuss könnte uns allen das Leben kosten. Und dann, als der T-34 kaum noch 30 Meter entfernt ist, drückt er ab, nachdem er sich vorher noch vergewissert hat, dass niemand von uns hinter ihm im Gefahrenbereich der heißen Abgasflamme aus dem Rohr steht. Die Stichflamme aus dem Rohr der Panzerfaust schießt nach hinten, und Brand, der zu nahe gestanden hat, wirft sich gerade noch rechtzeitig zur Seite. Fast hätte ihn die Hitze erfasst. Die Granate rast mit einem zischenden Geräusch auf den Panzer zu, trifft ihn seitlich an der Wanne, und eine gewaltige Explosion lässt den Turm sich verformen. Schwarzer Rauch quillt sofort aus allen Öffnungen, aber der Panzer steht nicht völlig still, rollt noch ein paar Meter weiter, bevor er endgültig zum Stehen kommt, eine brennende, rauchende Ruine.

Ich sehe, wie sich eine Luke öffnet. Ein Mann versucht herauszuklettern, seine Kleidung schon in Flammen, und für einen entsetzlichen Moment starre ich einfach nur, unfähig irgendetwas zu tun, weder zu schießen noch zu helfen, gefangen in dem Anblick eines brennenden Menschen, bis Krause mich anschreit, ich solle in Deckung bleiben, denn die anderen Panzer könnten uns noch immer sehen. Ich ziehe mich zurück in den Graben. Das Bild des brennenden Mannes brennt sich in meine Augen, und ich frage mich, ob ich jemals wieder normal schlafen werde, falls ich diesen Tag überlebe, falls ich diese Schlacht überlebe, falls ich diesen ganzen verfluchten Krieg überlebe. Die Schlacht um uns herum tobt unverändert weiter. Der Boden bebt unter den Einschlägen. Die Luft ist erfüllt von einem ständigen ohrenbetäubenden Lärm, der sich aus dem Donnern der Geschütze, dem Rattern der Maschinengewehre, den Schreien der Verwundeten und dem mechanischen Dröhnen der Motoren zusammensetzt. Ich beginne zu begreifen, dass es so etwas wie Stille auf diesem Schlachtfeld nicht mehr gibt, vielleicht für Stunden nicht, vielleicht für den ganzen Tag nicht.

Krause gibt das Zeichen zum Weiterrücken, denn unser Tiger hat mittlerweile mit Unterstützung der umliegenden Panzerkampfwagen IV die meisten der angreifenden T-34 zerstört oder zum Rückzug gezwungen. Wir müssen die gewonnene Position konsolidieren, bevor die nächste Welle des Gegenangriffs kommt. Denn so läuft es hier. Das habe ich in den letzten Tagen gelernt. Jeder gewonnene Meter wird sofort wieder bedroht. Jede Atempause ist nur die Vorbereitung auf den nächsten Schlag. Wir klettern aus dem Graben, vorbei an den Leichen, vorbei an dem brennenden Panzerwrack, aus dem sich kein Schrei mehr erhebt. Ich versuche, meine Gedanken zu betäuben, mich nur auf die nächsten Schritte zu konzentrieren, auf das Gewehr in meinen Händen, auf die Bewegungen meiner Kameraden, denn das ist alles, was mir noch Halt gibt in diesem Chaos. Die Sonne brennt mittlerweile unbarmherzig herab. Es muss früher Nachmittag sein, und die Hitze, kombiniert mit dem Staub und dem Rauch, lässt die Luft flimmern, sodass die fernen Silhouetten der Panzer und Soldaten wie Geister in einer Fata Morgana erscheinen. Mein Mund ist so trocken, dass ich kaum noch schlucken kann, und ich erlaube mir einen weiteren winzigen Schluck aus meiner Feldflasche, die jetzt fast leer ist. Ich weiß, dass ich in den nächsten Stunden ohne Wasser auskommen muss, falls wir keinen Nachschub bekommen, was angesichts der Lage unwahrscheinlich erscheint.

Wir bewegen uns weiter vorwärts an die Seite unseres Tigers, dessen Kommandant aufrecht in der offenen Turmluke steht, einen Feldstecher vor die Augen gehoben, das Gesicht von Ruß geschwärzt. Er deutet mit ausgestrecktem Arm nach vorn in Richtung eines Gehöfts, das in der Ferne wie eine vereinzelte Insel in dem Meer aus Staub und Rauch wirkt. Dort, schreit er herunter zu uns, ist eine weitere Pakstellung vermutet, getarnt im Inneren der zerstörten Gebäude. Wir sollen vorsichtig vorrücken, denn die Russen sind Meister darin, sich in Ruinen zu verstecken und das Feuer erst im allerletzten Moment zu eröffnen, wenn die eigenen Panzer schon zu nahe sind, um effektiv ausweichen zu können. Ich spüre, wie sich die Anspannung in meinem Körper noch weiter steigert, ein Gefühl, das ich kaum für möglich gehalten hätte, da ich dachte, ich hätte bereits die Grenze meiner Angst erreicht. Aber offenbar gibt es immer noch eine Stufe höher, immer noch eine tiefere Schicht der Furcht, die freigelegt werden kann. Wir nähern uns dem Gehöft in einer langen ausgedünnten Linie. Jeder von uns in größerem Abstand zum nächsten, um nicht durch eine einzige Granate gleich mehrere Mann zu verlieren. Ich beobachte jedes Fenster, jede Türöffnung der zerstörten Gebäude mit einer Intensität, die meine Augen schmerzen lässt.

Ein Schatten bewegt sich in einem der oberen Fenster, und ich reiße mein Gewehr hoch, ziele, der Finger schon am Abzug, aber dann sehe ich, dass es nur ein loses Stück Stoff ist, das im heißen Wind flattert, vielleicht ein Vorhang, vielleicht Teil einer Decke. Ich atme aus, ein zittriger, erschöpfter Atemzug, während mein Herz immer noch hämmert wie ein Presslufthammer. Krause winkt uns in Deckung hinter einer halb eingestürzten Mauer zu gehen, während er mit zwei anderen Männern das Gehöft von der anderen Seite umgeht. Ich kauere mich hinter den Steinen, spüre die raue, warme Oberfläche unter meinen Handflächen und warte. Die Sekunden ziehen sich endlos. Jeder Moment der Stille fühlt sich an wie die Ruhe vor einem Sturm, der jeden Augenblick losbrechen könnte. Dann höre ich Stimmen, russische Stimmen, gedämpft aus dem Inneren eines der Gebäude, und mein Blut gefriert förmlich in meinen Adern, denn das bedeutet, dass dort tatsächlich noch Verteidiger sind. Vielleicht eine ganze Gruppe, vielleicht nur einzelne Nachzügler, die sich versteckt halten, aber in jedem Fall eine tödliche Gefahr für uns, falls wir nicht vorsichtig genug agieren.

Brand neben mir flüstert, dass wir Krause warnen müssten, aber bevor wir reagieren können, kracht von der anderen Seite des Gehöfts ein heftiges Feuergefecht los. Maschinenpistolen, vereinzelte Gewehrschüsse, ein Schrei, der mir das Blut in den Adern stocken lässt, weil er sich wie der von Krause anhört. Ich renne los, ohne wirklich nachzudenken, das Gewehr im Anschlag, um die Ecke des Gehöfts zu folgen, von wo der Lärm kommt. Als ich um die Ecke biege, sehe ich Krause am Boden liegen, eine Hand gegen die Schulter gepresst, Blut quillt zwischen seinen Fingern hervor, aber er ist noch bei Bewusstsein, brüllt etwas in Richtung eines Gebäudeingangs, aus dem zwei russische Soldaten gerade fliehen wollen. Einer der anderen Männer aus unserer Gruppe, den ich später als den Gefreiten Schuldheis identifiziere, feuert seine Maschinenpistole in ihre Richtung, trifft einen von ihnen, der zusammensackt, während der andere im Gebäudeinneren verschwindet. Ich ziele mit meinem Gewehr auf den Eingang, bereit zu feuern, falls der Mann wieder auftaucht. Aber stattdessen höre ich nur ein dumpfes Krachen, vielleicht ein Sturz, vielleicht hat er sich in einem hinteren Raum verbarrikadiert. Schuldheis winkt mir, ihm zu folgen, während wir uns vorsichtig dem Eingang nähern, jeden Schritt mit angehaltenem Atem setzend.

Im Inneren des Gebäudes, das früher offenbar eine Art Lagerhaus oder Scheune gewesen sein muss, ist es dunkel. Nur vereinzelte Lichtstrahlen fallen durch Löcher im eingestürzten Dach, und der Geruch von verbranntem Holz und feuchter Erde liegt schwer in der Luft. Ich höre ein Rascheln links von mir, schwenke mein Gewehr in diese Richtung, mein Finger zittert am Abzug, und dann sehe ich ihn,